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Pulmologie 23. März 2016

Allzeit bereit: die Tbc-Abfangjäger

Zahl der Tuberkulose-Fälle ist seit Jahren rückläufig. Auch starker Zustrom von Asylsuchenden ändert daran nichts.

Das Otto-Wagner-Spital verfügt seit Kurzem über eine neue Tuberkulose-Station, in der auch extreme Fälle behandelt werden. Insgesamt ist die gefährliche Infektionskrankheit hierzulande unter Kontrolle.

Ein knatternder Huster von einer Zuhörerin lässt die Herren auf dem Podium – PD Dr. Alexander Indra (Ages), Prim. Prof. Dr. Meinhard Kneussl (Wilhelminenspital) und OA Dr. Rudolf Rumetshofer (Otto Wagner-Spital) – aufhorchen. Das mag der Berufsroutine geschuldet sein – schließlich sind die drei Spezialisten für Tuberkulose. Sorgen sind jedoch unbegründet. Die Beletage des Restaurants „Zum Schwarzen Kameel“ in der Wiener Innenstadt ist ein schmaler, aber lang gezogener Raum. Nicht ideal für Vortragende, aber groß genug, um vor der Ansteckung mit Mycobacterium tuberculosis sicher zu sein.

Die seit Jahrzehnten hierzulande betriebene Tuberkulose-Überwachung samt wirksamer Therapie hat den alten Schrecken der Tuberkuloseerkrankung drastisch zurückgedrängt. Trotz mancher Schlagzeile – zuletzt wurde ein Fall von offener Tbc in der Parlamentsdirektion publik – ist die Zahl der Fälle seit Jahren rückläufig. Das trifft auf österreichische Staatsbürger genauso zu wie auf hierzulande lebende Bürger anderer Länder.

„Im Jahr 2014 wurden 582 Fälle von Tuberkulose (440 bestätigte, 67 wahrscheinliche und 74 mögliche Fälle) registriert“, heißt es im Tuberkulose-Jahresbericht der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages), die in Wien-Alsergrund die Nationale Referenzzentrale für die Erkrankung betreibt. 2015 wurden laut den vorläufigen Zahlen – der endgültige Report liegt noch nicht vor– 579 Tbc-Fälle registriert.

Dies bedeutet, dass auch die Durchreise von rund einer Million Flüchtlingen bzw. von rund 90.000 Menschen, die hierzulande Asylanträge gestellt haben, an der Situation in Österreich nichts Wesentliches geändert hat. 1997 waren es in Österreich noch 1.480, 2007 noch 895 Neuerkrankungen gewesen. Die daraus resultierende Inzidenz (Anm.: Häufigkeit für Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner und Jahr) betrug 2014 6,8 je 100.000 Einwohner. Männer erkrankten 1,8 Mal häufiger als Frauen (9,1/100.000 vs. 4,7/100.000). Wien war mit 11,7 Fällen pro 100.000 Einwohner am stärksten betroffen, das Burgenland mit 2,2 je 100.000 Einwohner am geringsten.

Der seit 1997 beobachtete rückläufige Trend bei Personen mit österreichischer Staatsangehörigkeit setzte sich auch im Jahr 2014 fort. Das gilt ebenso für Menschen nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft seit dem Jahr 2011 (Inzidenz 2011: 36,5 je 100.000 Personen; 2012: 33,7; 2013: 33,1; 2014: 31,2 per 100.000).

Mehr Menschen sterben durch Tbc als durch HIV/Aids

Infolge der in vielen Weltregionen weiterhin verheerenden sozialen Situation, durch Kriege, Bürgerkriege sowie Flüchtlings- und Migrationsbewegungen von Millionen erkranken immer noch weltweit pro Jahr rund 9,6 Millionen Menschen an Tbc. Die Todesziffer beträgt rund 1,5 Millionen. 1,2 Millionen Personen erkrankten 2014 im Zusammenhang mit HIV/Aids an Tuberkulose. 400.000 dieser Betroffenen starben. Weltweit ging man für 2014 von 480.000 Fällen multiresistenter Tuberkulose (190.000 Todesfälle) aus. Internationale Bemühungen haben deutliche Erfolge beim Zurückdrängen der Erkrankung geführt. Das schützt auch die westlichen Industrieländer. Österreich wurde Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts massiv von der Tuberkulose heimgesucht (siehe S. 5). Zwischen 1881 und 1914 starben pro Jahr rund 20.000 Menschen an der Tuberkulose. Nach dem Ersten Weltkrieg waren es pro Jahr 10.000 Opfer, 1954 fast 12.000.

25 Prozent der Todesfälle waren vor 1914 auf die Tbc zurückzuführen. Die Krankheit wurde häufig einer Region zugeschrieben – immer einer anderen als der eigenen. So hieß sie an der Wende zum 20. Jahrhundert „Morbus Viennensis“ (Wiener Krankheit).

Die Behandlung einer normalen Tbc verursacht Medikamentenkosten von rund 300 Euro. Konsequent durchgeführt ist die Therapie in etwa 95 Prozent der Fälle erfolgreich, sie dauert allerdings sechs Monate, „dös zaht si“, sagt Rumetshofer. In einem Entwicklungsland kostet die Therapie ca. 100 Dollar, „da diese aber oft nicht ordentlich gemacht wird oder auch die 100 Dollar nicht zur Verfügung stehen, entwickeln sich Resistenzen, und die sind dann nicht mehr so einfach zu behandeln“. Die Kosten steigen so auf 170.000 Euro.

In Wien wird die Therapie resistenter Tuberkulose im Otto-Wagner-Spital an der neu adaptierten Tuberkulose-Station Severin durchgeführt. Der Patient erhält eine auf seine Resistenzen zugeschnittene Therapie, die aus der Kombination von mehreren Medikamenten besteht und bis zu zwei Jahre dauert. Was sich besonders „zaht“. Die isolierten Patienten werden unter anderem mit Physiotherapie vor dem Lagerkoller bewahrt.

Um die Übertragung der Tuberkulose zu verhindern, verfügt der Severin-Pavillon über spezielle Infektionsschutzmaßnahmen, die in Kombination mit regelmäßigen Kontrolluntersuchungen des Personals maximale Sicherheit im Umgang mit den Patienten gewährleisten. Erst wenn der Patient nicht mehr ansteckend ist, kann er das Krankenhaus verlassen und die Therapie ambulant fortsetzen. Im Otto-Wagner-Spital wurden bisher 120 Patienten mit multiresistenter Tuberkulose behandelt, in rund 85 Prozent der Fälle war die Therapie erfolgreich. Wie es gelungen sei, angesichts des Rückgangs der Fallzahlen, die Investition in eine neue Station zu bekommen? Rumetshofer strahlt. Dann sagt er: „Es war erforderlich.“.

Tuberkulose 1954-2014

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