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Psychiatrie und Psychotherapie 15. November 2006

Therapieséancen im Gesundheitszuber (Narrenturm 76)

Eine unscheinbare Medaille in einer Vitrine des Narrenturms erinnert an die berühmteste, schillerndste, aber auch umstrittenste Arztpersönlichkeit im Europa des 18. Jahrhunderts: an „den Wohledlen und Hochgelehrten, der Arzneykunde Doctor“ F.A. Mesmer.

Unzählige Menschen verehrten F. A. Mesmer (1734–1815) als Propheten und Wunderheiler. Von ebenso vielen wurde er aber verspottet, angefeindet und öffentlich als Scharlatan, Schwindler und Betrüger bezeichnet. Heute feiern ihn nicht nur Esoteriker und Parapsychologen als einen der Ihren. Mesmer gilt als Pionier der Hypnose- und Suggestionstherapie – to mesmerize bedeutet im Englischen auch heute noch hypnotisieren – sowie als Vorläufer der Gruppen- und Musiktherapie; als Ahnherr der Psychotherapie. Der Sohn eines Försters aus Iznang am Bodensee promovierte 1765 in Wien zum Doktor der Medizin. Bereits in seiner Dissertation „Über den Einfluss der Planeten auf den menschlichen Körper“ versuchte er nachzuweisen, dass ein überall im Universum vorhandener feinster ätherischer Stoff, ein „magnetisches Fluidum“, alles durchdringt und dass sein Fluss im Körper durch die Anziehungskraft der Planeten – „wie Ebbe und Flut“ – für Gesundheit oder Krankheit verantwortlich ist. Nach Heirat einer reichen Witwe gehörte Mesmer bald zur Crème der Wiener Gesellschaft. Im noblen Palais in der Rasumovskygasse 29, das 1920 leider abgerissen wurde, eröffnete er seine Praxis. Bei Jesuitenpater Maximilian Hell, Hofastronom und Leiter der Wiener Sternwarte – Hell führte damals bereits mit Magneten, die den erkrankten Organen nachgebildet waren, erfolgreich Kuren durch – lernte Mesmer den therapeutischen Einsatz von magnetisiertem Stahl kennen und probierte ihn 1774 erstmals bei einer Patientin aus. Der überraschende Heilungserfolg der jungen Frau mit periodischen Lähmungszuständen, zeitweiliger Blindheit, Krampfanfällen und Ohnmacht – er hatte ihr drei Magneten aufgelegt – machte ihn sicher, dass er auf ein elementares Geheimnis der Natur gestoßen war. Weitere spektakuläre Erfolge machten Mesmer in Wien rasch bekannt; bei Kollegen und der Fakultät allerdings höchst unbeliebt. Der charismatische Modearzt Mesmer bekam bald den Ruf eines Wunderdoktors, und Patienten aller Gesellschaftsschichten strömten in seine Ordination. In seinem Palais traf sich mittlerweile die Elite Wiens; Haydn, Gluck und die Familie Mozart zählten zu seinen Freunden. Mozarts Singspiel „Bastien und Bastienne“ erlebte 1768 im Garten des Palais Mesmer seine Uraufführung.

Animalischer Magnetismus

Mit seinem Heilkonzept des „animalischen oder tierischen Magnetismus“ – Mesmer war mittlerweile überzeugt, dass nicht allein die Magneten, sondern auch er selbst als „Magnetiseur“ Energie ausstrahlte – wollte er das „ungleiche Fluidum“ aus dem Körper des Kranken ableiten und eine gesunde Harmonie im Organismus wiederherstellen. Nach dem Skandal um die blinde Pianistin Maria Theresia Paradis – Mesmer konnte ihr angeblich zumindest kurzzeitig das Augenlicht wiedergeben, aber ihr Vater beendete gewaltsam die Therapie, weil er, wie böse Zungen behaupteten, Angst hatte, dass seine Tochter als Sehende ihre musikalische Genialität und außerdem die Rente der Kaiserin Maria Theresia verlieren würde – beauftragte die Kaiserin selbst eine Kommission, um den Fall zu untersuchen. Auf Grund dieser Untersuchung legte die Wiener medizinische Fakultät Mesmer nahe, auf den „Betrug“ mit dem tierischen Magnetismus zu verzichten. Enttäuscht verließ Mesmer 1778 Wien und ließ sich in Paris nieder. Tatsächlich fand er in Paris einen weit empfänglicheren Boden für seine magnetischen Therapien als in Wien. Der Andrang in seiner „magnetischen Praxis“ war bald so groß, dass er Gruppentherapien durchführen musste. Die Magnetisierung seiner Patienten erfolgte hier über Eisenstäbe aus einem von ihm erfundenen „Gesundheitszuber“ mit magnetischem Wasser. Die „Séancen“ im abgedunkelten Raum mit Spiegeln, die das Fluidum reflektieren sollten, und den überirdischen Tönen einer Glasharmonika, die Mesmer, gekleidet in ein fliederfarbenes Gewand aus Seide, selbst spielte, waren in der besseren Pariser Gesellschaft trotz der enorm hohen Honorare bald außerordentlich beliebt. Für die Kollektivbehandlung der Armen magnetisierte Mesmer im Park einen Baum, von dem sich die Patienten mit herabhängenden Seilen den „tierischen Magnetismus“ selbst zuführen konnten. Aber auch in Paris gelang es Mesmer nicht, wissenschaftlich anerkannt zu werden. Eine hochkarätig besetzte Kommission unter der Leitung des Amerikaners Benjamin Franklin konnte 1784 keinen physikalischen Beweis für das „magnetische Fluidum“ seiner Therapien finden. Man bestätigte die therapeutische Wirkung seiner Behandlungen, führte sie aber auf „Einbildung“ zurück. Mesmer selbst lehnte aber die „Imagination“ als Wirkfaktor seiner Therapie zeit seines Lebens ab und beharrte auf seinem „animalischen Magnetismus“ als physikalische Kraft. Er sah sich immer als streng naturwissenschaftlich denkender Arzt und wäre gar nicht begeistert, heute als Urahn der Psychotherapie angesehen zu werden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 46/2006

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