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© Philippe Trias / PHOTOPQR/LE PROGRES
Koch und Pasteur waren keine Labormäuse, sie lernten ihr Handwerk in den Feldlazaretten des Deutsch-französischen Kriegs von 1870. Dort sogen sie allerdings auch Vorurteile und Rachegelüste auf.
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Pasteur betrachtet das getrocknete Rückenmark eines tollwütigen Kaninchens in einer Flasche.

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Robert Koch, Nobelpreis für Medizin, um 1900. Selbst als Pasteur stirbt, bleibt er reserviert.

 
Leben 5. Oktober 2015

„Nichtig, nicht existent, einfältig!“

Das nobelpreisverdächtige Duell zwischen Louis Pasteur und Robert Koch endete vor 120 Jahren.

Zum Todestag des französischen Gelehrten Pasteur ist eine neue Biografie erschienen, die den Zweikampf mit seinem deutschen Kontrahenten zum leidenschaftlich geführten Duell zweier Wissenschafts-Giganten hochstilisiert. Vor dem Hintergrund großer politischer Spannungen treiben sich die Forscher gegenseitig zu Höchstleistungen.

Die Agentur Thomson Reuters nennt die Favoriten für den Medizin-Nobelpreis 2015. Sie heißen: Jeffrey I. Gordon, er forscht über die Zusammenhänge von Darmflora und Übergewicht, Kazutoshi Mori und Peter Walter (zelluläre Qualitätskontrolle) sowie Alexander Y. Rudensky, Shimon Sakaguchi und Ethan M. Shevach, die sich mit T-Zellen und Autoimmunreaktion beschäftigen. Alle sind in Japan und den USA tätig (s. S. 3).

Um 1900 sind Chemie, Medizin und die junge Bakteriologie Paradedisziplinen der Alten Welt. Louis Pasteur und Robert Koch sind absolute Giganten der Wissenschaft. Beide gelten als Wegbereiter der Mikrobiologie, der Bakteriologie und Virologie. Aber sie sind auch Konkurrenten. Sie genießen bis heute in ihren Heimatländern höchste Anerkennung und werden als Pioniere der modernen Wissenschaft gefeiert – dennoch sind sie im jeweiligen Nachbarland nahezu unbekannt.

Diese Situation ist nur vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen Deutschland und Frankreich im 19. Jahrhundert zu verstehen. Ein Nachhall dieser Epoche ist in der Würdigung des Arztes und Koch-Schülers Martin Hahn zu hören, verfasst aus Anlass des 100. Geburtstags Pasteurs und erschienen in der Klinischen Wochenschrift vom 1. Jänner 1923: „Angesichts der großen Wirkung, die Pasteurs Forschungen auf die Entwicklungen der Biologie im Allgemeinen, auf das Studium der Ätiologie, der Prophylaxe und Therapie der Infektionskrankheiten im Besonderen geübt haben, dürfen auch wir deutschen Mediziner uns heute ehrfurchtsvoll vor seinem Grabe neigen, ohne fürchten zu müssen, dass diese Geste falsch gedeutet wird.“ Für Pasteurs Charakter spricht in Hahns Augen ein Toast, den der Franzose in Mailand geäußert habe: La Science n’a pas de patrie, mais les servants en ont une! (Anm.: Die Wissenschaft hat keine Heimat, aber die Dienenden haben eine!)

Pasteur bewundert Napoléon III., trotz der schweren und blutigen Niederlage gegen die preußische Armee im September 1870, die der Unfähigkeit der Armeeführung geschuldet ist. „Ich bin zerbrochen vor Schmerz“, schreibt Pasteur. Und: „Hass auf Preußen. Rache. Rache.“

Koch findet als Militärarzt in Mainz und später in Orléans Verwendung. Wie er an seinen Vater schreibt, lernt er während seiner kurzen Anwesenheit im Lazarett mehr, als er es in sechs Monaten in einem zivilen Krankenhaus getan hätte. Er macht sich mit dem Typhus vertraut und studiert die Pocken-Impfung, die einzige Impfung, die zu dieser Zeit existiert.

Zehn Jahre später hat Pasteur die Mikroben für infektiöse Krankheiten verantwortlich gemacht. „Der Mensch ist machtlos gegen einen unbekannten und unsichtbaren Feind.“ Und weiter: Seine Situation erinnere ihn leider an die armen Soldaten von 1870, als in ihren engen Reihen preußische Granaten einschlugen. Die Lösung seiner Keimtheorie liegt in der Impfung, ahnt Pasteur.

Der um 20 Jahre jüngere Koch hat ebenfalls einen gewisse Bekanntheitsgrad erlangt, denn er hat die Milzbrandsporen entdeckt. Auf einem Medizin-Kongress im August 1881 in London treffen die beiden bei einem Abendessen aufeinander. Koch präsentiert Fotografien verschiedener pathologischer Gewebe, die die Wirkung von Mikroben zeigen. Pasteur ist beeindruckt, drückt Kochs Hand: „Dies ist ein großer Fortschritt.“ Alles scheint bestens zu laufen zwischen dem Franzosen und dem Deutschen. Doch das Kriegsbeil ist nur scheinbar begraben. Mit heftigen Worten greift Koch Pasteur kurz danach an. „Das Ergebnis der Forschung Pasteurs kann man so zusammenfassen: [...] dass wir Pasteur bisher auch nicht das geringste zu verdanken haben [...].“ Sinngemäß sagt Koch, Pasteur wisse nicht, wie man Mikroben im Reinzustand kultiviert. Seine Schüler gehen noch weiter und bezeichnen die Pasteursche Impfung mit geschwächten Keimen gegen die Geflügelcholera und den Milzbrand als „nichtig, nicht existent, einfältig!“

Pasteurs Chance kommt in Form einer Anfrage nach dem Milzbrandimpfstoff von der Tierärztlichen Hochschule Berlin. Eine Kommission begutachtet die erfolgreiche Impfung von 250 Schafen. Koch gratuliert nicht. Bereitet vielmehr die Verkündung seiner neuen Entdeckung vor: den Kochschen Bazillus der Tuberkulose. Der Konflikt kulminiert auf einem Hygiene-Kongress in Genf im September 1882. Pasteur rechnet auf dem Podium mit Koch ab, der weicht aus, „weil ich nicht gut Französisch verstehe und Herr Pasteur nicht genug Deutsch, so können wir keine fruchtbare Diskussion führen“. Pasteur ist ein ausgezeichneter Debattierer, Koch hat Schwierigkeiten sich in der Öffentlichkeit auszudrücken, er spricht zögerlich und manchmal etwas wirr. Er zieht es vor, sich schriftlich zu äußern.

Am 70. Geburtstags Pasteurs begnügt sich Koch damit, ein Telegramm zu senden: „Dem Gelehrten mit solch großen Verdiensten und Genie. Das Institut für Infektionskrankheiten schickt zum heutigen Tag seine herzlichsten Glückwünsche. Robert Koch, Direktor.“ Auch als Pasteur drei Jahre später stirbt, bleibt Koch kühl. In Frankreich herrscht Staatstrauer. Die Beisetzung Pasteurs findet in Notre Dame statt, das in schwarze Draperie gehüllt ist. Der Gegensatz wischen den Gelehrten nährt sich aus ultranationalistischen Gefühlen. Kaum waren beide verschwunden – Koch stirbt 1910 – bricht ein neuer Krieg aus, der noch schrecklicher gewesen wäre ohne die Fortschritte in der Hygiene und Medizin, die aus den Arbeiten von Koch und Pasteur resultierten.

Martin Burger, Ärzte Woche 41/2015

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