zur Navigation zum Inhalt
© akg-images /dpa
Heinrich Schliemann, im Brief an seine Frau.
 
Leben 16. August 2016

Heinrich Schliemanns Schwimmer-Ohr

Hätte er nur auf seine Ärzte gehört.

Der Archäologe und Geschäftsmann (1822 bis 1890) war stolz auf seine robuste Gesundheit und hart im Nehmen, was körperliche Widrigkeiten betraf. Spätestens vor Weihnachten 1890 hätte er lieber auf den Rat seiner Ärzte hören sollen.

Schliemann hatte schon so manche schwere Krankheit überstanden, als er sich auf die Suche nach Troja machte: Tuberkulose in der Kindheit, Influenza während seines Aufenthaltes in Russland, Gelbfieber während einer Reise durch Kalifornien, Malaria in Griechenland. Er trainierte täglich, um sich fit zu halten. Selbst an kalten Wintertagen setzte er sich aufs Pferd, um irgendwohin zu reiten, wo es Wasser gab, um schwimmen zu können.

Eine Angewohnheit, die sein otologisches Problem verschärft und schließlich seinen Tod mit verursacht haben dürfte. Denn Schliemann litt fast die Hälfte seines Lebens immer wieder an Ohrenschmerzen, begleitet von brennenden Kopfschmerzen, jedoch ohne Schwindel oder Tinnitus. Sein Gehör wurde nach und nach immer schlechter bis hin zur Taubheit.

Bereits 1877 riet ihm der Würzburger Professor für Ohrenheilkunde Anton Friedrich Freiherr von Tröltsch (1829 bis 1890) vom Schwimmen ab. Diesen Rat ignorierte Schliemann jedoch ebenso wie den später gleich lautenden Hinweis seines Freundes und Förderers Rudolf Virchow (1821 bis 1902). 1886 wurden die Ohrenprobleme deutlich schwerer, zwei Jahre später erlitt Schliemann einen akuten Hörverlust, begleitet von heftigen Schmerzen.

Virchow fand einen verlegten äußeren Gehörgang mit erheblicher Schwellung vor. Doch Schliemann glaubte lieber an die günstigen Wirkungen von Salzwasser und schwamm weiter, nachdem sich die schlimmsten Symptome gebessert hatten. Virchow riet seinem Freund dazu, Hermann Schwartze (1837 bis 1910), einen Pionier der Ohrenchirurgie, in Halle/Saale aufzusuchen. Doch Schliemann zögerte diesen Termin zehn Monate hinaus, weil er zu beschäftigt war mit Ausgrabungen.

Erst als im November 1890 die Ohrenschmerzen und der Hörverlust kaum noch auszuhalten waren, konsultierte Schliemann den Spezialisten. Schwartze operierte Schliemann am 13. November 1890 unter Chloroform-Anästhesie auf beiden Seiten. Schwartze entfernte große Exostosen aus dem linken und rechten Ohr. Links führte er eine Antrotomie durch, erweiterte also das mit Schleimhaut ausgekleidete Antrum mastoideum. Danach wurden die Ohren täglich mit zweiprozentiger Karbolsäure gespült. Antibiotika waren unbekannt. Der Eingriff war mit einem erheblichen Infektionsrisiko verbunden. Dies umso mehr, als Schliemann nicht die Geduld hatte, die Nachbehandlung bei Schwartze zu Ende zu bringen.

Am ersten Weihnachtsfeiertag brach Schliemann zusammen. Tags darauf starb er. Zwar hat keine Autopsie stattgefunden. Jedoch wird es als wahrscheinlich angesehen, dass die unmittelbare Todesursache ein Temporallappenabszess links gewesen ist. Nicht ausgeschlossen ist eine Ohr-Tuberkulose.

springermedizin.de, Ärzte Woche 23/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben