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Schockierende Stromstöße (Narrenturm 72)

Eine Vitrine im Narrenturm beherbergt Therapiegeräte, die seit Jahrzehnten den leibhaftigen Gottseibeiuns aller Gegner der klassischen Psychiatrie darstellen: technisch recht einfach gebaute Apparaturen – eigentlich nur eine große Zange mit zwei Elektroden und eine Steuerung für Stromstärke und -dauer – für die so genannte Elektrokrampftherapie.

Die früher auch Elektroschocktherapie genannte Behandlung ist zwar überaus effizient und heute nach den Kriterien der Evidence Based Medicine abgesichert. Dennoch hat sie als scheinbar gewalttätig nach wie vor den schlechtesten Ruf aller medizinischen Behandlungen. In aller Stille erlebt allerdings eine schonende Form der Elektrokrampftherapie (EKT) bei ausgesuchten psychiatrischen Krankheitsbildern seit einigen Jahren eine Renaissance. Die Beobachtung, dass plötzliches Erschrecken bei einigen Irren eine Besserung brachte, bei manchen sogar die Symptome verschwinden ließ, hat bereits sehr früh zur Erprobung verschiedener Schock- oder eigentlich Schreckbehandlungen geführt. Plötzliche, unerwartete Güsse mit eiskaltem Wasser gehörten hier ebenso zur Therapie wie unsichtbare Falltüren auf Brücken, durch die die ahnungslosen Patienten überraschend einige Meter tief ins Wasser stürzten. Sturzbad nannte man bezeichnenderweise diese rigorose Methode. Auch noch am Beginn des 20. Jahrhunderts gab es außer einigen Beruhigungsmitteln praktisch keine Medikamente für psychiatrische Erkrankungen. Deshalb nahm die Psychiatrie die erste tatsächlich wirksame Behandlungsmethode der Schizophrenie begeistert an. Der österreichische Psychiater Manfred Sakel entwickelte 1930 in Berlin die Insulinschock-Therapie, bei der künstlich ein hypoglykämischer Schock mit Krämpfen und Koma erzeugt wurde. Angeregt durch diese Berichte, führte der Budapester Psychiater Ladislav von Meduna einige Jahre später die Kampfer- und später die Ca­diazolschocktherapie in die Psychiatrie ein. Mit diesen so genannten somatischen Therapien war es den Psychiatern erstmals möglich, aktiv in das rätselhafte Krankheitsgeschehen von Geisteskrankheiten einzugreifen. In Italien experimentierten etwa zur selben Zeit die beiden Psychiater Ugo Cerletti (1877–1963) und Lucio Bini (1908–1964) mit elektrisch induzierten Krampfanfällen im Tierversuch. Im April 1938 wagten sie die erste Anwendung an einem 40-jährigen stuporösen Schizophrenen. Nach elf Elektroschocks konnte er zwei Monate später – nach Berichten von Cerletti und Bini voll remittiert – entlassen werden. Auf Grund der hohen Erfolgsrate, der geringen Kosten und der einfachen Anwendung verbreitete sich die Elektrokrampftherapie rasch weltweit und löste den Cardiazolschock als Behandlungsmethode ab. Trotz vieler Untersuchungen ist der genaue Wirkmechanismus des „heilsamen“ künstlichen „Gewitters im Gehirn“ bis heute ungeklärt. Schwedische Wissenschaftler haben kürzlich entdeckt, dass die EKT das Wachstum von Nervenzellen und Blutgefäßen in den durch die Krankheit geschädigten Arealen des Gehirns anregt und dadurch die lokale Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen verbessert.

Bei manchen Krankheitsbildern lebensrettend

Während viele Psychiater in der EKT heute die effektivste und für bestimmte Zustände sogar die einzig lebensrettende Therapieform für ausgewählte psychiatrische Krankheiten sehen, hat das Verfahren einen denkbar schlechten Ruf. Filme wie Milos Formans „Einer flog über das Kuckucksnest“, in dem brutal festgehaltene tobende Irre kreischen, brüllen und sich wie besessen aufbäumen, wenn ihnen gegen ihren Willen Stromschläge verabreicht werden, trugen nicht unwesentlich zum furchtbaren Ruf des Verfahrens bei. Bilder, die vermutlich in der „Urzeit“ der Heilkrampftherapie – als noch ohne Narkose, ohne Muskelrelaxation, nur mit einem Gummischlauch zwischen den Zähnen und zudem auch noch ohne Einwilligung des Patienten mit schweren Stromstößen geschockt wurde – durchaus der Realität entsprachen. Heute sieht die Realität allerdings ganz anders aus. Gegenwärtig findet die Behandlung, zumindest in Mitteleuropa, nur nach Einwilligung des Patienten, üblicherweise in Vollnarkose und in absoluter Muskelentspannung statt. Dies hat dem Verfahren viel von seinen Schrecken und Risiken genommen. Eigens dafür adaptierte Räume mit vollständig eingerichteten Narkosearbeitsplätzen und der Möglichkeit, sämtliche Vitalparameter während der Behandlung zu überwachen, haben die EKT heute sicher und verträglicher gemacht. Der abgrundtief schlechte Ruf ist ihr trotzdem geblieben.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 42/2006

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