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Fotos (2):  Nanut/Regal
Arbeitsbericht des Kultur- und Museumsvereins Thaya aus dem Jahr 1988 mit Sonderpostmarke und -stempel zum 100. Geburtstag eines der populärsten Chirurgen Österreichs, Leopold Schönbauer.

Ersttagsbrief mit Sonderpostmarke und Ersttagsstempel zu Leopold Schönbauers 100. Geburtstag. Der Narrenturm beherbergt auch eine kleine Sammlung von medizinhistorisch interessanten philatelistischen Belegen.

 
Geschichte 28. Mai 2009

Der „Retter des Allgemeinen Krankenhauses“

Leopold Schönbauer gilt als einer der populärsten und mutigsten heimischen Chirurgen.

Leopold Schönbauer (1888–1963) genoss in den 1950er Jahren in Österreich als Arzt eine Popularität, die vor ihm in ähnlicher Form nur Theodor Billroth zuteil wurde. Nach dem Tod von Theodor Körner war Schönbauer zeitweise sogar als Kandidat für die Bundespräsidentenwahl im Gespräch. Schönbauer war aber nicht nur als international anerkannter Forscher und Chirurg hoch angesehen. Durch seinen mutigen Einsatz in den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkrieges bewahrte er das Alte Allgemeine Krankenhaus vor dessen Zerstörung.

 

Schwerpunkte der Sammlung im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum sind natürlich die pathologisch-anatomischen Präparate und die phantastischen Moulagen. Daneben bewahrt der Narrenturm in seinen scheinbar unendlich vielen Zellen auch Mikroskope, alte medizinische Instrumente, historische Medizintechnik, eine umfangreiche Sammlung von Broschen und Berufsabzeichen medizinischer Arbeitsgebiete, einschlägige Münzen und Medaillen und auch eine kleine Sammlung von medizinhistorisch interessanten philatelistischen Belegen. Hier findet sich etwa der Arbeitsbericht des Kultur- und Museumsvereins Thaya aus dem Jahr 1988 mit Sonderpostmarke und -stempel zum 100. Geburtstag eines der populärsten Chirurgen Österreichs: Leopold Schönbauer.

Kampflos heroisch

Der in Thaya im Waldviertel geborene Sohn eines Wundarztes hinderte 1945 deutsche SS-Verbände – unbeeindruckt von den Drohungen, ihn wegen „Hochverrats“ vor das Kriegsgericht zu stellen – daran, das Allgemeine Krankenhaus in Wien als Kampfstellung zu missbrauchen, und verwies kurze Zeit später auch die russischen Besatzungstruppen aus dem Krankenhausbereich. Wegen seines furchtlosen und nicht ungefährlichen Eintritts für das „Allgemeine“ – politisch war er ebenfalls nicht belastet – wählte ihn eine im Krankenhaus bestehende Widerstandsgruppe im April 1945 zum ärztlichen Direktor. Diese Ernennung erwies sich als gute Wahl und wurde später auch von der Gemeinde Wien akzeptiert. Schönbauer übte das Amt bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1960 aus.

Dankbarer Molotow

In den Nachkriegsjahren baute Schönbauer zur russischen Besatzungsmacht bald ein recht gutes Verhältnis auf. Hilfreich war hier, dass er den schwer verwundeten Neffen von Außenminister Molotow erfolgreich operiert hatte. Dies konnte der „Großarzt“, wie ihn die Russen nannten, recht erfolgreich für eine bessere Versorgung mit Nahrung und Heizmaterial für die Patienten im „Allgemeinen“ nutzen. Eine Gedenktafel am ehemaligen Gebäude der I. Chirurgie im 1. Hof des Alten Allgemeinen Krankenhauses erinnert an diese gefährlichen Stunden, als es Leopold Schönbauer gelang, „durch persönlichen Einsatz, Unerschrockenheit und verantwortungsvolle Umsicht das altehrwürdige Allgemeine Krankenhaus und die große Zahl seiner Patienten und ihrer Betreuer vor Kriegsschäden zu bewahren“, so der Text der Tafel, die am 29. Jänner 1981 enthüllt wurde. Sie soll aber auch daran erinnern, dass es Leopold Schönbauer zu verdanken ist, dass das mittlerweile schön restaurierte Alte Allgemeine Krankenhaus heute Studenten vieler Fachrichtungen als großzügiger Campus dient und durch sein Ambiente und seine kulinarische Szene ein Magnet für Einheimische und Touristen ist.

Erfolgreich mit Curare

Nach seinem Studium an der deutschen Universität in Prag, das er „sub auspiciis imperatoris“ 1914 beendete, kam Schönbauer im Ersten Weltkrieg nach einer ausgeheilten Schussverletzung zu einer mobilen Chirurgentruppe an die Klinik des Billrothschülers Anton von Eiselsberg (1860–1939) nach Wien. Eiselsberg gilt als einer der letzten Operateure, die noch das gesamte Gebiet der Medizin beherrschten. Aus seiner Schule – damals die möglicherweise bedeutendste Chirurgenschule weltweit – kamen nicht nur bedeutende Chirurgen, sondern auch Gynäkologen, Hals-, Nasen- und Ohrenärzte sowie Kieferchirurgen hervor. Nach dem Krieg bekam Schönbauer einen Assistentenposten bei Eiselsberg. Hier entstand neben anderen interessanten wissenschaftlichen Veröffentlichungen auch eine der kühnsten und originellsten Arbeiten Schönbauers: der Bericht über einen 1921 von ihm mit Curare behandelten und geheilten Fall von Tetanus. Es war dies wahrscheinlich eine der ersten gelungenen und auch dokumentierten Versuche, Curare in der Medizin einzusetzen. Weitere Arbeiten mit dem Muskelrelaxans gab es aber leider nicht mehr. Im Jahr 1924 habilitierte Schönbauer mit einer Publikation über die Peritonitis. Nach Studienaufenthalten bei Harvey Cushing, dem Begründer der Neurochirurgie in Boston, den Brüdern Mayo in Rochester und bei Sauerbruch in München kehrte Schönbauer nach Wien zurück und wurde 1930 Vorstand der Chirurgischen Abteilung am damals noch Krankenhaus Lainz genannten einzigen Großspital Wiens, das von der Gemeinde Wien erhalten wurde und den Status einer Art Gegenuniversität hatte. Der damalige Bürgermeister des „roten Wiens“ Karl Seitz hatte – wie Schönbauers Sohn berichtete – nach eigenen Worten große Schwierigkeiten, Schönbauer zu ernennen, da es wiederholt Anzeigen gegeben hatte, dass Schönbauer angeblich Patienten gezwungen hatte, sich die Krankenölung spenden zu lassen. „Am Spitalstor hört die Politik auf“, ermahnte ihn damals der Bürgermeister. Die fruchtbare Zusammenarbeit im Krankenhaus Lainz machte aus Seitz, Schönbauer und Julius Tandler, Anatom und damals Gesundheitsstadtrat in Wien, letztlich sogar Freunde. 1931 beauftragte Tandler Schönbauer mit dem Aufbau eines strahlentherapeutischen Instituts in Lainz. Bald war das Strahlentherapie-Zentrum mit der so genannten „Tandlerschen Radium Kanone“ europaweit bekannt. In Lainz befasste sich Schönbauer nicht nur mit der Pathologie und Therapie des Krebses, hier wurde er auch zum Begründer der Neurochirurgie in Österreich.

Aufgrund seiner auch international anerkannten Leistungen übertrug man ihm 1939 die I. Chirurgische Universitätsklinik in Wien. Hier konnte er nicht nur seine besondere chirurgische Neigung für die Neurochirurgie, sondern auch seine sensationelle Begabung in der Organisation von „Nahrung, Wasser, Wärme und Licht“ in Kriegszeiten voll ausspielen. Während des Krieges richtete er im „Allgemeinen“ ein Sonderlazarett für Gehirn-, Rückenmarks- und Nervenverletzungen ein und schuf eine Art Rehabzentrum für die Nachbehandlung nach Operationen. Gleich nach Ende des Krieges bemühte er sich, die in Amerika entwickelten modernen Narkoseverfahren an seine Wiener Klinik zu bringen, gründete eine Blutbank, eine Station für plastische Chirurgie und eine Gesundenuntersuchungsstelle.

Zivilcourage statt Opportunismus

Eines seiner Lieblingsgebiete war die Geschichte der Medizin. Im Jahr 1944(!) erschien seine ausgezeichnete Monographie über Das medizinische Wien. Dieses Buch beweist auch heute noch den persönlichen Mut und die Zivilcourage Schönbauers. Es ist vermutlich das einzige Werk aus jener Zeit, das die Forderungen der Nazis nach „rassistischer Diskriminierung in Text und Abbildungen“ glatt ignorierte. Schönbauer handelte in seinem „Denkmal für die großen Ärzte Wiens“ wie selbstverständlich auch die Leistungen bedeutender Ärzte jüdischer Herkunft ab. In manchen Ausgaben wurden die entsprechenden Stellen im Text zwar entfernt, auf den Index vergaß aber die Zensur. Hier finden sich nach wie vor die Namen der Geächteten und Vertriebenen und verweisen auf Seiten, auf denen sie dann aber nicht mehr zu finden sind.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 22 /2009

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