zur Navigation zum Inhalt
© picture alliance / akg-images
Gemälde wie die „Liebe“ des Österreichers Koloman Moser, entstand um 1895, erregten damals die Gemüter.
 
Dermatologie 7. Dezember 2015

„Die Trauer soll nicht der Wollust vorangehen“

Wie beeinflusst Kunst die Sexualität? Fragen an Arthur Schnitzler und Karl Kraus.

Anlässlich der 125 Jahre Jubiläumsfeier der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV) in Wien, wird unter anderem das gesellschaftliche Milieu um die Jahrhundertwende, in Bezug auf Sexualität, Moral und Pornografie, betrachtet.

Die 1890 gegründete Gesellschaft trug damals den Namen Wiener Dermatologische Gesellschaft. 1903 gründete dann Ernest Finger die Österreichische Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten (ÖGZBG). Schon die Namensänderung gibt Aufschluss, der Schwerpunkt lag damals auf Geschlechtskrankheiten.

Anlässlich einer feierlichen Veranstaltung der ÖGZBG im großen Saal der NÖ Handelskammer in Wien I, Herrengasse, vom 10. Februar 1908 richtete der damalige Vorstand der II. Univ. Hautklinik in Wien, Ernest Finger, schriftlich Fragen an Arthur Schnitzler und Karl Kraus, wie Kunst und Literatur auf die Sexualität wirken , wie man Geschlechtskrankheiten bekämpfen kann und wie Pornografie zu beurteilen ist. Während Schnitzler die Fragen ausführlich beantwortete, (überarbeitete Fassung 1927, Buch der Sprüche und Bedenken), reagierte Kraus mit einem boshaften Essay, publiziert im Band „Die Chinesische Mauer“, Auflage 1918.

„Ein Probedruck des von Arthur Schnitzler im Auftrag der Gesellschaft verfassten Briefes zu Fragen der sexuellen Irritation durch Kunst, Literatur und Pornografie befand sich in einer Schreibtischlade an der II, Univ. Hautklinik. Auch ein Probedruck von Affensyphilis-Bildern von Finger und Landsteiner aus dem Jahr 1905 wurde aufgefunden“, berichtet Prof. Dr. Walter Gebhart, der viele Jahre an der Klinik tätig war und sie von 1988 bis 1992 als Vorstand leitete.

Berechtigung einer sexuellen Erregung

Einen Vergleich stellt Arthur Schnitzler mit der Natur an. „Die Kunst ist hinsichtlich ihrer Wirkung so unbekümmert wie die Natur, und selbst wenn einmal ein großes Kunstwerk geschaffen würde, von so ungeheurer sexueller Reizkraft, dass eine Flutwelle von Sinnlichkeit sich über die gesamte Menschheit ergösse, so wäre das ebenso wenig Anlass, die Ausstellung, die Weiterverbreitung zu verbieten, wie bisher behördlicherseits der Versuch gewagt worden ist, die körperliche Schönheit zu untersagen. Meine Bedenken gegen die Pornografie sind ausschließlich ästhetischer Natur und meine Abneigung gegen pornografische Produkte beruhen nicht darauf , dass manchen die Eigenschaft innewohnt, sexuelle Erregung auszulösen, sondern darauf, dass pornografische Produkte des künstlerischen Wertes ermangeln.“

Schützt Enthaltsamkeit

“Die Frage der Geschlechtskrankheiten ist nur von den Gesichtspunkten der allgemeinen Bildung, der wissenschaftlichen Aufklärung und der Wahrheit anzugehen. Und so sei der Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten und ihre Verbreitung ein Kampf gegen Unbildung, falsche Schamhaftigkeit, Heuchelei und Gewissenlosigkeit, aber nicht ein Kampf gegen Sinnesfreude.“ Wie recht hat Schnitzler auch heute noch.

Karl Kraus antwortete zwar nicht direkt auf die Fragen der ÖGZBG, aber er verfasste einen sehr kritischen Essay. „Es handelt sich also um einen Verein, dessen Mitglieder statutengemäß verpflichtet waren, keine Geschlechtskrankheiten aufkommen zu lassen. Ich sympathisiere um so mehr mit den Bestrebungen dieses Vereines, als ich mich davon überzeugen konnte, dass er auch auf dem einzig richtigen Weg sei, das Ziel der Ausrottung der Geschlechtskrankheiten zu erreichen. Der Verein ging nämlich von der Ansicht aus, dass man ihnen durch Enthaltsamkeit und tadellosen Lebenswandel ein sicheres Ende bereiten könne, und nichts schien mir logischer und unanfechtbarer. Hatte man doch aufgrund wissenschaftlicher Experimente festgestellt, dass die Ursache der Syphilis im Geschlechtsverkehr zu suchen sei.“ Doch, so kritisiert Kraus weiter, die Menschen seien Heuchler genug, um einem Verein, der so wertvolle Erkenntnisse, wie die vom Nutzen der Enthaltsamkeit, verbreitet, vielleicht als unterstützende, aber nicht als ausübende Mitglieder beizutreten.

Vergnügungssüchtige Welt

Kraus:„Denn die Enthaltsamkeit ist zwar nach Busch das Vergnügen an Dingen, welche wir nicht kriegen, aber Max und Moritz wissen sich zu helfen, und man glaubt gar nicht, wie vergnügungssüchtig die Welt im Allgemeinen ist. Wir wollen aber nicht, dass die Trauer der Wollust vorangeht und diese ihr dann nicht folgt. Wir riskieren lieber die Liebe, als die Niete der Verzweiflung zu gewinnen.“

Und das harte Urteil zum Schluss: „Schlimmeres kann uns nicht geschehen, als dass sich die Beschäftigung mit der Lues einigen strebsamen Professoren aufs Gehirn schlägt, sodass deren Beförderung zu Hofräten nichts mehr im Wege steht; und wir gehorchen dem Naturwillen, wenn es auch vorläufig noch immer mehr Titel für die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten gibt, als Mittel zu deren Bekämpfung.“

Enthaltsamkeit ist nicht mehr das Gebot für die Verhütung von Geschlechtskrankheiten. Es gibt erfolgreichere Möglichkeiten, aber Aufklärung und Gewissenhaftigkeit sind auch heute noch Voraussetzungen. Die Therapie der Syphilis ist heute dank der Antibiotika kein Problem mehr. Das Auftreten der Immunschwäche HIV beweist jedoch erneut, dass die Geschlechtskrankheiten trotz des gewaltigen Forschungsaufwandes, für erfolgreiche Therapien noch lange nicht besiegt sind.

Quelle:

Die 125 Jahre Jubiläumsfeier der ÖGDV tagte vom 4. bis zum 6. Dezember in Wien.

Gerta Niebauer, Ärzte Woche 50/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben