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Künstliches Fieber gegen Geisteskrankheiten (Narrenturm 75)

Im Jahr 2004 wurde der einstmals vom Völkischen Beobachter als „aufrechter Deutscher“ titulierte Julius Wagner-Jauregg durch eine Historikerkommission von dem Vorwurf, eine historisch belastete Person zu sein, freigesprochen. Mit seiner Malariatherapie hatte der Nobelpreisträger die Behandlung bestimmter psychiatrischer Erkrankungen revolutioniert.

Wer das Gehirn des Psychiaters Julius Ritter Wagner von Jauregg (1857–1940) als Feuchtpräparat aufbewahrte, ist ebenso unbekannt wie der Grund, warum ein Pathologe dies tat. War das Gehirn im Glas für eine Sammlung berühmter Gehirne vorgesehen? Sollte es unter anderen Elitegehirnen aufbewahrt und später untersucht werden? War es für ein Museum grauer Substanzen vorgesehen? Genau weiß man das nicht; das berühmte Denkorgan landete jedenfalls irgendwann im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum, wo es in einer Vitrine neben einer Totenmaske Wagner-Jaureggs in einer bereits leicht trüben Flüssigkeit schwimmt. Noch dazu mit einem falschen Sterbedatum auf der Beschriftung des Präparats, Wagner-Jauregg starb am 27. September 1940 und nicht im Oktober.

Fieberhafte Erkrankungen lindern Psychosen

Wagner-Jauregg hatte seinen Einfall – an sich eine Jahrhunderte alte Idee –, durch Fieber andere Krankheiten zu heilen, bereits im Jahr 1887 publiziert. Mit der Arbeit „Über die Einwirkung von fieberhaften Erkrankungen auf Psychosen“ legte er damals den Grundstein zu seiner späteren tatsächlich epochalen Therapie in der Geschichte der Psychiatrie.
Über 30 Jahre später und nach jahrelangen Forschungen – Tuberculin, Thyphus-Vaccine und Rotlauf-Streptokokken brachten nicht den gewünschten Erfolg – publizierte er 1917 die sensationellen Erfolge seiner Malariatherapie bei der progressiven Paralyse, einer Form der Neurolues, die damals praktisch nicht behandelt werden konnte und unweigerlich zur völligen Verblödung und zum Tod führte. Der durchschlagende Erfolg der Impfungen mit Malariablut – immer in Kombination mit dem kurz zuvor entdeckten Salvarsan (siehe ÄRZTE WOCHE Nr. 39/2006) – und die später entwickelten genauen therapeutischen Prozeduren machten die Malariatherapie zur weltweit wirksamsten Methode zur Behandlung von Paralytikern.
Angeblich war die einzige Schwierigkeit bei dieser Behandlung, immer einen geeigneten Malariakranken an der Klinik zu haben, dessen Blut für die Serie der acht oder zehn Fieberbehandlungen verwendet werden konnte.
1927 erhielt Wagner-Jauregg für seine Verdienste um die Malariatherapie den Nobelpreis für Medizin. Nach der Einführung der noch wirksameren spezifischen Behandlung der Lues mit Penicillin ab den 1940er Jahren hatte diese Art der Behandlung aber nur mehr historischen Wert.
Wagner-Jaureggs Name ist aber nicht nur mit der Malariatherapie eng verbunden. An der Psychiatrischen Klinik in Graz studierte er 1889 die in manchen steirischen Gebieten gehäuft auftretenden Fälle von Kretinismus. Als Ursache für das Krankheitsbild erkannte er bald eine Unterfunktion der Schilddrüse aufgrund von Jodmangel. Durch Beimengung geringer Mengen Jod zum Trinkwasser erzielte er gute Erfolge bei der Kropfbehandlung, und zur Prophylaxe des Kretinismus schlug er als Erster jodiertes Kochsalz vor. In Österreich entschloss man sich – auf seine Initiative – aber erst 1923, diese Art der Kropfprophylaxe anzuwenden.
Vor drei Jahren entbrannte eine heiße Diskussion um die „Ehrengrabwürdigkeit“ Wagner-Jaureggs am Wiener Zentralfriedhof – man warf ihm Verbindungen zur ­NSDAP, Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts und rassenhygienische Lehren vor.

 Gehirn von Julius Wagner-Jauregg
Das Gehirn von Julius Wagner-Jauregg im pathologisch-anatomischen Museum.

Foto: Regal/Nanut

Ehrgrabwürdigkeit in Frage gestellt

2004 gab das Land Oberösterreich eine umfangreiche Untersuchung zur Klärung der Frage, „ob der Namensgeber der Landes-Nervenklinik [Julius Wagner-Jauregg] als historisch belastet angesehen werden muss“, in Auftrag. Die hochkarätig besetzte Kommission, bestehend aus einem Historiker, einem Sozialwissenschafter, einer Soziologin und einem Psychiater, kam zu folgendem Ergebnis: Wagner-Jauregg war zu keiner Zeit Mitglied der nationalsozialistischen Partei; der deutschnationale Wagner-Jauregg hatte aus ungeklärten Gründen zwar wenige Monate vor seinem Tod um die Mitgliedschaft in der NSDAP angesucht, war aber „wegen ... Rasse“ – seine erste Frau war Jüdin – abgelehnt worden.

Im Mainstream der damaligen wissenschaftlichen Diskussion

Auch die ihm vorgeworfenen rassenhygienischen Lehren sah die Kommission als Beiträge zur Eugenik „im Mainstream der damaligen internationalen wissenschaftlichen Diskussion“ und fand in diesen Arbeiten keine „rassenhygienische Terminologie“ im nationalsozialistischen Sinn. Insgesamt beschied die Kommission, „dass Wagner-Jauregg nicht als historisch belastete Persönlichkeit anzusehen sei“.Auch wenn sich nach diesem Ergebnis der Kommission kein Handlungsbedarf für diverse Umbenennungen ergab, wird sich die Diskussion um den einzigen Psychiater der Welt, der jemals einen Nobelpreis bekam, vermutlich noch lange hinziehen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 45/2006

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