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Neurologie 8. Juni 2015

Wissenschaft vom ;-)

Zwinkern ist eine unverfälschte Reaktion und verrät unsere Vorlieben

Einen Reiz als angenehm oder unangenehm einzustufen, ist eine uralte, unbewusste Funktion des menschlichen Gehirns, die sich in der Evolution lange vor der Entwicklung höherer kognitiver Funktionen und des Sprachvermögens gebildet hat.

Unbewusstes Augenblinzeln verrät mehr über unsere Vorlieben und Sympathien als umfangreiche Befragungen oder komplexe Hirnscans. Denn unbewusste affektive Sinnesverarbeitung, nicht so sehr bewusste Wahrnehmung, ist verantwortlich dafür, ob wir einen Sinnesreiz als angenehm oder unangenehm einstufen. Das sagten Forscher der Webster Vienna Private University und der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) auf dem internationalen Gmunden Retreat on NeuroIS 2015. Und dabei rütteln sie an akzeptierten Konzepten der Neurowissenschaften, was genau Emotionen eigentlich sind.

Unwillkürliches Augenblinzeln (engl. Startle Reflex) ist eine reflexartige Reaktion auf kurze laute akustische Reize. Dieses bekannte Phänomen lässt sich in den Neurowissenschaften einsetzen, wenn es darum geht, affektive Verarbeitung – also die Einordnung eines Reizes als angenehm oder unangenehm – zu erfassen. Dies ist nicht nur für Wissenschafter von Interesse, sondern auch für Meinungsforscher, Marketingmanager, Modemacher, denn so lassen sich Rückschlüsse auf Vorlieben und Präferenzen ziehen.

Intensität des Schreckreflexes

Zu der so einfachen wie aussagekräftigen Methode meint der Leiter des Departments für Psychologie an der Webster Vienna Private University, Prof. Dr. Peter Walla: „Tatsächlich konnte schon früher gezeigt werden, dass die Stärke des Schreckreflexes von tief im Gehirn stattfindender affektiver Verarbeitung abhängt. Ist man mehr positiv eingestellt, fällt das schreckhafte Blinzeln weniger heftig aus als wenn man negativ eingestellt ist. So kann die Intensität des Schreckreflexes mit der unbewussten Einordnung eines Reizes als unangenehm oder angenehm korreliert werden.“ Walla und seine Kollegin PD Dr. Monika Koller von der WU Wien argumentieren nun, dass der Schreckreflex im Vergleich zu traditionellen Befragungen ein wesentlich objektiveres Maß für das Messen von Präferenzen ist.

Die höhere Objektivität des Testes hat dabei eine ganz grundlegende Ursache, erläutert Walla: „Einen Reiz als angenehm oder unangenehm einzustufen, ist eine uralte, unbewusste Funktion des menschlichen Gehirns, die sich in der Evolution lange vor der Entwicklung höherer kognitiver Funktionen und des Sprachvermögens gebildet hat. Werden Probanden aber zu ihren Empfindungen über einen Reiz befragt, müssen sie diese zur Verbalisierung erst kognitiv verarbeiten. Das kann unweigerlich zu Verfälschungen und Fehleinschätzungen führen.“ Für Prof. Walla ist diese Trennung zwischen unbewusster affektiver Verarbeitung eines Reizes und der nachfolgenden kognitiven Verarbeitung der Information eine ganz wesentliche – betrifft sie doch die grundsätzliche Definition von Emotion.

Walla und Koller meinen nun, dass Emotion keine neuronale Informationsverarbeitung ist, auch kein Gefühl, sondern ein Verhalten, das erst daraus resultiert (der expressive „Output“) – dass Emotion und affektive Verarbeitung zu trennen sind. Hinweise, die ihre Ansicht stützen, finden beide in Versuchen, in denen die Ergebnisse von Befragungen zur positiven oder negativen Einstellung gegenüber Reizen mit Messungen des Schreckreflexes verglichen wurden. Dabei, so zeigen die Resultate, wichen die Ergebnisse beider Methoden zum Teil stark von einander ab. Keine Überraschung: Das bewusste Überlegen, wie man seine Einstellung beschreibt oder kategorisiert, verfälscht durch kognitive Prozesse die Einstufung der unbewussten Grundeinstellung.

Die von Walla und Koller vorgestellte Methode ist aber nicht nur objektiver, sondern bietet zusätzlich eine genauere Quantifizierung der Reizverarbeitung als bisherige Ansätze. Denn alternativ zu subjektiven Befragungen werden auch moderne bildgebende Verfahren wie die funktionale Magnetresonanztomographie des Hirns eingesetzt, um eine höhere Objektivität der Ergebnisse zu erreichen. Doch ist es mit diesen Methoden schwierig, die Intensität einer positiven oder negativen Einstellung genau zu erfassen. Eine Differenzierung, die mit der nun vorgeschlagenen Methode technisch einfach möglich ist. In Kombination mit der hohen Objektivität dieses Verfahrens bietet sich die Nutzung des Schreckreflexes daher für grundlegende Neurowissenschaften genauso an wie für die klinische oder angewandte Forschung.

Kommunikatives Handeln

Augenzwinkern ist nicht nur ein Reflex, sie gehört auch zur nonverbalen Kommunikation. Ein Satz wird durch ein zustimmendes Kopfnicken bestätigt, ein Augenzwinkern ergänzt die Bedeutung des Gesagten, ein munterer Gesichtsausdruck kann dem Inhalt einer Mitteilung jedoch auch widersprechen.

Durch ein nonverbales Signal kann eine Information verstärkt werden. „Nonverbale Botschaften drücken Emotionen aus und werden bewusst dann eingesetzt, wenn eine sprachliche Verständigung nicht möglich oder nicht angebracht ist“, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Edith Broszinsky-Schwabe (Interkulturelle Kommunikation, Missverständnisse – Verständigung, VS Verlag 2011).

Webster Vienna Private Univ., Ärzte Woche 24/2015

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