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Geschichte 24. Oktober 2006

War der Wunderdoktor eine Frau? (Narrenturm 73)

Die Gebeine des Paracelsus, wie sich der Arzt, Magier, Alchemist, Astrologe und Theologe Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim nannte, erlitten ein ähnliches Schicksal wie viele prominente sterbliche Überreste: Die ewige Ruhe fanden sie nicht.

Legendenumwoben wie sein Leben und sein Tod ist die Geschichte der Skelettreste des Paracelsus, die als Gipsabdrücke im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum besichtigt werden können. Die zwischen Mittelalter und Neuzeit zweifellos bedeutendste Arztpersönlichkeit in Mitteleuropa starb nach unstetem Wanderleben am 24. September 1541 in Salzburg. In seinem Testament, das er „schwachs leibs“ drei Tage vor seinem Tod diktiert hatte, bestimmte er den Armenfriedhof „sanct Sebastian ennthalb der Pruckhen“ zum Ort seiner letzten Ruhe. Frieden sollten seine Überreste aber nicht finden. So wie Paracelsus sein Leben lang ein un­steter Wanderer war, so kamen auch seine sterblichen Überreste nicht und nicht zur Ruhe. Beigesetzt an seinem Todestag in der Mitte des Sankt-Sebastian-Friedhofs, wurden seine Gebeine bereits 50 Jahre später ausgegraben und dann an der Ostmauer erneut bestattet. Die nächste Exhumierung fand dann 1752 statt. Von da an hütete man das Skelett im – auch heute noch bestehenden – prunkvollen Grab mit der Marmorpyramide und dem alten Grabstein als Sockel wie eine Reliquie.Wie um das Leben, so gab und gibt es auch um den Tod und die Todesursache des Paracelsus seit jeher unzählige Geschichten und Legenden. Das Volk wollte einfach nicht glauben, dass „der überragende Doktor der Medizin, der auch grauenhafte Wunden, Aussatz, Gicht, Wassersucht und andere unheilbare Krankheiten des Leibes mit wunderbarer Kunst heilte“ – so die Grabinschrift am Sockel des Grabdenkmals – freiwillig sein „Leben mit dem Tod vertauscht“ hatte. Noch dazu, wo er doch, wie er selbst behauptete, im Besitz eines geheimen Lebenselixiers war. Auch die medizinische Wissenschaft interessierte sich bald für diese ungelösten Rätsel. Im Jahr 1818 untersuchte der Anatom Samuel Thomas Soemmering den wieder einmal aus dem Grab entnommenen Schädel des Paracelsus und diagnostizierte eine Spalte am linken Schläfenbein – ähnliche Spuren finden sich auch am linken Oberschenkelknochen –, die nach seiner Ansicht von einer Hiebwaffe stammen könnten. Naturgemäß waren mit dieser Diagnose Verschwörungs- und Ermordungstheorien Tür und Tor geöffnet.

Toxische Konzentrationen merkurialischer Medikamente

Im Jahr 1912 kamen die Skelettreste in einer Kupferkassette ins Grabmal. Während des Zweiten Weltkriegs wurden sie an verschiedenen Orten in Salzburg versteckt. Achtlos warf angeblich ein amerikanischer Soldat Schädel, Becken und Oberschenkelknochen, die er auf der Festung Hohensalzburg gefunden hatte, auf einen Abfallhaufen. Nach längeren Nachforschungen fand man die Skelettteile wieder und bestattete sie am 20. Oktober 1951 erneut im Paracelsus-Grab am Sankt-Sebastian-Friedhof. Seine ewige Ruhe fand Paracelsus aber noch immer nicht. Im Frühjahr 1990 übergab die Internationale Paracelsus-Gesellschaft einem Team von Gerichtsmedizinern und Anthropologen der Universität Wien die Skelettreste zur „forensisch-anthropologischen Untersuchung im Hinblick auf Agnoszierung des Paracelsus bzw. der Interpretation möglicher Todesursachen“. Der Schädel konnte durch einen fotografischen Identitätsvergleich mit einem authentischen Portrait als jener von Paracelsus identifiziert werden. Die Mordtheorien konnten die Experten eindeutig zurückweisen. Die „Verletzungen“ am Skelett waren mit Sicherheit durch den Spaten der Totengräber bei den Umbettungen entstanden. Auch die gewaltige Quecksilberbelastung der Knochen – „vielleicht sogar toxische Konzentrationen zu Lebzeiten des Individuums“ – war nicht überraschend, da Paracelsus „merkurialische“ Medikamente herstellte und wohl auch einnahm. Nicht Mord und Totschlag seiner neiderfüllten feindseligen Standesgenossen haben also Paracelsus das Leben gekostet. Die Kombination von Alkohol (Paracelsus galt als ungeheuer trinkfreudig und auch trinkfest), Laudanum, einem Opiumpräparat, das er ständig bei sich trug, und Quecksilber haben vollständig gereicht, um den erst 48-Jährigen vom Leben zum Tod zu befördern.

Eindeutig weibliche Merkmale

Einen interessanten Befund am Skelett des Paracelsus entdeckten die Wissenschafter aber dennoch. Die anthropologische Untersuchung ergab eindeutig weibliche Merkmale an seinem Beckenskelett. Geht man davon aus, dass die Knochen bei einer der zahlreichen Umbettungen nicht vertauscht wurden, lag bei Paracelsus möglicherweise ein „angeborenes androgenitales Syndrom“ vor. Eine „chromosomale Frau im Körper eines scheinbaren Mannes“, eine genetische Störung, die nach Angaben der Untersucher nicht nur mit „Körperbau und Aussehen“, sondern auch mit dem „Wesen und Lebenslauf“ des Paracelsus gut in Einklang gebracht werden könnte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 43/2006

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