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„Tränen der Götter“, nach der Phaeton-Sage des klassischen Altertums, ist eines der bekanntesten und gebräuchlichsten Sinnbilder für den Bernstein.
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Seit Tausenden von Jahren wird der Bernstein als Schmuckstein getragen.

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Gegen die gefährliche Pesterkrankung versuchten Mediziner in Venedig sich riechend an einem von der Hand erwärmten Bernstein vor Ansteckung zu schützen.

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Der Chirurg Otto Neubauer (1874–1957) und Lampert konstruierten ein praxistaugliches Bluttransfusionsgerät für die indirekte Transfusion (Bechermethode), zunächst aus Athrombit, später aus Bernstein bzw. Pressbernstein.

© Medizinhistorisches Institut der Universität Zürich

Bluttransfusionsgerät aus Bernstein vom Chirurgen Bürkle de la Camp (1895–1974) entwickelt. , Objektsammlung, Inv.-Nr.: 1686

 
Komplementärmedizin 1. April 2014

Bernstein: Tränen der Götter

Versteinertes Baumharz als Allheilmittel.

Steine brennen in der Regel nicht. Er aber tut es. Und er ist nicht kalt und hart wie Steine nun einmal sind, sondern warm, schmeichelt der Hand und scheint die Sonne in sich gefangen zu haben. Kein Wunder, dass diesem „Stein“ seit urdenklichen Zeiten geheimnisvolle magische Eigenschaften nachgesagt werden. Agtstein, „Brennstein“ nannte man ihn auf Althochdeutsch. Bernstein heißt er heute.

Unendlich viele Sagen und Mythen ranken sich um diesen „Biolithen“, wie Geologen fossiles Harz aus einem ehemals lebendem Organismus bezeichnen. „Tränen der Götter“, nach der Phaeton-Sage des klassischen Altertums, ist eines der bekanntesten und gebräuchlichsten Sinnbilder für den Bernstein. Dass Bernstein aber seit Tausenden Jahren nicht nur Schmuckstein – zeitweilig sogar wertvoller als Gold –, sondern auch „Heilstein“ war, ist weit weniger bekannt.

Der griechische Philosoph Thales von Milet (um 624 v. Chr. bis 547 v. Chr.) entdeckte um 600 v. Chr. die Reibungselektrizität und Anziehungskraft des glänzenden Steins. Gerieben mit einem Tuch aus Wolle oder Schaffell lädt sich der Bernstein auf und zieht allerlei leichte Dinge wie ein Magnet an. Diese seltsamen Kräfte konnte sich Thales von Milet nur dadurch erklären, dass der Stein „beseelt“ sei. Diese geheimnisvollen Kräfte waren auch dafür verantwortlich, dass dem Stein heilende Kräfte zugeschrieben wurden. Da er offensichtlich allerlei Dinge wie Flusen, Fäden, Wollstückchen und Stroh nachweislich an sich ziehen konnte, hielt man ihn auch für fähig, Fieber, Schmerzen und allerlei Krankheiten gleichsam aus dem Körper zu ziehen. Neben dieser Verwendung in Form von Amuletten und Ketten wurden Bernsteinstückchen auch auf glühende Kohlen gestreut und zur Stärkung der Lunge inhaliert. Als Salbe oder auch zerrieben und in mehr oder weniger hochgeistigen Flüssigkeiten getrunken, kam er ebenfalls zur Anwendung. Dieser Trank half dann sowohl gegen Wahnsinn als auch gegen Beschwerden beim Wasserlassen. Mit Bernsteinpulver in Olivenöl wurde Sehschwäche behandelt und gerüchteweise sogar Blindheit geheilt. Für einen scharfen Blick empfahlen Ärzte noch Ende des 17. Jahrhunderts einen Habicht in einem Gemisch aus Öl und Bernstein zu köcheln und sich das Gebräu in die Augen zu schmieren.

Rezepte und Therapien der antiken Ärzte

Die Geschichte des Bernsteins als Heilmittel begann wie so vieles in der Medizin mit dem berühmtesten Arzt der Antike, mit Hippokrates von Kos (460–370 v. Chr.). Aus dieser Zeit sind die ersten Rezepte und Therapien mit Bernstein überliefert. Bernstein kam als Pulver in heilenden Mixturen gegen Epilepsie, Delirien, Fieber, Halsschmerzen und Nierensteinen zur Anwendung. Gemischt mit Rosenöl und Honig behandelten die antiken Ärzte Sehstörungen und Ohrenprobleme. Zerriebener Bernstein mit Mastix, dem Harz des Pistazienbaumes, und Wasser sollte gegen Magenerkrankungen helfen und Amulette und Halsketten aus Bernstein waren nicht nur Schmuck, sondern auch „Medikament“ gegen geschwollene Tonsillen, bei Halsentzündungen und zur Abwehr von Gift, Zauberei, Dämonen und dem „bösen Blick“. Bernstein hatte in den verschiedensten Darreichungsformen einen festen Platz in den Therapien der antiken Ärzte.

Auch gegen die Pest eingesetzt

Auch fast alle Rezepte der mystischen Äbtissin Hildegard von Bingen (1098–1178) enthalten Bernstein in unterschiedlicher Form. Bernstein 14 Tage für je eine Stunde in Bier, Wein oder Wasser gelegt, verordnete sie bei Magen- und Eingeweideschmerzen, einen Tag in Kuh- oder Schafsmilch eingeweicht, half dagegen bei erschwertem Urinieren. Für die heilige Äbtissin war Bernstein ein Allheilmittel. Gegen die Pest empfahl sie etwa 1 Denar (3,5 g) Bernsteinpulver vermischt mit Wein.

Gegen diese gefährliche und gefürchtete Geisel Gottes räucherten auch Ärzte die Häuser mit einer Mischung aus Bernstein und Kampfer und im Venedig des 15. Jahrhunderts versuchten die Mediziner sich riechend an einem von der Hand erwärmten Bernstein vor Ansteckung zu schützen. Absoluter Unsinn oder hat Bernstein nicht nur magische, sondern tatsächlich bakterienhemmende Wirkung? Der Geistliche und Historiker Matthäus Prätorius (1635–1704) zumindest berichtete um 1680: „In den Pestzeiten hat man nicht befunden, daß jemand von den Bernstein Arbeitern in Danzig, Memel, Königsberg, Libau sei an der Pest gestorben“. Und noch 1922–1940 wurden Patienten mit Tuberkulose zur Arbeit in die Bernsteinschleiferei im ostpreußischen Palmnicken geschickt, um mithilfe des Bernsteinstaubes ihre Krankheit auszuheilen.

Blutgerinnungsverzögernde Materialien gesucht

Aber Bernstein war in der Medizin nicht nur als Medikament in Verwendung. In den 1930er-Jahren kam er auch in medizinischen Geräten zur Anwendung. Überraschenderweise auch in Bluttransfusionsapparaten. Nach der Entdeckung der Blutgruppen durch Karl Landsteiner (1868–1943) im Jahr 1901 gab es zwar weit weniger unvorhergesehene Unverträglichkeitsreaktionen bei Bluttransfusionen, aber ein großes Problem war noch nicht gelöst: die Blutgerinnung. Bei beiden damals üblichen Methoden der „direkten“, bei der Spender und Empfänger nebeneinander lagen und direkt miteinander von Arterie zu Vene oder Vene zu Vene verbunden waren, und auch bei der „indirekten“ Methode, wo das Blut in einem Behälter vom Spender zum Empfänger gebracht wurde, kam es immer wieder zu Problemen durch geronnenes Blut und den daraus entstehenden schwerwiegenden Komplikationen.

Da viele Ärzte aus Angst vor Nebenwirkungen den Zusatz gerinnungshemmender Substanzen ablehnten, mussten Transfusionsspritzen, Gefäße und diverse Blutransfusionsapparate mühselig und zeitraubend mit einer gerinnungsverzögernden dünnen Paraffinschicht benetzt werden. Für diese Prozedur benötigte eine geschulte Schwester etwa eine Stunde. Auf der Suche nach ebenso wie Paraffin blutgerinnungsverzögernden Materialien fand der Arzt Heinrich Lampert (1898-1981) in den 1930er-Jahren den Kunststoff Athrombit und den Bernstein. Beide Materialien verlängerten fast genau so lange die Gerinnungszeit des Blutes wie Paraffin. Der Chirurg Otto Neubauer (1874–1957) und Lampert konstruierten daraufhin ein praxistaugliches Bluttransfusionsgerät für die indirekte Transfusion, zunächst aus Athrombit, später aus Bernstein bzw. Pressbernstein. Einen ähnlichen Apparat konstruierte der Chirurg Heinrich Bürkle de la Camp (1895–1974) etwa zur gleichen Zeit. In gering veränderter Form wurden beide Apparate noch im Zweiten Weltkrieg als Feld-Bluttransfusionsgeräte verwendet. Nach dem Krieg war die Zeit dieser Transfusionsapparate aber bald vorbei. Ab etwa 1950 wurde Blut nur mehr mit gerinnungshemmenden Zusätzen transfundiert.

Alternativmedizinisch noch immer verwendet

Bernstein in seinen vielfältigen Farben und Strukturen ist ein faszinierend schöner Schmuckstein. Als „Heilstein“ ist er aus der Schulmedizin aber völlig verschwunden. Fröhliche Urstände dagegen feiern die „Tränen der Götter“ aber als „geheimnisvolle Träger verborgener Heilwirkungen“ in der esoterisch angehauchten Alternativmedizin. Angepriesen wird Bernstein hier, wenn schon nicht direkt als Allheilmittel, so doch als universell wirkender Wellnessstein, denn: „Bernstein, vor Millionen Jahren heilendes Substrat für eine verletzte Pflanze – warum soll er als versteinertes Baumharz nicht auch heute noch irgendwie wirken?“ Ein überzeugendes, logisches Argument, oder?

W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 14/2014

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