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© (3) Wien Museum/Kollektiv Fischka/Kramar mit Sabine Wolf
Hauptapside der Virgilkapelle mit markantem Radkreuz und Brunnenschacht.

Blick in die Virgilkapelle.

© Patrick Schicht

Illustration des unterirdischen Raumes vor Einbau des Gewölbes mit einer darüber geplanten Kapelle, Mitte 13. Jhdt.

Wandmalerei mit Darstellung eines frontal blickenden Gesichts.

 
Leben 23. März 2016

Vergessenes Kleinod

Nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten ist die nächst dem Wiener Stephansdom unterirdisch gelegene Virgilkapelle seit Ende vergangenen Jahres als Zeugnis des mittelalterlichen Wiens wieder geöffnet.

Die Virgilkapelle ist nicht nur ein beeindruckendes architektonisches Zeugnis gotischer Sakralarchitektur. Der unterirdische Bau beherbergt als Außenstelle des Wien Museums auch Exponate und Wissenswertes zur mittelalterlichen Stadtgeschichte.

Überquert man den Stephansplatz vorbei am Riesentor, schaut man nur selten auf den Boden. Dort verbarg sich über Jahrhunderte, den Blicken entzogen, ein sehr eigenartiger Sakralbau, dessen Umrisse heute auf dem Pflaster erkennbar sind. Erst 1973 wurde die sogenannte Virgilkapelle, mit Bauschutt früherer Zeiten verfüllt, beim Bau der Wiener U-Bahn wieder entdeckt. Seither konnte man beim Passieren der U-Bahn-Station in Richtung U1 oder U3 einen Blick auf das alte Mauerwerk der Kapelle werfen. Seit Dezember 2015 ist damit ein wahrhaft ungewöhnliches Bauwerk zu besichtigen und im angeschlossenen Museum erfährt man Wissenswertes zur mittelalterlichen Wiener Stadtgeschichte.

Das Rätsel der Kapelle

In mehr als nur einer Hinsicht gibt der gotische Sakralbau bis heute Rätsel auf. Seine Entstehung fiel in bewegte Zeiten, die für die Stadtgeschichte Wiens von weitreichender Bedeutung waren. 1192 wurde der englische König Richard Löwenherz bei seiner Rückkehr vom Dritten Kreuzzug aus dem Heiligen Land auf Geheiß von Markgraf Leopold V in Erdberg, damals ein Vorort Wiens, gefangen genommen – und dann in Dürnstein in der Wachau gefangen gehalten. Das erhebliche Lösegeld für seine Freilassung verwendete man zum Bau der ersten Wiener Stadtmauer, obwohl Wien damals noch nicht das Stadtrecht besaß. Dieses wurde erst 1221 unter Leopold VI. verliehen, ebenso wie das Stapelrecht, das Kaufleute dazu zwang, ihre Waren in Wien zum Kauf anzubieten.

Wien hatte jedoch mehr und mehr an Bedeutung gewonnen, weil es direkt auf der Route der Kreuzzüge ins Heilige Land lag. Um 1137 hatte man mit dem Vorgängerbau des Stephansdoms, der damals noch außerhalb des Zentrums Wiens lag, begonnen; im Jahr 1147 wurde er geweiht. Wien war damals auch noch kein eigenes Bistum sondern unterstand der Herrschaft des Bistums Passau.

Unter Friedrich II. dem Streitbaren, dem letzten Babenberger, siedelten sich einige bedeutsame Ordensbruderschaften in Wien an. So ist die Wiener Kommende des 1198 in Akkon gegründeten Deutschen Ordens seit 1222 nachweisbar. Drei Jahre später begannen die Dominikaner mit dem Bau des unweit des Stephansdoms liegenden und 1237 geweihten Dominikanerklosters. Der Templerorden war zu Beginn des 13. Jahrhunderts in Wien noch nicht tätig, daher ist es äußerst unwahrscheinlich, die Virgilkapelle, deren Baubeginn in die Zeit um 1225/30 fiel, damit in Verbindung zu bringen. Da schriftliche Zeugnisse zur Entstehungsgeschichte der Kapelle fehlen, kann heute kaum mehr geklärt werden, von wem letztlich der Anstoß zu diesem Bau kam. Wien entwickelte sich als befestigte Stadt in jeder Hinsicht zu einem bedeutsamen Zentrum. Wer solch ein sakrales Bauwerk wie die Virgilkapelle nächst dem mächtigen Stephansdom ausführen ließ, musste wohl über entsprechenden Einfluss verfügen und stand vermutlich auch in enger Verbindung mit den Kreuzzügen. Eine christliche Bruderschaft als Auftraggeber dieses, wohl unter Mitwirkung der Wiener Dombauhütte entstandenen, Bauwerks scheint unter diesem Gesichtspunkt nicht gänzlich abwegig.

Ein besonderes Bauwerk

Bei der Virgilkapelle, deren Bezeichnung aus späterer Zeit stammt - eine der Apsiden ist dem Hl. Virgil geweiht - handelt es sich nicht um ein konventionelles Bauwerk wie eine Krypta oder eine Unterkirche, sondern um einen ursprünglich sechskonchigen, also mit sechs halbrunden Apsiden versehenen Bau. Die Anlage besaß zudem – bevor im 14. Jahrhundert ein tiefer angesetztes Gewölbe eingezogen wurde – eine heute nur mehr zu erahnende beträchtliche Raumhöhe. Für hiesige Verhältnisse war der gewählte Grundriss ungewöhnlich, er besitzt jedoch Verwandtschaft mit byzantinischen Kirchenbauten und Kleeblattchören aus der Zeit der Romanik. Der Grundriss erhielt seine eigenartige Form durch symmetrische Spiegelung. Der mit Radkreuzen an den oberen Wandpartien der sechs Apsiden geschmückte Innenraum hatte seltsamerweise von oben keinen erkennbaren Zugang. Im Zuge der Restaurierung ließ sich ein solcher nicht zweifelsfrei feststellen. Wahrscheinlich erfolgte er über eine nicht erhalten gebliebene Holztreppe.

Ob die Virgilkapelle grundsätzlich als Unterbau für einen darüber liegenden Andachtsraum gedacht war, ist nicht sicher, auch wenn einige bauliche Indizien dafür sprechen. Als Ort der Aussegnung war sie ursprünglich jedoch nicht vorgesehen, denn die Anlage des Friedhofs um St. Stephan erfolgte erst im Jahr 1255. In der Hauptapside wurde auch ein Brunnenschacht gefunden. Die Verbindung von Wasser oder einer Quelle mit einem Sakralbau ist nicht ungewöhnlich, sie findet sich in einigen romanischen und auch gotischen Kirchen.

Kurz nach 1300 wurde das Gebäude durch den Einzug einer weiteren Ebene verändert und in der Folge durch die von der einflussreichen Schreiberzeche – der Vereinigung aller in Wien tätigen Schreiber – genutzte Maria-Magdalena Kapelle überbaut. Das Obergeschoß der Virgilkapelle wurde als Karner verwendet, um die Gebeine der rings um den Stephansdom auf dem Friedhof Bestatteten aufzubewahren. Nachdem die Maria-Magdalena Kapelle Ende des 18. Jahrhunderts einem Brand zum Opfer gefallen war, verfüllte man die darunterliegenden Räume der Virgilkapelle mit dem Brandschutt. Dadurch hat dieser gotische Sakralraum die Jahrhunderte fast unbeschadet überdauert. Heute lassen sich dort die frühen Kapitel Wiener Stadtgeschichte anschaulich nachvollziehen.

www.wienmuseum.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 12/2016

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