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Dermatologie 4. Juli 2006

Selbstversuch mit Krätzmilbe (Narrenturm 62)

Das Spezialfach Dermatologie gab es 1843 noch nicht, als der Internist Josef Skoda im Allgemeinen Krankenhaus in Wien seinen jüngsten Sekundararzt Ferdinand von Hebra (1816–1880) damit beauftragte, sich um das „Ausschlagszimmer“ der Abteilung für Brustkranke zu kümmern.

Hautkrankheiten waren im 19. Jahrhundert ein eher unbeliebtes Gebiet der Heilkunde. Syphilitiker, Psoriatiker, Patienten mit Lepra, Krätze oder Ekzemen, egal wie die Diagnose lautete, man steckte die Patienten in ein so genanntes „Krätzezimmer“, überließ sie üblicherweise einem Aufseher – ein Arzt kam vielleicht ein- oder zweimal die Woche vorbei – und war eigentlich recht froh, die Patienten mit den „hässlichen Krankheiten“ irgendwie abgesondert zu sehen. Für die Ärzte war die Haut damals kein eigenes Organ, sondern jener Ort, an dem sich die inneren Krankheiten des Körpers zeigten, „Ausschläge“ eines inneren Leidens eben. Nach der klassischen humoralmedizinischen Säftelehre waren diese „Hautblüthen“ der Versuch des Körpers, sich der schlechten Säfte zu entledigen. Man hielt es für gefährlich, den Ausschlag zu unterdrücken und damit den „Heilungsprozess“ zu behindern. Weil sich „die Krankheit der Haut gefährlich nach innen schlagen könnte“, wollte man auf keinen Fall diese Ausschläge behandeln und eindämmen. Im Gegenteil, mit scharfen Ölen, „Pflastern von spanischen Fliegen“, Schröpfköpfen und anderen Mitteln versuchte man Entzündungen der Haut hervorzurufen und damit den Körper im Kampf gegen die Krankheit zu unterstützen. Die Krätze selbst galt wegen der Entzündung der Haut als so genannte „hilfbringende Krankheit“.

Ausschlagende Krankheiten
Auf Anraten seiner Ärzte sollte angeblich auch Napoleon wegen Magenbeschwerden, die man für die Folge einer zu rasch geheilten, also „zurückgetriebenen“ Skabies hielt, das Hemd eines Krätzekranken anziehen, um durch die neuerliche Krätze die Krankheit auf die Haut abzuleiten. Mit diesen Theorien erklärten sich die humoralpathologisch geschulten Ärzte bis fast in die Mitte des 19. Jahrhunderts die Hautkrankheiten. In dieser Situation begann Ferdinand von Hebra sich auf Anraten Joseph Skodas wissenschaftlich mit der Haut und ihren Erkrankungen zu befassen. Naturphilosophisches Spekulieren über das Wesen von Krankheiten war He­bras Sache nicht. Wie seine Lehrer Karl Rokitansky und Skoda hielt er sich nur an die „objektiven Symptome“. Mit einfachen Versuchen begann er seine Studien. Auf gesunder Haut erzeugte er mit Krotonöl ein Ekzem und konnte damit beweisen, dass für dieses Ekzem eine schlechte Säftemischung des Blutes sicher nicht verantwortlich war. Nach sorgfältiger Untersuchung und Behandlung von über 5.000 Krätzekranken und einem Selbstversuch, bei dem er sich absichtlich mit Krätzmilben infizierte und sich zwei Monate hindurch nicht behandelte – um sich „genau vom Gange der Krankheit zu belehren“ – konnte er erstmals beweisen, dass die Skabies eine durch eine Milbe verursachte übertragbare, parasitäre Erkrankung ist. Mit diesem Beweis wurde Hebra berühmt. Mit seiner Publikation „Über Krätze“ zertrümmerte er ein Dogma der Säftelehre und „schnitt damit endgültig der humoralpathologischen Krasenlehre den alten Zopf ab“.

Milben, aus Saft entstanden
Die Anhänger der Krasenlehre, der von Rokitansky neu formulierten Humoralpathologie, hatten zwar auch die mit bloßem Auge sichtbaren Milben bei der Krätze gesehen, aber hartnäckig ihre Existenz durch Urzeugung aus den verdorbenen Säften begründet. Durch seine mitreißenden Vorträge und seine Begabung als Diagnostiker und Beobachter zog He­bra viele Studenten und Ärzte aus der ganzen Welt nach Wien. Durch ihn wurde Wien ein internationales Zentrum der Dermatologie. Seine Hörer verblüffte er oft, speziell wenn er aus Körperhaltung und Schwielen blitzartig auf den Beruf eines Patienten schloss: „A Schuster ist er und Krätz hat er!“, war eine seiner typischen Diagnosen. Neben einer Reihe von wirksamen Behandlungen von Hautkrankheiten erfand Ferdinand Ritter von Hebra auch das Wasserbett zur Behandlung von Verbrennungen. Seine Effloreszenzenlehre – Macula, Papula, Bulla, Quaddel –, mit der er die krankhaften Veränderungen der Haut beschrieb, haben noch immer ihre Gültigkeit und sind auch heute noch die Grundlage für die Einteilung aller Krankheiten der Haut.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 27/2006

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