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© Historisch/Regal
Das im Seetang befindliche Jod wurde zum Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Untersuchung des Elements.

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Joseph-Louis Gay-Lussac (1778– 1850) taufte das neue Element aufgrund seiner Farbe „Iode“.

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Dem englischen Chemiker Sir Humphry Davy (1778–1829) wurde eine Medaille gewidmet – nicht nur wegen seiner Verdienste um das Jod.

© (2) Regal

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Struma-Präparate aus dem Wiener „Narrenturm“.

 
Leben 17. Februar 2015

Die Volksmedizin wusste es viel früher

Die Heilkraft des Jods wurde erst im 19. Jahrhundert wissenschaftlich untersucht, therapeutisch angewendet wurde es bereits Jahrhunderte davor.

Die Entdeckung des Jods war Zufall. Danach begannen sich viele Chemiker und Mediziner intensiv mit dem neuen Element zu beschäftigen. Die Jodforschung boomte und Jod etablierte sich als Standard bei der Behandlung des Kropfs. Verblüfft erkannten die Ärzte, dass die Volksmedizin seit Jahrhunderten den Kropf richtig behandelte, ohne das Jod überhaupt zu kennen oder seine Beziehung zur Schilddrüse auch nur zu ahnen.

Bernard Courtois (1777–1838) war Salpetersieder in Paris. Salpeter, so der Trivialname für Kalium- oder Natriumnitrat, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Basis des Schießpulvers hochbegehrt. Aber Guano, der Rohstoff aus dem sich Salpeter am einfachsten herstellen ließ, war nur schwer zu beschaffen und auch die Holzasche als Kalilieferant war immer teurer geworden. Da begann Courtois, Seetang von den Küsten der Bretagne und Normandie als Rohstoff zu verwenden. Der wurde hier traditionell geerntet, weil er Soda enthält, welches wiederum für die Herstellung von Glas benötigt wurde. Die bei Ebbe gesammelten Algen wurden nach dem Trocknen verbrannt und die übrig gebliebene Asche mit Wasser ausgelaugt. In dieser Mutterlauge befanden sich nun die begehrten Minerale. Nach dem Eindampfen musste üblicherweise Schwefelsäure zu dem alkalischen Konzentrat hinzugefügt werden. Eines Tages, Ende des Jahres 1811, erwischte Courtois vielleicht etwas zu viel von der Säure. Da stiegen plötzlich satte violette Dämpfe auf, die nicht zu einer Flüssigkeit kondensierten, sondern schwarzbraune, metallisch glänzende Kristalle bildeten. Als gelernter Chemiker erkannte oder zumindest vermutete er, dass er etwas Neues entdeckt haben musste.

Ein Veilchen für die Wissenschaft

Aber Courtois war Fabrikant und kein Forscher und hatte weder die Zeit noch ein Labor, um sich mit wissenschaftlichen Fragen herumzuschlagen. So bat er Freunde sich der Neuentdeckung anzunehmen und Anfang Dezember 1813 erschien als Gemeinschaftsarbeit eine Mitteilung über die Entdeckung des Jods in den „Annales de chimie“. Mit der Fortsetzung der Arbeit wurde schließlich der Physiker, Chemiker und Ballonfahrer Joseph-Louis Gay-Lussac (1778–1850) betraut. Er erkannte, dass das neue Element mit Chlor verwandt war und wegen der violetten Farbe des Dampfes schlug er den Namen „Iode“ für die neue Substanz vor, abgeleitet aus dem altgriechischen „ioeides“ für veilchenfarbig.

Zufall war es auch, dass der berühmte englische Chemiker Sir Humphry Davy (1778–1829) zu dieser Zeit nach Paris kam, um einen Preis entgegenzunehmen. Hier traf er seinen Brieffreund, den Physiker und Mathematiker André-Marie Ampère (1775–1836), der ihm ein wertvolles Geschenk machte: eine geringe Menge, der von Courtois neu entdeckten Substanz. Flugs untersuchte Davy mit seinem einfachen Reiselaboratorium die Substanz und kam – vermutlich eigenständig – zu den gleichen Ergebnissen wie Gay-Lussac. Das teilte er unmittelbar der Royal Society in London mit und verärgerte dadurch seine französischen Gastgeber gewaltig. Aber schließlich war es doch Gay-Lussac, der am 1. August 1814 die erste umfassende Monografie über Jod als „Mémoire sur l’iode“ vorlegte. Der wirkliche Entdecker des Jods, der Salpetersieder Courtois hat letztlich nicht viel von seiner großartigen Entdeckung gehabt. Er bekam zwar einen Preis der Académie des Sciences, musste jedoch 1835 sein Geschäft aufgeben und starb drei Jahre später völlig verarmt und vergessen in Paris.

Volksmedizin lag richtig

In den 1820er Jahren „boomte“ das Interesse am Jod und viele Chemiker und Ärzte begannen sich, mit dem neuen Element intensiv zu beschäftigen. Nach und nach gelang es, den Stellenwert des Jods sowohl in der anorganischen als auch in der organischen Chemie aufzuklären. Die Therapie mit Jod begann, als der Genfer Arzt Jean-Francois Coindet (1774–1834) das Element gegen den Kropf und andere Leiden verwendete. Er selbst verordnete bis dahin, wie auch andere Ärzte, Rezepte mit gerösteter Schwammasche gegen den Kropf, ein uraltes aus der Volksmedizin bekanntes Mittel. Auf der Suche nach anderen Kropfrezepten stieß er schließlich auf ein Rezept in dem Meeresalgen (Aethiops vegetabilis) verwendet wurden. Dass im Schwamm, ebenso wie in den Algen, Jod vorhanden war, ahnte er zu diesem Zeitpunkt lediglich. Seine Vermutung wurde ihm schließlich von einem Genfer Apotheker bestätigt und Coindet begann, ab dem Frühjahr 1819 Jod therapeutisch zu verwenden.

Bei späteren Untersuchungen des Jodgehaltes in Fauna und Flora fand man tatsächlich den höchsten Gehalt im Badeschwamm und in Meeresalgen. Jetzt war klar, warum bereits antike Ärzte und die mittelalterlichen Medici aus der Schule von Salerno - beide vermutlich durch die noch wesentlich älteren Erfahrungen aus der Volksmedizin - Präparate aus gerösteten Schwämmen und Asche von Meeresalgen als Kropfmittel verwendeten. Etwa ab dem 17. Jahrhundert ist die „Schwammkohle“ ein weit verbreitetes Mittel gegen Kropf und „Halsdrüsengeschwülste“. Der legendäre Arzt Paracelsus (1493–1541) schwärmte auch von der Wirkung des „Sal ungaricum sive transsylvanycum“. Fast unnötig zu bemerken, dass dieses Salz aus Siebenbürgen tatsächlich stark jodhaltig war.

Ebenso tief in der Volksmedizin verankert sind jodhaltige Heilwässer. So galt die Adelheidsquelle in Heilbrunn bei Tölz in Deutschland bei den Einheimischen als „Kropfwasser“ und das Wasser aus der „Thassiloquelle“ in Bad Hall in Oberösterreich wurde als Heilmittel in die Steiermark, einem damals klassischen Kropfgebiet verschickt. Der Wiener Mediziner und Botaniker Heinrich Johann Nepomuk von Crantz (1722–1797) lobte in seinem Buch „Gesundbrunnen der österreichischen Monarchie“ die gute Wirkung dieses Mineralwassers auf „Krankheiten, die mit Kröpfen einhergingen“. Im Auftrag Maria Theresias bewies er das auch Anfang 1770 anhand von Reihenversuchen an Soldaten mit Struma.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte Jod ein weites Gebiet von Indikationen: Vom Antiseptikum bis zum intermittierenden Fieber, von der Lues bis zu Einreibungen bei schlaffen Brüsten und von der Diphterie bis zur Gonorrhoe. Ab etwa 1846 trat aber die Behandlung des Kropfes mit Jod in den Vordergrund. Allmählich setzte sich die Meinung durch, dass der Kropf vor allem dort auftrat, wo Jod in der Ernährung fehlte. Als systematische Kropfprophylaxe kam daher nur die Anreicherung eines Nahrungsmittels mit Jod in Frage. Eine rätselhafte Statistik beschleunigte in der Schweiz die Kropfprophylaxe mit jodiertem Salz. Bei einer Untersuchung von zum Militärdienst untauglichen Rekruten fiel in zwei benachbarten Gemeinden, die sich weder geologisch, noch meteorologisch oder von der Wasserversorgung her unterschieden, ein eigenartiges Phänomen auf. In einem Ort waren 30 Prozent wegen eines Kropfs untauglich, während es in der anderen Ortschaft nur etwa vier Prozent waren. Das Rätsel zu lösen fiel schwer, aber es gelang. Schuld war das kantonale Salzmonopol. Eine Ortschaft erhielt ein fast jodfreies Salz, während die in einem anderen Kanton liegende benachbarte Gemeinde von einer anderen Saline mit Salz von hohem Jodgehalt versorgt wurde.

Im Jahr 1889 studierte an der Psychiatrischen Klinik in Graz der Psychiater Julius Wagner-Jauregg (1857–1940), die in steirischen Gebieten gehäuft auftretenden Fälle von Kretinismus. Als Ursache für das Krankheitsbild erkannte er bald die Unterfunktion der Schilddrüse aufgrund von Jodmangel. Zur Prophylaxe des Kretinismus schlug er jodiertes Kochsalz vor. Auf seine Initiative hin entschloss man sich schließlich 1923 in Österreich, diese Art der Kropfprophylaxe einzuführen.

Wolfgang Regal und Michael Nanut, Ärzte Woche 8/2015

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