zur Navigation zum Inhalt
 
Geschichte 10. Oktober 2006

Der enthauptete Haydn (Narrenturm 71)

Der „Gypsabguß“ des Schädels von Joseph Haydn (1732–1809) im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Abguss des echten Haydn-Schädels. Doch darum rankt sich eine mysteriöse Geschichte, die sich wie eine skurrile Kriminalkomödie liest.

Der damals nicht nur in Wien, sondern auch international berühmte und gefeierte Komponist Joseph Haydn starb am 31. Mai 1809 in der Kleinen Steingasse in Wien Gumpendorf – heute 6. Bezirk, Haydngasse Nr. 19. Ein Begräbnis erster Klasse, wie er es sich gewünscht hatte, verhinderte die damalige politische Situation, die französische Armee unter Napoleon hatte soeben Wien erobert und besetzt. Am 1. Juni bestattete man Haydn in Anwesenheit von nur 15 Trauergästen „in Hinblick auf den Ernst der Zeit und die Not einfach, aber würdig“ am Hunds­turmer Friedhof, heute Haydn-Park im 12. Bezirk.
Auch die fürstliche Familie Esterházy, damals eine der wohlhabendsten und einflussreichsten Familien der Monarchie, für die Haydn fast dreißig Jahre als ­li­vrierter Musiker und Kapellmeister gearbeitet hatte, ignorierte den Tod und das Grab ihres berühmten Bediensteten. Nur ein ehemaliger Schüler Haydns ließ ein paar Jahre später eine schlichte Schiefertafel mit den Worten seines Lehrers „Ich werde nicht ganz sterben“ an seinem Grab aufstellen.
Erst elf Jahre nach Haydns Tod erinnerte sich Fürst Nikolaus II. an den genialen Bediensteten der fürstlichen Familie und erwirkte 1820 die Bewilligung, das Grab Haydns öffnen zu dürfen und die sterblichen Überreste nach Eisenstadt zu überführen. Als bei der Exhumierung der Sarg in Anwesenheit des Fürsten geöffnet wurde, entdeckte man den Frevel: Haydns Körperskelett und auch seine Perücke waren vorhanden, aber der Kopf des Meisters fehlte! Erzürnt über die Blamage, die „wie er glaubte, ihm angetan sei“, verließ der Fürst den Friedhof und übergab „die Sache der Kriminalpolizei“.
Lang musste die Polizei nicht ermitteln. Bald fand man die Urheber der ruchlosen Tat. Wie zu dieser Zeit nicht anders zu erwarten, waren die Kopfjäger Schüler und Verehrer des Schädelforschers Franz Joseph Gall, die am Schädel ­Haydns seine musikalische Genialität untersuchen und Galls Thesen beweisen wollten. Laut Polizeibericht bestachen Josef Karl Rosenbaum, ein Sekretär Esterázys, Johann Peter, der Verwalter des Provinzialstrafhauses in Wien und zwei höhere Wiener Beamte acht Tage nach der Beisetzung einen Totengräber, das Grab Haydns zu öffnen und der Leiche den Kopf abzuschneiden. Nach Präparation und Konservierung bewahrten ihn die ­Adepten Galls in einem edlen Holzkästchen „auf einem Kissen von Seide mit Sammt drapiert“ auf.

Auf Samt gebettet

Über das Ergebnis ihrer phrenologischen Untersuchungen wurde nichts bekannt. Als die Polizei nun den Schädel zu suchen begann, übergab Peter irgendeinen aus der Sammlung Rosenbaums der Polizei, gab ihn als Schädel Haydns aus und beendete damit weitere Nachforschungen. Der falsche Schädel landete bei den echten Gebeinen Haydns in Eisenstadt.
Den echten Schädel Haydns übergab Rosenbaum erst 1829 „auf seinem Totenbett“ an Peter mit dem Auftrag, die Reliquie dem Wiener Musikkonservatorium zu übergeben. Aus Angst vor Bestrafung wagte es aber weder Peter – er gibt den Wunsch Rosenbaums aber testamentarisch weiter – noch später seine Witwe, den Schädel dem Musikkonservatorium zu übergeben. Über den Hausarzt Peters kam der Totenkopf 1852 zum Wiener Pathologen Carl von Rokitansky, der ihn im Museum seines Instituts aufbewahrte. Dessen Söhne übergaben schließlich nach längeren Streitigkeiten 1895 die Reliquie der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Würdiger Platz im Museum

Hier fand der Kopf des Komponisten bis 1953 einen würdigen Platz in einem lyrageschmückten Kästchen im Museum der Gesellschaft. Das kleine Mausoleum, das Dr. Paul Esterházy 1932 in einem Seitentrakt der Bergkirche in Eisenstadt für die Gebeine Haydns errichten hatte lassen, blieb leer. Die Musikfreunde weigerten sich beharrlich, den Schädel des Meisters herauszugeben.
Erst 1954 vereinigte man in einem großen Festakt den Kopf „jenes vergötterten Menschen“ – „von ruchlosen Händen in verabscheuungswürdiger Kühnheit aus falscher Wissbegier dem Grabe entrissen“ – mit dem echten Körperskelett im Sarg in der Bergkirche, nachdem man den falschen Kopf unauffällig entfernt hatte. Obwohl bereits die Anatomen Langer von Edenberg 1887 und Julius Tandler 1909 die Echtheit des Wiener Haydn-Schädels praktisch bewiesen hatten, verehrten musikinteressierte Reliquienfreunde von 1820 bis 1954 in Eisenstadt Joseph Haydn mit einem falschen Kopf. Wer nun die Ehre hatte, 134 Jahre lang als Schädel des göttlichen Genies verehrt zu werden, wäre interessant zu wissen, wird sich aber wohl nie klären lassen.

 Abguß des Craniums von Joseph Haydn
Der echte Schädel Joseph Haydns wurde zu Studienzwecken gestohlen und verborgen gehalten. Der Abguss im pathologisch-anatomischen Museum ist wahrscheinlich echt.

Foto: Regal/Nanut

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 41/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben