zur Navigation zum Inhalt
© (6) Regal
In der Ausstellung im Schloss Heiligenkreuz bei Gutenbrunn ist auch historisches medizinisches Gerät ausgestellt, wie dieser Inhalator.

Die mit Diplombroschen ausgestatteten Schwestern verwendeten unter anderem auch solche rektalen Fieberthermometer.

Die Darstellung der Florence Nightingale als „Lady with the lamp“ zeigt, wie die berühmte Krankenschwester nachts nach den kranken Soldaten sieht.

„Blaue“ Schwester – Diorama.

 
Pflege 4. Juli 2012

„Die Diplombrosche ist zur Tracht zu tragen.“

Pflege: Beruf oder Berufung. Der Pflegeberuf in Österreich. Ausstellung im Schloss Heiligenkreuz bei Gutenbrunn.

Die einzigartige und möglicherweise sogar weltweit umfangreichste Sammlung von Pflegebroschen und Schwesternabzeichen ist derzeit im Barockschloss Heiligenkreuz bei Gutenbrunn in Niederösterreich zu besichtigen. Neben den zahlreichen Berufsabzeichen informieren historische Schwesterntrachten, Pflegeartikel und Instrumente über die Entwicklung des professionellen Pflegeberufs in Österreich. Die Objekte der Sammlung stammen aus der pathologisch-anatomischen Sammlung im Narrenturm. Sie ist seit 1. Jänner 2012 ins Naturhistorische Museum Wien eingegliedert.

Es war der legendäre Hofrat Dr. Karl Portele, damals Direktor des Pathologisch-anatomischen Bundesmuseums im Narrenturm, der in den 1980er Jahren gemeinsam mit seinem numismatisch geschulten Mitarbeiter Mag. Peter Steiner begann, diese „paranumismatischen“ medizinischen Berufsabzeichen zu sammeln. Fasziniert von der Vielfalt und Ästhetik dieser „Ehrendekorationen“, die jede Schwester oder jeder Pfleger nach Absolvierung der Ausbildung gemeinsam mit dem Diplom überreicht bekam – und noch immer bekommt –, dauerte es nicht lange, bis der Narrenturm fast alle damals von den Krankenpflegeschulen in Österreich ausgegebenen Diplombroschen besaß. Naturgemäß begann für den leidenschaftlichen Sammler Portele danach die Jagd auf historische Stücke. Porteles Nachfolgerin, Dr. Beatrix Patzak, setzte die Sammeltradition des Narrenturms fort. Heute ist die Sammlung von Berufsabzeichen in der Medizin gemeinsam mit der Gerätesammlung eine der umfangreichsten einschlägigen Sammlungen weltweit. Ein Teil davon ist für die nächsten vier Jahre im Schloss Heiligenkreuz ausgestellt.

Prunkstück der Sammlung

Im Jahr 1992 konnte Portele ein wahres Prunkstück für die Sammlung ersteigern: eine Florence-Nightingale-Medaille des Roten Kreuzes. Diese überaus seltene Medaille ersteigerte das Bundesmuseum bei einer Auktion in Wien. Die pathologisch-anatomische Sammlung ist das einzige Museum Österreichs, das diese Rarität besitzt. Die ausgestellte Medaille verlieh die Rotkreuzkonferenz 1933 der österreichischen Fürsorgerin Hermine Wadoska für ihre pflegerischen Leistungen im Ersten Weltkrieg und bei der Tuberkulosefürsorge des Roten Kreuzes in Wien.

Nightingale gilt als die Begründerin und Wegbereiterin der modernen Krankenpflege. Bereits als junges Mädchen beschloss sie, ihr Leben den Kranken zu widmen, und wollte Krankenschwester werden. Für ein wohlerzogenes Mädchen aus gutem Haus war das damals aber absolut keine passende Ausbildung. Der Beruf hatte einen ausgesprochen üblen Ruf. Praktisch gegen den Willen der Eltern ließ sie sich in Deutschland und Paris als Krankenschwester ausbilden und übernahm 1853 die Leitung eines Hospitals in London. Hier überzeugte sie nicht nur durch ihr hervorragendes Organisationstalent. Ihren Ruhm begründete sie aber während des Krimkrieges, 1854 bis 1856. Nach einem aufsehenerregenden Artikel in der Times, in der auf die katastrophale Situation der britischen verwundeten Soldaten auf der Krim hingewiesen wurde, beauftragte man Nightingale, die Krankenpflege im britischen Heer zu organisieren. Ihr und ihren Helferinnen gelang es unter unbeschreiblichem Einsatz, das Los der verwundeten Soldaten dramatisch zu verbessern. Die Sterblichkeitsrate in den Lazaretten fiel von 42 auf zwei Prozent. Ihren Beinamen „Lady with the lamp“ erhielt sie, weil sie unermüdlich, nachts mit einer Öllampe, durch die Krankensäle eilte, um Kranken zu helfen oder Sterbende zu trösten. Nightingale wurde zur englischen Nationalheldin. Ihr zu Ehren haben auch viele Schulen in Österreich als Symbol der aufopfernden Pflege die „Dame mit der Lampe“ oder nur die Öllampe auf ihren Diplombroschen bildlich dargestellt.

Bedeutung der Pflegeausbildung

Als Grundübel für die elenden Zustände in Englands Spitälern machte Nightingale den Mangel an geschultem Pflegepersonal aus. Das erkannte in Wien auch der Chirurg Theodor Billroth. Wissend, dass der Erfolg seiner chirurgischen Arbeit zu einem großen Teil von der Qualität der postoperativen Pflege abhing, gründete er 1882 die erste interkonfessionelle Krankenpflegeschule in Österreich. Nicht nur Billroth wurde es bewusst, dass die Aufgaben der Pflege in der modernen Medizin immer anspruchsvoller wurden. Die karitative Pflege, der unbezahlte „Liebesdienst“, der lange Zeit als Ideal einer guten Pflege gegolten hatte, genügte nicht mehr. Man benötigte gut ausgebildete Pflegepersonen, die medizinische Maßnahmen verstehen und auch unterstützen konnten. Aus dem 1904 im Allgemeinen Krankenhaus in Wien etablierten Pflegerinneninstitut der „Blauen Schwestern“ entstand 1913 die erste Krankenpflegeschule im Allgemeinen Krankenhaus. Erst 1914 verankerte eine Verordnung des Innenministeriums die Krankenpflege auch rechtlich als Beruf. Die Schwestern erhielten einen Lohn, „schlechter als eine Kuhmagd am Lande“, aber sie durften nach Abschluss der zweijährigen Ausbildung eine „Ehrendekoration“, die „Brosche“, tragen. Der Lohn, kaum mehr als ein Taschengeld, zeigt deutlich die Wertschätzung, die man dieser Arbeit damals entgegenbrachte.

Wann und wo die erste Brosche oder das erste Berufsabzeichen verliehen wurde, ist nicht ganz geklärt. Seit 1914 jedenfalls erhalten in Österreich die Absolventinnen und Absolventen einer Krankenpflegeschule bei ihrer Diplomierung eine Pflegebrosche mit dem Motiv ihrer Schule. Grundlage dafür ist das erste Pflegegesetz der k.u.k. Österreichisch-Ungarischen Monarchie vom 25. Juni 1914. In der Schwesterntrachtordnung steht an letzter Stelle der Satz: „Die Diplombrosche ist zur Tracht zu tragen.“ Heute ist das nur mehr selten der Fall. Meist hässliche Namenschilder haben diese Funktion übernommen.

Fotos, Schwesternhauben, eine ansteckbare Pulsuhr, gläserne Nachttöpfe – vornehmer Harnsammelgefäße genannt –, Handschuhtrockner, Bettgalgen, Quecksilberthermometer, Bettdeckenhalter und Trinkbecher, Schnabeltassen Wärmeplatten aus Metall runden die Schau rund um die Entstehung der professionellen Pflege in Österreich ab. An die Tätigkeit der wegen ihrer Tracht so genannten „Blauen Schwestern“, des ersten Pflegerinneninstituts im Allgemeinen Krankenhaus in Wien, erinnert ein Diorama in einem Erker des Schlosses.

Auf der Stelle der Schlag getroffen hätte vermutlich nicht nur eine Oberschwester am Beginn des 20. Jahrhunderts, sähe sie die beiden als „blaue“ Schwestern verkleideten Schaufensterpuppen im lebensgroßen Diorama. Wallendes offenes Haupthaar und rot lackierte Fingernägel lassen auch heute noch Oberschwestern und Anstaltshygienikern den Blutdruck in ungeahnte Höhen steigen.

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 27/28/2012

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben