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Anatomisches Wachsmodell Lymphmann im Josephinum; die ehemalige Militärchirurgie beherbergt heute ein medizinhistorisches Museum.
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Eine Knochensäge aus dem 18. Jahrhundert.

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Billroth im Hörsaal: klägliche hygienische Verhältnisse.

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Untrennbar mit Billroths Namen verbunden ist die erste erfolgreiche Resektion eines Magenausgangskrebses

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Gerard van Swieten genoss das uneingeschränkte Vertrauen der Regentin (li.), hier berät er als Vorstand der Naturaliensammlung Kaiser Franz I. Stephan von Lothringen, den Gemahl seiner Gönnerin (1773).

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Verwundeter in einem Lazarett im Ersten Weltkrieg.

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Lorenz Böhler (1885 bis 1973) bewahrte nicht nur etliche seiner Patienten vor Amputationen, er stellte sich auch schützend vor diese, wenn ihre Genesung bedroht war.

 
Chirurgie 17. Oktober 2016

„Davon versteht der Kaiser nichts“

Die Erfolgsgeschichte der Wiener Schule begann mit der Weitsicht Maria Theresias, die den holländischen Medicus Gerard van Swieten nach Wien holte. Der löste die „Buch-Mediziner“ ab und führte heute Selbstverständliches wie Dokumentation, Labor-Analyse und Unterricht am Krankenbett ein. Die Modernisierung der Medizin in den darauffolgenden Jahrzehnten ist untrennbar mit charismatischen Persönlichkeiten wie Ignaz Semmelweis und Karl von Rokitansky verbunden, die endlich auch die hygienischen Verhältnisse in den OP-Sälen verbesserten.

Beginnen wir mit einem Blick auf die Medizin am Ende des 17. Jahrhunderts: An der Universität in Wien wurde großteils althergebrachtes Buchwissen entsprechend der scholastischen Tradition gelehrt. Die Schulmedizin, die versuchte ihre mittelalterlichen Privilegien hochzuhalten befand sich in dauernder Konkurrenz mit Kurpfuschern und Quacksalbern sowohl in den Städten als auch am Land.

Wie immer, so auch hier, war der Schlüssel zur Reform die Symbiose zwischen weitblickenden und charismatischen Persönlichkeiten. So fiel der Blick der Kaiserin Maria Theresia auf die holländische Universität Leyden in der aufgrund der Initiative des großen Lehrers und Reformators Boerhaave ein für damalige Zeiten sehr moderner Betrieb bestand, einschließlich anatomischen Unterrichts, Laboruntersuchungen und dem Unterricht am Krankenbett.

Nach einigem Bemühen gelang es Maria Theresia einen Schüler von Boerhaave, nämlich Gerard van Swieten, ab 1745 als Leibarzt nach Wien zu bestellen. Seine Position ging über die eines Leibarztes weit hinaus. Als Berater der Kaiserin in allen Fragen des medizinischen Lebens und ausgestattet mit unbegrenztem Vertrauen der Kaiserin erging an ihn auch der Auftrag, die medizinische Fakultät einschließlich ihrer fachlichen und personellen Strukturen zu reformieren, was die dort tätigen Professoren zähneknirschend zur Kenntnis nehmen mussten.

Van Swieten gilt heute als Gründer der 1. Medizinischen Schule. Seine Leistung bestand – kurz formuliert – im Wandel von der Buchmedizin zur Medizin am Krankenbett, mit Diskussion, Analyse und Dokumentation von Symptomen und der Einbindung von Studenten in Forschungsprojekte.

Nachhaltiger als das Engagement Maria Theresias war jenes ihres Sohnes Joseph II. für die medizinische Entwicklung des Landes. Seine Bezugsperson war Giovanni Alessandro Brambilla, der kaiserliche Leibchirurg auf dessen Initiative auch die Gründung des Josephinums 1785 als Schule für Militärchirurgie zurückgeht.

Joseph II. hat noch wesentlich radikaler in die Entwicklung des Gesundheitswesens eingegriffen, mit dem Bedürfnis im Sinne der Aufklärung Ordnung in die vielfachen Bedürfnisse der Sozialmedizin zu bringen.

Das sichtbare Zeichen dafür war der Bau des Allgemeinen Krankenhauses, das erste Großspital Mitteleuropas, das 1784 eröffnet und für die kommenden 200 Jahre Sitz der medizinischen Fakultäten blieb und noch heute für diverse universitäre Bereiche zur Verfügung steht.

Zurück zum Josephinum. Mit der Gründung der auf Vorschlag Brambillas medizinisch-chirurgisch benannten Akademie sollte der Ausbildungsstand und das Ansehen der Chirurgie dramatisch gehoben werden. Diese militärchirurgische Schule war bestens ausgerüstet. Heute ist die Akademie ein medizinhistorisches Museum in dem die damalige prunkvolle Ausstattung bewundert werden kann. Auf die fortgeschrittene liberale Ära von Joseph II. folgte die reformfeindliche und dem Neuen gegenüber misstrauische Ära unter Kaiser Franz II.

Selbstverständlich blieb auch die Medizin davon nicht unberührt. Das war auch der Grund warum der Chirurg Johann Nepomuk Rust 1816 das Land verließ und in Berlin zum Reformator des preußischen Medizinalwesens aufstieg. Einzelne Lichtblicke in dieser Zeit blieben beispielsweise eine aktive Phase in der Universitätschirurgie durch die Berufung Joseph Wattmanns von Innsbruck nach Wien. Er hat dort bereits die indische Methode zur plastischen Deckung von Gesichtsdefekten aus Stirnlappen erfolgreich praktiziert. Sowie auch die Tagung der Deutschen Naturforscher und Ärzte in Wien, an der 243, vorwiegend chirurgisch tätige Mediziner, teilnahmen.

Zwei fundamentale Errungenschaften waren für die Chirurgie und deren Entwicklung prägend:

- Am 16. Oktober 1846 fand im MGH in Boston unter William Thomas Green Morton die erste Entfernung eines Halstumors unter Äthernarkose statt und 1867 veröffentlichte Lister im Lancet seine Arbeit „On the antiseptic principle in the practice of surgery“ und seine Erfolge nach Behandlung des Operationsgebietes mit der als antiseptisch erkannten Karbolsäule.

- Die Verwendung von Gummihandschuhen geht auf eine Empfehlung von Sir Thomas Watson 1843 zurück, was schließlich auch von Ignaz Semmelweis aufgegriffen wurde. Eine generelle Einführung bestand jedoch erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, sowie die Empfehlung zum Tragen von Gesichtsmasken durch einen Schüler Billroths, nämlich Johann von Mikulicz-Radecki. Wie kläglich die antiinfektiösen Maßnahmen auch zur Glanzzeit des großen Billroth waren zeigt ein Gemälde von 1888, das ihn bei einer Operation im Hörsaal zeigt eindrucksvoll: Ein schlichter kurzer Operationskittel, keinerlei Mund- oder Atemschutz, die Instrumentemit der bloßen Hand gereicht und die Brille über den Operationskittel hängend.

Es waren wieder charismatische Persönlichkeiten, die die Medizin am Beginn des 19. Jahrhunderts weiter nach vorne brachten. Alle waren sie Meister ihres Faches, erkannten aber auch den Stellenwert anderer Disziplinen und die Notwendigkeit des Zusammenarbeitens.

Die herausragende Persönlichkeit war ohne Zweifel Karl von Rokitansky, den man heute als den Begründer der klinischen Pathologie bezeichnen kann. Als Leiter der Prosektur obduzierte er sämtliche im Allgemeinen Krankenhaus Verstorbenen und sammelte eine Unmenge an Befunden und Erkenntnissen. In seiner Antrittsrede bezeichnete es Rokitansky als sein besonderes Anliegen ein enges Band zwischen pathologisch-anatomischer Anstalt und den Krankensälen bzw. zwischen Befund und klinischer Beobachtung herzustellen. Somit war Rokitansky – inzwischen weltweit bekannt – der Erste, der die Bedeutung der Pathologie für die klinische Medizin und damit auch für die Chirurgie erkannt hat.

Der Retter der Mütter

Ein weiterer Name muss Erwähnung finden, der obwohl selbst nicht Chirurg fundamental zur Entwicklung der Chirurgie beigetragen hat: Ignaz Semmelweis, der als Retter der Mütter in die Geschichte der Medizin eingegangen ist. Semmelweis, ein sensibler junger Arzt der in der Gebärklinik in Wien arbeitete, litt außerordentlich unter der hohen Sterblichkeit der Wöchnerinnen, die im Jahre 1846 ein Ausmaß von 11,4 Prozent erreichte. Er erkannte den Grund in den schmutzigen Händen der Ärzte und fand die Bestätigung seiner Infektionshypothese nach Einführung der Reinigung mit Chlorkalklösungen. Das von ihm entdeckte antiseptische Prinzip war die Initialzündung für die Entwicklung der Bakteriologie durch Lister, Pasteur und Koch.

Der Triumph der modernen Chirurgie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ereignete sich in Wien. Die eine große Barriere, der unerträgliche Schmerz, war durch die allgemeine Einführung der Narkose 1846 überwunden und in der Antisepsis hat Joseph Lister in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts einen praktikablen Weg gezeigt. Etwa gleichzeitig, nämlich 1867 folgte Theodor Billroth dem Ruf an die 2. Chirurgische Universitätsklinik nach Wien. Billroth war gebürtiger Preuße und Protestant, weshalb seine Berufung politisch nicht selbstverständlich schien. Nach der ironischen Aussage des Heidelberger Chirurgen Vinzenz Czerny war dies die schönste Rache Österreichs für die verlorene Schlacht 1866 gegen Preußen bei Königgrätz.

Der Pionier der Chirurgie

Die Basis von Billroths ungeheurer innovativer Tätigkeit war ohne Zweifel die moderne histopathologische und experimentell-chirurgische Ausbildung, die er bei Bernhard von Langenbeck in Berlin empfangen hatte. Sein Buch „Die allgemeine chirurgische Pathologie und Therapie in 50 Vorlesungen“ hat ihn weltweit bekannt gemacht. Nach eingehender und jahrelanger experimenteller Vorbereitung wurde er in den Jahren 1871, 1873 und schließlich 1881 zum Pionier in drei großen Operationsgebieten, nämlich der Chirurgie der Halsspeiseröhre, des Kehlkopfes und schließlich durch die Magenresektion.

Abgesehen von seinem chirurgischen Genie und Fleiß und seinem Weitblick haben Billroth weitere Eigenschaften ausgezeichnet. Erstens: er hat die Leistungen seiner Schüler und Mitarbeiter stets gewürdigt und ihnen bei Publikationen auch den Vortritt gelassen. Zweitens: Er hat in seinem Operateurs-Institut junge Ärzte zu chirurgischen Eliten ausgebildet. Drittens: eigene und andere Misserfolge wurden kritisch analysiert, womit er sicher auch als ein Begründer klinischer Qualitätskontrolle bezeichnet werden kann. Die Auswirkungen dieses Operateurs-Institutes waren enorm. Aus ihm wurden die wesentlichen Universitäten und Chefarztpositionen sowohl der Donaumonarchie als auch West- und Mitteleuropas mit seinen Schülern besetzt. Die Leistungen der Billrothschule erstreckten sich von der gastrointestinalen Diagnostik – wie der Entwicklung eines Gastroskops durch Mikulicz-Radecki – und der Abdominalchirurgie einschließlich der Therapie von Pankreaszysten bis hin zur Kriegschirurgie. Billroth war persönlich im Deutsch-französischen Krieg 1870 in diversen Lazaretten tätig. 1888 gelang ihm der Bau eines für damalige Verhältnisse hoch modernen Musterspitals, nämlich das Rudolfinerhaus, das bis heute als Ausbildungsstätte für Krankenpflege berühmt ist.

Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass Billroth ein außerordentlich musischer Mensch war, der selbst regelmäßig Musik betrieb und sicher auch als Musikwissenschafter bezeichnet werden kann. Am bekanntesten sind seine Freundschaft zu dem Musikkritiker Eduard Hanslik und natürlich zu Johannes Brahms. Neben der 2. Chirurgischen Universitätsklinik an der Billroth wirkte, gab es aber auch einen Nachbarn.

Stand die 2. Chirurgische Universitätsklinik für die Entwicklung der Abdominalchirurgie, so war die 1. Universitätsklinik nicht weniger innovativ was die Entwicklung der operativen und konservativen Orthopädie betrifft.

1881 leitete Karl Nicoladoni interimistisch die Klinik. Später als Chef an der Universität in Innsbruck gelang ihm die Rekonstruktion eines Daumens nach einer Sensenverletzung. Er ist schließlich als Klinikleiter in Graz gestorben. Zeitlebens war er depressiv, da er befürchtete, er hätte sich bei einer Operation mit Lues infiziert. Tatsächlich war die Gefahr bei Chirurgen und Geburtshelfern bis zur allgemeinen Einführung von Operationshandschuhen nicht unbeträchtlich.

Es ist Billroth nicht gelungen einem seiner Schüler zur Chefposition an der 1. Chirurgischen Universitätsklinik zu verhelfen. Es wurde Eduard Albert bestellt, der große Förderer der Orthopädie und seines Lieblingsschülers Adolf Lorenz, des Vaters des späteren Nobelpreisträgers Konrad Lorenz. Adolf Lorenz litt an einem ausgeprägten Karbolekzem der Hände, was ihm das Operieren schließlich unmöglich machte. Aus diesem Manko heraus entwickelte er eine konservative Orthopädie von Weltruhm. In Amerika wurde er als der „Austrian bloodless wizzard“ gefeiert. Eine erstaunliche Karriere für einen bettelarmen Jungen, der mit 10 Jahren für seinen eigenen Unterhalt sorgen musste.

Ein weiteres Zentrum der operativen Orthopädie entwickelte sich um 1900 an der Universität Graz unter Hans Spitzy. Dabei war ein wesentliches Ziel – entsprechend den politischen Katastrophen der Zeit – die Kriegsversehrten wieder arbeitstauglich zu machen, der Startschuss für die Rehabilitation.

Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Chirurgie großer Kröpfe mit einem hohen Risiko verbunden und wurde von einem Chirurgen sogar als Mordversuch bezeichnet. Dennoch war man in Wien an Billroths Klinik und an der Klinik Theodor Kochers bemüht, Patienten von ihrer Atemnot zu befreien. Um den Erfolg sicher zu stellen wurde zumeist das ganze Organ entfernt. Dies mit den bekannten Folgen.

Theodor Kocher, Nobelpreisträger, erkannte schließlich die katastrophalen Folgen der Hypothyreose. An der Wiener Klinik beschäftigte sich der Billroth-Schüler Eiselsberg mit der postoperativen Tetanie und erkannte die Bedeutung der Nebenschilddrüsen. 1912 hatte Eiselsberg, inzwischen Ordinarius an der 1. Chirurgischen Klinik etwa 1000 Strumektomien ausgeführt. Auch an der Nachbarklinik, geleitet von Julius von Hochenegg war die Chirurgie der Schilddrüse und Nebenschilddrüse ein besonders Thema. Ein Schüler Hocheneggs, nämlich Fritz Kaspar, später Leiter der chirurgischen Abteilung des Kaiserin Elisabeth Spitals, hat sich zu einem virtuosen Operateur der Schilddrüse entwickelt. Seine Technik war effizient, komplikationsarm und weit über die Landesgrenzen bekannt.

Ein weiterer Schüler von Hochenegg hat als erster den Zusammenhang zwischen der Nebenschilddrüsenüberfunktion und der Ostitis fibrosa generalisata erkannt. Es war Felix Mandl der 1925 als erster die Erkrankung durch Entfernung eines Nebenschilddrüsentumors heilen konnte und damit weltweites Aufsehen erregte.

Eiselsberg hat sich vorrangig mit der Magen- und Darmchirurgie befasst und auch zusammen mit seinem Schüler und Nachfolger Egon Ranzi neurochirurgische Eingriffe durchgeführt. Im Jahre 1911 konnten sie bereits über 208 Gehirn- und Rückenmarksoperationen berichten. Die Entfernung von Projektilen aus dem ersten Weltkrieg war der Anlass, dass Ranzi gemeinsam mit Neurologen und Radiologen einen Arbeitskreis gründete und damit als Initiator einer selbstständigen Neurochirurgie bezeichnet werden kann. Das gleiche galt auch für die Kieferchirurgie und die Kriegschirurgie, die von bedeutenden Schülern Eiselsberg, z. B. Peter Walzel, dem späteren Ordinarius in Graz, Burkhart Breitner dem späteren Ordinarius in Innsbruck und Wolfgang Denk, später Vorstand in Wien aktiv betrieben wurde. Am Ende seiner Laufbahn 1931 entstammten der Klinik Eiselsberg 14 Ordinarien und 54 Chefärzte an nicht universitären Krankenhäusern.

Ein Wissenschaftler und späterer Nobelpreisträger, obgleich selbst nicht Chirurg, hat viel für die Chirurgie getan. Es war Karl Landsteiner, der Entdecker der Blutgruppen. Er publizierte seine Entdeckung 1901 in der Wiener klinischen Wochenschrift. Persönlich höchst bescheiden folgte er 1922 einem Ruf an das Rockefeller Institut in New York.

1877 wurde ein Chirurg geboren, der wohl zu den besten Magen- und Darmchirurgen seiner Zeit zählte und Weltruhm erlangte. Es ist dies Hans Finsterer, Sohn eines Kleinbauern, der nach entbehrungsreichen Jahren Mitarbeiter an der Klinik von Hochenegg wurde. Dort entwickelte er seine Methode der Lokal-, Mesenterial- und Splanchnicusanästhesie. Amerika war von seiner Methode der Magenresektion in Lokalanästhesie verblüfft. Es folgten Einladungen zu Operationen nach Chicago, Los Angeles und New York und schließlich die Auszeichnung durch die Verleihung des „Master of Surgery“ des International College of Surgeons.

Die Dynamik dieser Zeit, die frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts betrifft auch die Entwicklung der Unfallchirurgie. Auch dabei bestand die Initialzündung in den Bedürfnissen der Kriegschirurgie.

In einem Lazarett in Bozen konnte ein Chirurg seine richtungsweisende Handlungsmethode der konservativen Frakturbehandlung beginnen. Es war Lorenz Böhler.

Ein Arzt ohne Furcht und Tadel

Mit seiner These und ihren 3 Säulen, nämlich schmerzfreie und gute Einrichtung der Fraktur, Ruhigstellung und Extension und frühzeitige Übungsbehandlung gründete er eine Schule mit Weltruhm. Und er war mutig: Als sein vorgesetzter Offizier ihn zwingen wollte eine Abduktionsschiene bei einem verletzten Rekruten zu entfernen, weil sie nicht zu dem kaiserlichen Militärsreglement passte, sagte er kühl: „Davon versteht der Kaiser nichts“.

Das Unfallkrankenhaus Böhlers ist schließlich zum Modell vieler ähnlicher Einrichtungen auf der ganzen Welt geworden. Als Metropole der Monarchie hatten zwangsläufig Wien und die Wiener Fakultät eine Führungsrolle.

Dieser Beitrag wäre aber inkomplett würde man nicht auch die anderen Universitäten berücksichtigen:

An der Universität Graz wurde 1863 die medizinische Fakultät eingerichtet. An der chirurgischen Abteilung befinden sich so klingende Namen wie Nikoladoni, der bereits durch seine Verdienste in Wien bekannt wurde, oder Haberer und Walzel, die als Begründer von Methoden der Abdominalchirurgie in die Medizingeschichte eingegangen sind.

Auch die Universität in Innsbruck hat ganz wesentlich zur Entwicklung der Chirurgie beigetragen. Eduard Albert, der wie bereits besprochen in Wien zum Begründer der Orthopädie wurde, war bis 1881 Ordinarius in Innsbruck und führte dort die Lister’sche Methode der Antisepsis ein.

Sein Nachfolger in Innsbruck war der ebenfalls der Orthopädie verpflichtete Karl Nikoladoni. Viktor Ritter von Hacker war der Nachfolger Nikoladonis. Nach seiner Ausbildung bei Billroth begann er in Innsbruck und wechselte dann als Chef an die Universität Graz.

Er war ganz wesentlich an der Entwicklung der Ösophagoskopie und der Bougierungsbehandlung beteiligt. Er war der große Pionier der Therapie am oberen Gastrointestinaltrakt. Hermann Schloffer, bekannt durch die mehrzeitige Darmoperation und den Schloffertumor wurde in Prag akademisch ausgebildet bevor er ab 1903 die Universitätsklinik Innsbruck leitete. Sein vielseitiger Nachfolger war Hans von Haberer. Er kam als Schüler der Eiselsberg-Klinik 1911 als Ordinarius nach Innsbruck. Sein Schwerpunkt war die Magenchirurgie, seine breite wissenschaftliche Tätigkeit brachte ihn schließlich auf den Lehrstuhl nach Düsseldorf und Köln. 1924 erhielt Egon Ranzi, ein wie erwähnt wesentlicher Mitarbeiter Eiselsbergs die Lehrkanzel in Innsbruck, bevor er nach Wien wechselte, wo er 1938 von den Nationalsozialisten abgesetzt und inhaftiert wurde. Seine Vielseitigkeit reichte von der Abdominalchirurgie bis zur Thorax-, Gefäß- und Rückenmarkschirurgie.

Burghard Breitner, bekannt durch seine Operationslehre, war eine der schillerndsten Gestalten der Österreichischen Chirurgie. Er begann seine Ausbildung bei Eiselsberg. Im ersten Weltkrieg wurde er bereits 1914 gefangen genommen und blieb freiwillig bis 1920 in sibirischer Gefangenschaft um das Los seiner Kameraden zu verbessern, bekannt geworden als „Engel von Sibirien“. Seine chirurgische Tätigkeit war sehr breit gefächert. Außerdem war er maßgeblich am Aufbau des Roten Kreuzes und des Rettungswesens beteiligt. Auch wurde er als Autor von diversen Schauspielen und Reiseberichten bekannt. Er leitete die Innsbrucker Klinik bis 1955.

Der Beginn der 2. Wiener medizinischen Schule in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und die medizinischen Leistungen in den Universitäten bis in das erste Drittel des 20. Jahrhunderts waren geprägt von charismatischen herausragenden Persönlichkeiten, die der österreichischen Chirurgie zu Weltruhm verholfen zu haben. Auch Kriegswirren konnten den medizinischen Fortschritt nicht unterbrechen, sondern waren im Gegensatz Anlass für forcierte Entwicklung in Unfallchirurgie und Orthopädie. Dramatisch und katastrophal wurde die Situation mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Es begann die dunkle Seite der Österreichischen Chirurgie. Die Bedeutung dieser Zeit für den Stillstand der Medizin und Chirurgie liegt abgesehen von den Kriegswirren maßgeblich im Verlust der jüdischen Intelligenz.

Der Beitrag jüdischer Ärzte am Aufstieg der deutschen und österreichischen Medizin im 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts war von grundlegender Bedeutung. Über 400 wesentliche Persönlichkeiten nennt Siegfried Kaznelson in seinem Sammelband „Juden im Deutschen Kulturbereich“. Wer kennt sie auch nicht, Namen wie Henle, Auerbach, Edinger, Herxheimer, Wassermann, Kaposi, Ehrlich und viele andere. Die deutsche Chirurgie verlor dabei Persönlichkeiten wie Rudolf Nissen, der in der Folge in die Türkei auswanderte, die Universität Ankara aufzubauen half und später in den vereinigten Staaten bekannt wurde. Fast die gesamte Wiener Schule der Psychoanalyse emigrierte zusammen mit ihrem Begründer Sigmund Freud. Zu den Emigranten gehörten auch der Grazer Pharmakologe und Nobelpreisträger Otto Loewi, der Wiener Pharmakologe Peter Pick, der Otologe Heinrich von Neumann (Therapeut des englischen Königs) und sein emeritierter Kollege, der Rhinolaryngologe Markus Hajek, um nur die bekanntesten zu nennen.

Vertriebenes Genie

Als endokrin geprägter Chirurg möchte ich Werk und Schicksal von Felix Mandl besonders hervorheben. Die Funktion der Epithelkörperchen und ihre Wirkung auf den Kalziumstoffwechsel blieb bis in das Jahr 1925 unverstanden. Durch diverse Experimente und klinische Beobachtung angeregt suchte Felix Mandl als erster Chirurg bei einem Patienten mit generalisierter Ostitis fibrosa nach einem Nebenschilddrüsen-Adenom, das er fand und den Patienten für mehrere Jahre heilte. In der Folge stellte Felix Mandl therapeutische Regeln auf, die bis in die Letztzeit ihre Gültigkeit behalten hatten. Die chirurgische Technik hatte demnach die Aufgabe alle Epithelkörperchen intraoperativ zu identifizieren, ihre normale Beschaffenheit von pathologischer zu trennen, Nebenverletzungen zu verhüten und eine Tetanie zu vermeiden. Die Zusammenstellung chirurgischer Probleme der Therapie des Hyperparathyreoidismus machte Mandl weltweit bekannt. 1938 musste er Österreich verlassen und war von 1939 bis 1947 an der Universität in Jerusalem tätig. Felix Mandl war einer der wenigen die nach dem Ende des Nationalsozialismus 1947 den Weg zurück gefunden haben.

Als Chefarzt an einem der großen Krankenhäuser Wiens war er auch der bewunderte erste Lehrer meines späteren Chefs Arnulf Fritsch. Damit wurde auch diese Philosophie, nämlich Chirurgie auf Basis fundierten pathophysiologischen Denkens an uns weitergegeben.

Das Erbe van Swietens

Nach diesen dunklen Jahren, die die heimische Medizin so zurückgeworfen haben komme ich zum letzten Kapitel, nämlich dem Wiederaufbau der österreichischen Medizin: Das Erbe van Swietens nach dem 2. Weltkrieg und der mühsame Anschluss an die moderne Chirurgie.

Um es vorwegzunehmen: In den letzten sieben Dezennien konnte die österreichische Medizin sowohl in Chirurgie als auch in allen anderen Fachdisziplinen ein Gesundheitssystem aufbauen, das dem internationalen Standard und den Qualitätskriterien als auch den sozialen Bedürfnissen absolut gerecht wird. Auch in Wissenschaft und Forschung ist die Österreichische Chirurgie wieder präsent. Ein Höhepunkt ist fraglos die Gründung der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie 1958, infolge einer Initiative führender charismatischer Chirurgenpersönlichkeiten. Alle waren sie nicht nur hervorragende Mediziner, sondern erkannten auch die Notwendigkeit des internationalen Anschlusses in Standard, Wissenschaft und Forschung nach den verhängnisvollen Jahren der Isolation.

Wolfgang Denk, ein Schüler von Eiselsberg, übernahm nach einer kurzen Zeit als Ordinarius in Graz die Nachfolge von Hochenegg 1931 in Wien bis zum Jahre 1957. Seine Schwerpunkte waren die Tumorchirurgie und die Thoraxchirurgie, auch hat er den Grundstein zur Entwicklung der Herzchirurgie in Wien gelegt. Die Herzchirurgie wurde schließlich von Johann Navratil, der in Brünn eine besonders breite Ausbildung genoss, an der 2. Wiener Universitätsklinik weiter ausgebaut und strukturiert. Er verband in besonderem Maße klinische Tätigkeit mit klinischer und experimenteller Forschung. An der anderen, nämlich der 1. Chirurgischen Universitätsklinik Wien verwaltete Leopold Schönbauer das riesige chirurgische Erbe. Nach ihm restrukturierte der besonders weitblickende Paul Fuchsig dieses multidisziplinäre chirurgische Reich und ermöglichte die unabhängige Entwicklung von Urologie, Neurochirurgie, Orthopädie, Plastischer und Rekonstruktiver Chirurgie, Kiefer-und Gesichtschirurgie, Unfallchirurgie, Gefäß-und Transplantationschirurgie entsprechend den modernen Standards und dem internationalen Trend.

An der Universitätsklinik Innsbruck war es Paul Huber, Schüler von Egon Ranzi während dessen Wiener Zeit und Nachfolger von Burghard Breitner, der ab dem Jahre 1956 ähnlich wie in Wien die Schaffung selbstständiger Teilgebiete gefördert hat.

Besondere internationale Aufmerksamkeit erlangte die Transplantations-und Herzchirurgie mit erstmalig auf der Welt vorgenommenen Eingriffen.

Auch die Grazer Universitätsklinik war nach dem 2. Weltkrieg bemüht und außerordentlich erfolgreich, den Vorsprung der westlichen Länder aufzuholen.

Wie in Wien und Innsbruck legte Franz Spath als Nachfolger von Adolf Winkelbauer ab 1948 sein Augenmerk neben der Abdominalchirurgie auf den Ausbau der Neuro-, Thorax- und Unfallchirurgie. Unter seiner Leitung erfolgte die erste Herzoperation mithilfe der Herz-Lungenmaschine 1962.

Die Folgegeneration der chirurgischen Vorstände in den diversen chirurgischen Teilgebieten hat dieses Erbe weiterentwickelt. Ihnen verdankt das österreichische Gesundheitswesen den chirurgischen Standard und den Stellenwert in der internationalen Forschung, meine Generation eine fundierte chirurgische Ausbildung mit der Möglichkeit zu Führungspositionen und anhaltender Begeisterung zu wissenschaftlicher Tätigkeit, vor allem aber die prägende Vorbildwirkung in fachlicher und ethischer Hinsicht.

Namen, Namen, Namen

Die vielen Namen, die hier nicht aufgezählt werden können finden sich in den Listen der Präsidenten und Ehrenmitglieder der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie und zahlreichen internationalen Fachgesellschaften.

Ein besonders glücklicher Umstand ist, dass wir die meisten von ihnen noch persönlich bei unseren Veranstaltungen antreffen dürfen. Auch die 57. Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie wird den Anspruch unseres Landes in wissenschaftlicher, fachlicher und akademisch-intellektueller Weise erneut demonstrieren.

Der Präsident, Prof. Dr. Dietmar Öfner-Velano, dem ich zu seinem Programm aufrichtig gratulieren möchte, fügt sich damit nahtlos an die Reihe seiner Vorgänger.

Heutzutage gilt die MedUni Wien als eine der besten jungen Universitäten der Welt, deren ForscherInnen in Top-Magazinen publizieren und hervorragende Forschungsleistungen erbringen – mit steigendem Impaktfaktor. Das spiegelt sich in den immer besser werdenden Platzierungen in den internationalen Uni-Rankings wider.

Mit fast 7.500 Studenten und rund 4.200 Mitarbeitern zählt sie zu den größten medizinischen Ausbildungs- und Forschungszentren im deutschsprachigen Raum.

Der Originalbericht „Eine kurze Geschichte der Chirurgie“ ist erschienen in „European Surgery“ 2016/48, DOI 10.1007/s10353-016-0418-0, © Springer Vienna

Prof. Dr. Rudolf Roka ist FA für Chirurgie in Wien und ehemaliger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie.


Rudolf Roka

, Ärzte Woche 42/2016

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