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Zeitgemäße Spinalnadel mit dem zweckmäßigen Quincke-Schliff.
© Historisch/Regal

Die ersten Kanülen für die Spinalanästhesie kamen nach der Entdeckung relativ rasch in Umlauf. (3)

Quincke führte einen Schliff ein, bei dem die Kanülenspitze schräg angeschnitten ist. Sie ist stabil, hat jedoch den Nachteil, dass sie schneidet.

© Historisch/Regal (2)

Heinrich Quincke (1842–1922) setzte mit der Lumbalpunktion einen Paukenschlag.

August Bier (1861–1949) entwickelte Quinckes Idee weiter und erfand die Spinalanästhesie.

 
Allgemeinmedizin 29. April 2015

Herr Quincke setzte hochkarätige Meilensteine

Die fast vergessenen medizinischen Großtaten eines geschickten Internisten. Geblieben ist immerhin das gleichnamige Ödem.

Der Name Heinrich Irenaeus Quincke (1842–1922) ist durch ein gleichnamiges Ödem weltweit bekannt. Jene medizinische Großtat aber, die er erdacht, erforscht und in die Praxis eingeführt hat und für die er zweifelsohne den Nobelpreis verdient hätte (aber nie bekam), wird kaum noch mit seinem Namen in Verbindung gebracht: die Lumbalpunktion.

Nach Studien in Heidelberg, Würzburg und Berlin promovierte Heinrich Irenaeus Quincke im Jahr 1863 an der Charité in Berlin. Im Rahmen von Studienreisen durch Europa arbeitete er auch bei Ernst Wilhelm Ritter von Brücke (1819–1892) in Wien und habilitierte schließlich 1870 im Fach Innere Medizin in Berlin. Im Jahr 1873 erfolgte seine Berufung nach Bern. 1878 wechselte er als Ordinarius für Innere Medizin an die Christian-Albrechts-Universität in Kiel, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1908 blieb.

Vor dem Medizinstudium musste der Sohn des Geheimen Medizinalrates Hermann Quincke (1808–1891) „entsprechend den Gepflogenheiten der Hohenzollernfamilie“ das Tischlerhandwerk erlernen. Sein Geschick in praktischer Tätigkeit und seine Freude an der Technik führten neben seinen theoretischen Arbeiten zur Erfindung zahlreicher nützlicher Hilfsdinge für Patienten und Krankenpflege. So konstruierte er eine Badewanne, mit der man bis ans Krankenbett fahren konnte, mit Wasser durchströmte Vorrichtungen mit denen Körperteile dauernd gekühlt oder gewärmt werden konnten und unter dem Pseudonym „Doctor Mundus“ – als Akademiker und Universitätsprofessor konnte er über so delikate Dinge ja nicht schreiben – die „Klosettdusche“, eine Art Bidet für die „Reinlichkeit an verborgener Stelle“.

Der Begründer der Lungenchirurgie

Quincke war in seiner Arbeit unglaublich vielfältig. Hervorstechend dabei ist, dass der Internist Quincke, operative Techniken zur Behandlung der Lungentuberkulose entwickelte. Mit der Eröffnung von Lungenabszessen und Kavernen wurde er damit zu einem Begründer der Lungenchirurgie. Gemeinsam mit dem Chirurgen Carl Garré (1857–1928) veröffentlichte er 1903, zu einer Zeit, da kaum ein Chirurg an Operationen im Brustraum auch nur dachte, einen „Grundriß der Lungenchirurgie“. Für die Chirurgen war der Internist Quincke naturgemäß ein Außenseiter und wurde daher nicht ernst genommen. Seine Erfolge wurden verschwiegen und mehr oder weniger taten ihn seine Kollegen als Spinner ab. So hielt es auch der Kieler Ordinarius für Chirurgie Friedrich von Esmarch (1823–1908), der mit Quincke überdies wegen eines Klinikneubaus jahrzehntelang im Clinch lag. Nur Ferdinand Sauerbruch (1875–1951) erkannte die Besonderheit seiner Lehren. „Mit der ersten Auflage des Quincke-Garréschen Lehrbuchs beginnt in Deutschland die systematische Chirurgie der Lungen“, schrieb er 1912.

Der Fingerdruck, der Quincke unvergessen macht

Viele Verdienste erwarb sich Quincke auf dem Gebiet der Inneren Medizin, die allesamt noch Gültigkeit haben. Bekannt ist das Quincke-Zeichen, der sichtbare Kapillarpuls nach leichtem Druck auf einen Fingernagel bei Aorteninsuffizienz, außerdem seine Vorstellung von der luetischen Genese des Aortenaneurysmas, die Beschreibung der Poikilozytose der Erythrozyten bei der perniziösen Anämie und natürlich seine Publikation aus dem Jahr 1882 über das angioneurotische Ödem, das heute unter dem Namen Quincke-Ödem weltweit bekannt ist.

Erste Untersuchungen mit der Liquorströmung

Der Meilenstein in der Geschichte der Medizin war aber seine Veröffentlichung über die Lumbalpunktion des Hydrocephalus. Als junger Assistent an der Ersten Medizinischen Klinik der Charité in Berlin beschäftigte sich Quincke mit den Strömungsverhältnissen des Liquors im Zerebrospinaltrakt. Er spritzte Leichen den Farbstoff Zinnoberrot an verschiedenen Stellen in die Ventrikel des Gehirns und in den Rückenmarksraum und beobachtete dann dessen Ausbreitung im Liquor. Bei allen seinen Versuchen fand er eine ziemlich gleichmäßige Verteilung des Farbstoffes im gesamten Spinaltrakt. Auch bei lebenden Hunden fand er den gleichen Befund und schloss auf eine freie Strömung des Liquors. Er punktierte auch mehrmals den Lumbalraum bei Menschen und konnte dabei auch einen Abfall des Druckes in der Lumbalflüssigkeit messen. Erst 19 Jahre später sollte er diese Erkenntnisse in die Praxis umsetzen.

Ein akuter Fall ließ Quincke zum Pionier werden

Am 9. Dezember 1890 kam ein 21 Monate junger Knabe an die Interne Klinik der Universität Kiel zur Aufnahme. Das Kind sei seit vier Tagen unruhig, schläfrig, fiebrig, hätte erbrochen und bekäme jetzt auch noch Atembeschwerden. Mittlerweile sei der Bub vollständig benommen, berichteten die besorgten Eltern. Tatsächlich war das Kind bei Aufnahme bewusstlos, tachykard, hatte 39° Fieber und Nackensteife. Die Ärzte vermuteten eine Gehirnhautentzündung mit erhöhtem Gehirndruck. Schon damals war klar: der musste möglichst rasch gesenkt werden. Normalerweise pflegte Quincke in so einem Fall zur Druckentlastung direkt am Kopf zu punktieren und Liquor abzulassen. Diesmal scheute er aber vor diesem Eingriff zurück. Er befürchtete eine nicht beherrschbare Blutung aus den erweiterten Gefäßen. Da erinnerte er sich an seine vor beinahe zwei Jahrzehnten durchgeführten Untersuchungen über die Zusammenhänge des Liquors im Gehirn und Rückenmark. „Ich punktierte den Subarachnoidalsack in Höhe der Lendenwirbel, indem ich mit einer feinen Stichkanüle zwischen dem dritten und vierten Wirbelbogen tief einging und bei tropfenweisem Abfließen einige Kubikzentimeter wasserklarer Flüssigkeit entleerte“, schrieb er 1891 in der „Berliner Klinischen Wochenschrift“. Da es dem Kind darauf etwas besser ging, wiederholte er den Eingriff noch zweimal, wobei er jeweils etwa zehn Milliliter Liquor heraustropfen ließ. Nach der dritten Punktion ging es dem Knaben bedeutend besser, er begann wieder zu essen, zu spielen und bald sogar zu gehen. Am 10 Jänner 1891 konnte er gesund aus der Klinik entlassen werden.

Eine Großtat für die Medizin

Die Lumbalpunktion bedeutete nicht nur einen enormen Fortschritt in der Therapie, sondern auch in der Diagnostik der Hirnhautentzündungen. Quincke hatte bei seinen Punktionen nicht nur den Druck im Lumbalraum gemessen, sondern auch Eiweiß und Zucker des Liquors untersucht. Mit den Daten von 41 Patienten beschrieb er schließlich diagnostische Kriterien der Gehirnhautentzündung. Die Lumbalpunktion bekam damit nicht nur für therapeutische, sondern auch für diagnostische Zwecke den „Rang einer Großtat“, wie Quinckes Biograf Hartmut Bethe schrieb.

Eintrittspforte für Kokain gesucht

Einige Jahre nachdem Quincke die Lumbalpunktion „erfunden“ hatte, kam der Chirurg August Bier (1861–1949) auf die Idee, durch diese Punktion eine schmerzbetäubende Lösung in den Rückenmarkskanal zu bringen. Schon Quincke hatte bereits an eine therapeutische Nutzung seiner Punktion angedacht, „indem man Medikamente in den Subarachnoidalraum injizieren könne“. Der Kieler Bier kannte die Arbeiten von Carl Ludwig Schleich (1859–1922), der seit 1891 mit Kokainlösungen zur örtlichen Betäubung in der Chirurgie experimentierte. „Es müsse doch möglich sein“, dachte Bier, „durch eine Hohlnadel Kokainlösung zu injizieren, um damit die schmerzleitenden Nerven zwischen dem Gehirn und dem Unterkörper zu blockieren“.

Schmerzlos gegen das Schienbein

Im August 1898 injizierten sich nun Bier und sein Assistent August Hildebrandt (1868–1954) gegenseitig eine einprozentige Kokainlösung in den Rückenmarkskanal. Trotz der gewaltigen Nebenwirkungen waren die beiden Chirurgen über das Ergebnis ihres Versuches begeistert. Sogar „ein starker Schlag mit einem Eisenhammer gegen das Schienbein wird nicht als Schmerz empfunden“, berichtete Bier.

„Der größere Verdienst“

Mit diesem Selbstversuch wurden die Lumbalpunktion und Bier weltbekannt. Doch wie so oft folgte ein hässlicher Prioritätenstreit, den Bier jedoch für sich entschied: „Ich nehme die Erfindung und Einführung der Rückenmarksanästhesie in vollem Umfang für mich in Anspruch, wobei allerdings Quincke der weitaus größere Verdienst zusteht“.

Am Schreibtisch sitzend, den er als Schüler selbst getischlert hatte, erschoss sich der im Alter depressiv gewordene Quincke am 19. Februar 1922.

Wolfgang Regal und Michael Nanut, Ärzte Woche 18/2015

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