zur Navigation zum Inhalt
 
Chirurgie 19. September 2006

Der Feldscher, Wegbereiter der modernen Chirurgie (Narrenturm 68)

Ein kleines chirurgisches Besteck der Firma Flatters & Garnett aus Manchester im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm hat die Musealnummer 27.598. Es erinnert an einen Berufsstand, der vom Ende des Mittelalters bis fast ins 19. Jahrhundert in Kriegszeiten unentbehrlich und für das Heer weit wichtiger war als jeder gelehrte Medikus: der Feldscher.

Die Bezeichnung Feldscher hat ihren Ursprung in der Landsknechtzeit, als die Gesellen der Barbiere – sie waren im Heer schlechter bezahlt als Trommler und Pfeiffer – neben ihren medizinischen Tätigkeiten im Feld die Offiziere der Armee regelmäßig rasieren mussten. Ein gut ausgebildeter Feldscher, von seinem Wissen und Können irgendwo zwischen Barbier und Wundarzt angesiedelt, war für jede Kriegspartei von größter Wichtigkeit. Er kannte sich so halbwegs in der menschlichen Anatomie aus, versorgte Schuss- und Schnittwunden, renkte Brüche ein, amputierte Gliedmaßen, öffnete Abszesse und behandelte Entzündungen und Verbrennungen. Das oft mehr schlechte als rechte Zusammenflicken der meist furchtbaren Verletzungen oder das Amputieren waren sein tägliches Brot: Tätigkeiten, mit denen sich damals kein studierter Arzt die Finger schmutzig machte. Tatsache ist, dass sich die Ursprünge von Allgemeinmedizin und Chirurgie, Zahnmedizin und Urologie nicht auf akademischem Boden entwickelten, sondern in ihren Anfängen „profanes“ Handwerk waren und als solches auch gelernt wurden. Nicht die gelehrten Buchärzte, sondern die Steinschneider, Starstecher, Okulisten, Zahnbrecher, Wundärzte, Barbiere, Bader, Chirurgen und Feldscherer behandelten die normale Bevölkerung. Nur reiche Patienten konnten sich einen studierten Arzt, falls ein solcher überhaupt in der Nähe war, leisten. Die studierten Medici, die Internisten, blickten hochmütig auf die medizinischen Handwerksberufe herab und verachteten sie. Die soziale Kluft zwischen den akademisch gebildeten Doktoren und den praktisch tätigen war gewaltig. Von der Chirurgie getrennt hatte sich die Medizin – genauer die innere Medizin – erst im 12. Jahrhundert.

Unakademisches Handwerk

Während die Chirurgie Handwerk blieb, wurde die Medizin zum angesehenen akademischen Fach. Zu einem Fach allerdings, das sich kaum praktisch betätigte, sondern hauptsächlich mit Literaturstudien und Disputationen befasste. Der Arzt bestimmte etwa nach Harnschau und Konstellation der Gestirne, wann und wo bei einem Patienten ein Aderlass durchzuführen sei, die Ausführung überließ er aber den medizinischen Handwerkern. An der niederen Chirurgie oder gar dem Verbinden von Wunden hatten die Hochgelehrten keinerlei Interesse. Einer der ersten Feldscherer, dem es zumindest einigermaßen gelang, die Gräben zu den gelehrten Ärzten zu überbrücken und damit seinen Berufsstand etwas aufzuwerten, war der französische Chirurg und Feldscher Ambroise Paré (1510–1590). Nach einer Lehre als Barbier war er lange Zeit als Feldchirurg auf vielen Schlachtfeldern Europas unterwegs, wo er zahlreiche Neuerungen in die Behandlung von Kriegsverletzungen einführte.

Operateur des Königs

So erfand er etwa die Gefäßligatur bei Amputationen – bisher hatte man ausschließlich das Glüheisen zur Blutstillung verwendet – und ersetzte das siedende Öl, das man üblicherweise über den Amputationsstumpf gegossen hatte, durch milde Salben. Obwohl er keine akademische Ausbildung hatte, ernannte ihn König Heinrich II. zum „chirurgien du roi“ und erreichte, dass man ihn in die medizinische Fakultät in Paris aufnahm. Paré gilt heute als einer der wichtigsten Pioniere der modernen Chirurgie. Da die Wundärzte kein Latein konnten, waren sie zwar größtenteils von der medizinischen Fachliteratur ausgeschlossen, hatten aber den Vorteil, unbeeinflusst von oft falschen Vorstellungen und Traditionen eigene Beobachtungen zu machen und neue, oft bessere Behandlungsmethoden auf dem Gebiet der praktischen Chirurgie zu entwickeln. Die Tätigkeit des Feldscher, der ja neben der „Kleinen Chirurgie“ im Krieg oft auch massenhaft schwerste Kriegsverletzungen zu versorgen hatte, brachte trotz aller mangelhaft ausgebildeten Scherer und damit meist unzureichender medizinischer Versorgung der Soldaten letztendlich doch einen gewaltigen Entwicklungsschub für die gesamte Chirurgie.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 38/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben