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Geschichte 4. Juli 2006

Krötengift, Hexenkraut und Zauberkugeln

Wer sich für die oft verschlungenen Pfade und Irrwege der Arzneimittelkunde interessiert und zusätzlich eine Menge über Astronomie, ihre „närrische Tochter“, die Astrologie, über Alchemie, aber auch etwas über Meilensteine moderner Medikamente erfahren will, sollte die Sonderausstellung „Krötengift und Hexenkraut“ im Schlossmuseum Peuerbach im Hausruckviertel in Oberösterreich besuchen.

Das Schlossmuseum in Peuerbach ist seit Jahren mit seiner – optisch und didaktisch hervorragend konzipierten – Ausstellung über den größten Sohn ihrer Stadt, den Astronomen, Mathematiker, Dichter und genialen Konstrukteur astronomischer Instrumente, Georg Aunpekh von Peuerbach (1423–1461), ein Geheimtipp in astronomisch interessierten Kreisen. Der zu seiner Zeit berühmte, heute allerdings fast nur mehr in Fachkreisen bekannte geniale Hof­astronom Kaiser Friederichs III., war Lehrer des berühmten Regiomontanus, führte die Sinus-Rechnung in die abendländische Mathematik ein und berücksichtige als Erster bei seinen astronomischen Instrumenten die Abweichung des geografischen vom magnetischen Nordpol. Sein Hauptwerk, die 1473 veröffentlichte „Theoriae novae Planetarum“, beeinflusste später nachweislich Nikolaus Copernicus und Johannes Kepler. Georg von Peuerbach schuf damit das entscheidende Fundament für das Weltbild der Moderne. Der Mondkrater Purbach und der Kleinplanet 9119 sind nach ihm benannt. Georg von Peuerbach ist auch die Schnittstelle zur aktuellen Sonderaustellung „Krötengift und Hexenkraut“, die zu den Wurzeln der Arzneikunde führt. Die damals engen Beziehungen zwischen Astronomie, Astrologie und Alchemie wirkten sich naturgemäß auch auf die oft konfusen Theorien über Krankheitsursachen und die meist hoffnungslosen Versuche aus, Krankheiten – nachdem Amulette, Gebete zu einschlägigen Heiligen, Austreibung von Dämonen, Buße und Beschwörungen versagt hatten – mit Arzneimitteln zu heilen. Die Ärzte „steckten Jahrhunderte lang Arzneimittel, von denen sie kaum was wussten, in einen Körper, von dem sie noch weniger wussten“, wie es Voltaire boshaft, aber durchaus berechtigt ausdrückte.

Konfuse Krankheitstheorien
Da die Vorstellungen von den Ursachen vieler Krankheiten bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts entweder unbekannt, unklar oder zum Großteil sogar gefährlich falsch waren, konnten sie natürlich nicht gezielt bekämpft werden. Mehr als eine Linderung der Symptome und eine Schmerzstillung war meist nicht zu erreichen. Die Ausstellung im Schloss Peuerbach zeigt die oft kuriosen und abenteuerlichen Bemühungen, aus manchmal höchst zweifelhaften Ingredienzien wirksame Heilmittel herzustellen und den Glauben an den ebenso fragwürdigen Einfluss der Himmelskörper – die Domäne der Astrologie – auf das Schicksal, den Körper, die Gesundheit und den Heilungserfolg. Möglicherweise hat Georg von Peuerbach, der sich früh vom möglichen Einfluss der Gestirne auf Krankheiten und Seuchen distanzierte, die Tür für die Suche nach anderen Ursachen der Krankheiten zumindest einen Spalt breit geöffnet. Die große Wende gelang aber erst mit der Erfindung des Mikroskops und später der synthetischen Farbstoffe, mit denen, allerdings erst 280 Jahre nach Erfindung des Mikroskops, erstmals die wahren Verursacher von Infektionskrankheiten nachgewiesen und später auch bekämpft werden konnten. Der Bogen der Exponate der Sonderausstellung reicht von einem in Teig eingewickelten, von Hildegard von Bingen zur Fiebersenkung empfohlenen Bergkristall bis zum Jahrhundertmedikament Aspirin; vom bereits durchaus „naturwissenschaftlich“ denkenden „Alchemisten“ und „Astrologen“ Paracelsus zu den „Zauberkugeln“ des Nobelpreisträgers Prof. Dr. Paul Ehrlich, mit denen er nur den Schädling, nicht aber den Kranken treffen wollte – mit dem von ihm entwickelten Syphilis-Heilmittel „Salvarsan“ gelang dies auch erstmals; und schließlich von den oft kuriosen Ingredienzien der arabischen Ärzte und Alchemisten zu den sensationellen Entdeckungen des Penicillins, des Germanins – des ersten wirksamen Medikaments gegen die Schlafkrankheit – und der Sulfonamide. Nicht nur für Anästhesisten interessant ist die Rekonstruktion einer Apparatur von Joseph Priestley, mit der er 1776 erstmals auf höchst gefährliche, weil leicht explosive Art Lachgas herstellte.

Kein Allheilmittel
Glanzlichter der sehenswerten Schau sind wertvolle historische Mikroskope, kostbare astronomische, alchemistische und medizinische Folianten und die originalen alchemistischen Laborkeramiken aus dem sensationellen Fund im Schloss Oberstockstall bei Kirch­berg am Wagram. In den letzten hundert Jahren hat die Medizin viele Wundermittel und „Zauberkugeln“ gefunden. Das Arcanum, das Allheilmittel, der uralte Wunschtraum nicht nur der Alchemisten, sondern der gesamten Menschheit, war allerdings nicht dabei. Die Suche geht weiter.

Krötengift und Hexenkraut
Die astrologischen und alchemistischen Wurzeln der Arzneikunde
Schloss Peuerbach
Bis 31. Oktober 2006
Dienstag bis Samstag 11–17 Uhr
Sonntag 13–16 Uhr
Montag geschlossen

Zur Ausstellung erschien ein umfangreiches Begleitbuch „Geschenkte Lebenszeit. Die Suche nach dem Arcanum“ mit Katalogteil und vielen prächtigen Fotos und Abbildungen vom Ausstellungsmacher Prof. Dr. Friedrich Samhaber.

Information:
Schloss Peuerbach
Tel.: 07276/2014
Fax: 07276/29159
Stadtamt Peuerbach
Tel.: 07276/2255
Fax: 07276/2255-20

www.peuerbach.at
www.schlossmuseum-peuerbach.at

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 27/2006

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