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Das Alte AKH um 1930; Heimische Ärzte sitzen noch entspannt auf den Parkbänken, während in Deutschland die NSDAP bereits zweitstärkste Partei ist und im Oktober 1930 die Abgeordneten erstmals in brauner Uniform im Reichstag erscheinen. Am selben Tag kam e
 
Leben 26. Oktober 2015

Weisser Kittel, gelber Stern

Expertenbericht: Die Entrechtung und Vertreibung österreichischer Ärzte unter der NS-Herrschaft.

Am 13. März 1938 ist es passiert – Österreich wurde in das Deutsche Reich eingegliedert. Unter heimischen Medizinern waren viele Juden, die ab diesen Zeitpunkt das Schlimmste befürchten mussten. Zu Beginn der Verfolgung stand zunächst die menschliche und materielle Erniedrigung. Verarmt standen sie später nach Entzug der Approbation vor dem finanziellen Nichts und konnten sich kaum die Flucht leisten, die sie vor dem sicheren Tod hätte retten können.

Die Entrechtung der aus rassistischen oder politischen Gründen unerwünschten Ärzte erfolgte in Österreich im Unterschied zum „Altreich“ in nur wenigen Monaten nach dem „Anschluss“ am 13. März 1938. Was die quantitative Ausgangslage der „NS-Säuberungen“ aus rassistischen Gründen anbelangt, ist österreichweit von etwa 30 Prozent und in Wien von rund 65 Prozent Ärzte mit jüdischer Herkunft auszugehen. Nach zeitgenössischen NS-Angaben machten die „Juden oder Judenstämmlinge“ in Wien rund 3.200 der insgesamt 4.900 Ärzte aus, weshalb hier der Ärztestand den Nationalsozialisten „besonders stark von Juden durchsetzt“ erschien.

Erste Maßnahmen

Zu den ersten Maßnahmen zur „Entjudung“ der Ärzteschaft kam es bereits unmittelbar nach dem „Anschluss“, begleitet von Übergriffen gegen „jüdische“ Ärzte, z. B. in Form der Heranziehung zu den „Putzscharen“ bzw. sogenannten Reibepartien. Offenbar zwecks Reduzierung derartiger Schikanen stellte die „Wirtschaftliche Organisation der Ärzte Wiens“ seit Ende März Bescheinigungen mit der Unterschrift Rudolf Ramms, des für Österreich zuständigen Beauftragten des Reichsärzteführers, aus, wonach der ärztliche Dienst „ungestört weiter zu versehen“ sein müsse und daher „Ärzte in der Ausübung ihrer Praxis (auch nicht zur Nachtzeit) durch Heranziehung zur Putzschararbeit etc. nicht behindert“ werden dürften.

Die ersten „Säuberungen“ der Spitäler von „rassisch“ oder politisch unerwünschten Personen erfolgten bereits in der zweiten Märzhälfte, als alle Spitalsbediensteten, die nicht auf den „Führer“ vereidigt werden durften, also alle „jüdischen Beamten“, vom Dienst suspendiert und alle, die den Eid verweigerten, des Dienstes „enthoben“ wurden.

Als „Jude“ galt, wer von „mindestens drei der Rasse nach volljüdischen Großeltern“ abstammte, wobei als „Volljude“ ein Großelternteil bereits dann eingestuft wurde, wenn er der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörte. Andererseits galt als „Jude“ auch der von zwei „volljüdischen“ Großeltern abstammende „jüdische Mischling“, der entweder zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der reichsdeutschen Rassegesetze am 16. September 1935 der „jüdischen Religionsgemeinschaft“ angehört hatte oder danach in sie aufgenommen wurde oder zu diesem Zeitpunkt mit einem „Juden“ verheiratet war oder sich danach mit einem „Juden“ verheiratete.

An den Universitäten hatten sich überdies als politisch „unzuverlässig“ eingestufte Ärzte „bis auf weiteres jeglicher Dienstleistung zu enthalten“. Alle nicht zum Eid zugelassenen Abteilungsärzte des Wiener Krankenanstaltenfonds wurden in weiterer Folge Mitte April fristlos entlassen.

„Neuordnung des Berufsbeamtentums“

Auch für die nächsten Maßnahme der „Säuberung“ wurde in Österreich nicht die Einführung des deutschen Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom April 1933 abgewartet – die ja erst im September 1938 erfolgte –, sondern es erging bereits Ende Mai 1938 die Verordnung zur „Neuordnung des österreichischen Berufsbeamtentums“ (BBV), welche alle Juden im Sinne der NS-Rassegesetze, „jüdische Mischlinge“ und nun auch mit „Juden“ oder „Mischlingen“ verheiratete Ärzte betraf.

Ausnahmen konnten gemacht werden, und zwar im Fall von „Mischehen“ oder bei „Mischlingen“, wenn bei den Betroffenen die Voraussetzungen für das sogenannte Frontkämpferprivileg zutrafen oder diese Verdienste am NS-Juliputsch 1934 erworben hatten. Die BBV erfasste darüber hinaus nun auch generell als politisch unzuverlässig erachtete Personen, also solche, „die nach ihrem bisherigen politischen Verhalten nicht die Gewähr dafür bieten, dass sie jederzeit rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat eintreten“. Die in der BBV vorgesehenen Säuberungsmaßnahmen reichten von der Pensionierung über Kündigungen (mit Abfertigungen) bis zu fristlosen Entlassungen, bei „politisch Unzuverlässigen“ war auch die Versetzung möglich.

Was die jüdischen „Mischlinge“ betrifft, so wurden deren Dienstverhältnisse also wie die der „Juden“ beendet, allerdings wurde den Jungärzten eine Anstellung in den Krankenanstalten gestattet (in öffentlichen Krankenanstalten ohne Bezahlung), um ihre spitalsärztliche Ausbildung absolvieren zu können. Da sie nämlich wehrdienst- und arbeitsdienstpflichtig waren und daher keine Möglichkeit hatten, sich legal auf Dauer ins Ausland zu begeben, sollte ihnen das Recht zur Ausübung der ärztlichen Praxis weiter zugestanden werden.

Approbationsentzug

Die zweite bedeutsame Maßnahme der Entrechtung der österreichischen Ärzte war der sogenannte Approbationsentzug, der aufgrund der im Juli 1938 erlassenen Vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz erfolgte: Im gesamten Gebiet des Deutschen Reichs erloschen die „Bestallungen“ bzw. Approbationen „jüdischer“ Ärzte am 30. September 1938.

Die in der Verordnung festgelegte Qualifikation als „Jude“ richtete sich nach den in Österreich am 20. Mai in Kraft getretenen Nürnberger Gesetzen, weshalb sogenannte Halb- und Vierteljuden an sich nicht betroffen waren, „Mischlinge 1. Grades“ jedoch dann sehr wohl, wenn sie mit einem „Juden“ bzw. einer „Jüdin“ verheiratet waren. Damit wurde die „Judenfrage“ nicht nur im Land Österreich schlagartig gelöst, sondern auch ein Schlussstrich unter die Zulassungsfrage betreffend die „jüdischen“ Ärzte im „Altreich“ gesetzt.

„Juden“, deren Approbation erloschen war, durften die Heilkunde nicht mehr ausüben. Widerruflich konnte allerdings der Reichsinnenminister auf Vorschlag der Reichsärztekammer Ärzte, deren Approbation erloschen war, die Behandlung ausschließlich jüdischer Patienten als sogenannte „Krankenbehandler“ und „Zahnbehandler“ gestatten. Ihnen war auch untersagt, die Bezeichnung „Arzt“ oder Amtstitel wie etwa „Sanitätsrat“ zu führen. Sie gehörten keiner ärztlichen Standesvertretung mehr an, unterstanden dem örtlichen Gesundheitsamt und hatten den Weisungen des „Kommissars für jüdische Krankenbehandler“ im Stab des Reichskommissars Josef Bürckel Folge zu leisten. Zur deutlichen Unterscheidung von „arischen“ Ärzten mussten sie ein Praxisschild führen, das auf blauem Grund einen gelben Kreis mit blauem Davidstern zeigte.

Entzug der Kassenverträge

Ebenfalls bereits unmittelbar nach dem „Anschluss“ erfolgte der Entzug der kassenärztlichen Zulassungen, und zwar nicht auf gesetzlicher Ebene wie im Deutschen Reich, sondern mittels Vertragskündigungen. Während im Deutschen Reich nämlich die Leistungen der Kassenärzte nach dem System der Einzel- oder Pauschalhonorare abgerechnet wurden, so waren diese in Österreich zumeist von der Krankenkasse mit festem monatlichem Gehalt und Pensionsansprüchen angestellt. So kündigten die Krankenkassen ihre Verträge mit der Ärztevertretung mit Wirkung vom 30. Juni 1938, und zwar mit dem Zweck, die gleichen Verträge unter Ausschluss der „Juden“ neu abzuschließen. Im Herbst 1938 wurde schließlich der Geltungsbereich der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands auch auf Österreich erstreckt, die nach der Einführung des deutschen Sozialversicherungsrechts neue Verträge über die kassenärztliche Versorgung der Krankenkassenmitglieder und ihrer Angehörigen in Österreich abzuschließen hatte.

„Erfolgreiche Entjudung“

Nachdem auch in anderen ärztlichen Berufsfeldern, wie etwa im Bereich der privaten Versicherungen, der Amtsärzte, Gemeindeärzte und Schulärzte, „Säuberungen“ stattgefunden hatten, konnte Rudolf Ramm daher bereits am 1. Oktober 1938 die „erfolgreiche Entjudung des Ärztestandes“ in Österreich verkünden, von nun an gäbe es „keinen jüdischen Arzt auf deutschem Boden mehr“. Die „Säuberungen“ hatten allerdings einen spürbaren Ärztemangel zur Folge. Die Reichsärzteführung stellte daher nicht unerhebliche Summen zur finanziellen Unterstützung von in der „Ostmark“ neu zur Kassenpraxis zugelassenen oder auch „umgesiedelten“ Ärzte mittels günstiger Darlehen zur Verfügung. Die Stadt Wien organisierte überdies Wohnraum, etwa durch Kündigung von jüdischen Ärzten in den Arbeiterwohnbauten.

Obwohl die Säuberungs- und Entrechtungsmaßnahmen in Österreich also in nur wenigen Monate umgesetzt wurden, traten bei deren Implementierung aus Gründen der in vielen Bereichen völlig unterschiedlichen Rechtsordnungen und der damit verbundenen völligen Umstrukturierung des österreichischen Gesundheitswesens sowie aufgrund von österreichspezifischen Durchführungsbestimmungen immer Probleme auf, die wiederum Friktionen zwischen reichsdeutschen und österreichischen Behörden nach sich zogen.

Was die betroffenen Ärzte anbelangt, so hielt sich die Verfolgung politisch missliebiger Mediziner in Österreich – nicht zuletzt auch aufgrund von Emigrationsvorgängen bereits zwischen 1933 und 1938 – quantitativ durchaus in Grenzen, während die Entrechtung und Verfolgung alle Juden, Mischlinge und jüdisch Versippten traf. Während jedoch Ärzte mit jüdischen Ehepartnern „nur“ ihre öffentlichen Ämter verloren und „Mischlinge“ wenigstens entweder ihre Spitalsausbildung beenden konnten oder nicht generell vom Approbationsentzug betroffen waren, so trafen die NS-Maßnahmen die sogenannten Volljuden mit voller Härte. Etwa 80 Prozent der österreichischen Ärzte jüdischer Herkunft gelang zwar die Rettung durch Flucht, vor allem in die USA (über 2.000), nach Großbritannien (ca. 360), nach Palästina (ca. 70) oder nach Shanghai (ca. 130), viele beendeten jedoch ihr Leben durch Suizid oder wurden in den Konzentrationslagern ermordet.

Prof. Dr. Ilse Reiter-Zatloukal ist an dem Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte des Juridicums in Wien tätig.

 

Das Projekt „Ärzte und Ärztinnen in Österreich 1938–1945. Entrechtung, Vertreibung, Ermordung“, https://drmed1938.univie.ac.at/

wird gefördert vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank, dem Zukunftsfonds der Republik Österreich, dem Nationalfonds der Republik Österreich, der Conference on Jewish Material Claims Against Germany, den Ärztekammern Wien, Burgenland, Kärnten, Tirol, Vorarlberg; den Ländern Wien, Niederösterreich, Burgenland, Oberösterreich, Salzburg, Vorarlberg.

Infos zur Konferenz

Die Konferenz „NS-Verfolgung von Ärztinnen und Ärzten“ am 18. und 19. November 2015 widmet sich der Entrechtung, Vertreibung und Ermordung der österreichischen Mediziner aus „rassischen“, politischen oder sonstigen NS-spezifischen Gründen.

Neben den rechtshistorischen Aspekten und den Auswirkungen auf das österreichische Gesundheitswesen und die medizinischen Fakultäten beschäftigt sich die Konferenz insbesondere mit der Aufnahme und den Arbeitsbedingungen der Flüchtlinge in den Exilländern.

Anmeldung und Programm:

http://bit.ly/1Px8dHi

Ilse Reiter-Zatloukal, Ärzte Woche 44/2015

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