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Fotos: (3) Nanut/Regal
Das erste praktisch verwendbare Instrument zur Blutdruckmessung konstruierte der Wiener Arzt Samuel von Basch im Jahr 1880.

Das Ende einer langen Entwicklungskette: Blutdruckmessgerät nach dem System „Riva-Rocci“.

Blutdruckmessapparat nach Scheibenpflug (Original „Wiener Modell“).

 
Kardiologie 26. Mai 2009

„Die Zahl ist der erbittertste Feind des Dilettantismus“

Die ersten Blutdruckmessgeräte wurden heftig bekämpft.

Die Palpation des Pulses der Arteria radialis zählte über Jahrtausende zu den häufigsten diagnostischen Untersuchungen. Heute ist wahrscheinlich der Blutdruck der am meisten gemessene Wert in der Humanmedizin. Dabei ist die routinemäßige Blutdruckmessung kaum einhundert Jahre alt. Zu Ehren des Erfinders dieses einfachen und vor allem schmerzlosen Verfahrens, des italienischen Arztes Scipione Riva-Rocci (1863–1937), wird er klinisch auch heute noch mit RR abgekürzt. Weniger bekannt ist, dass die übliche Methode der Blutdruckmessung mit dem Stethoskop aber vom russischen Militärarzt Nikolaj Sergejewitsch Korotkow (1874–1920) erfunden wurde.

 

Medizinhistoriker sind sich heute einig, dass die Messung des Blutdrucks für den Fortschritt der Medizin mindestens eine ebensolche Bedeutung hatte wie die Entdeckung des Blutkreislaufs. Ist die routinemäßig klinische Anwendung der unblutigen Blutdruckmessung ein relativ junges diagnostisches Verfahren, so sind die Versuche, die Druckverhältnisse im Kreislauf zu messen, bedeutend älter. Der Erste, der sich intensiv mit dem Kreislauf, der kardialen Auswurfleistung, der Blutgeschwindigkeit und dem Blutdruck bei verschiedenen Tieren beschäftige, war der englische Physiologe Stephan Hales (1677–1761), im Brotberuf Landpfarrer in der kleinen Gemeinde Teddington in der Nähe Londons. Etwa 1709 begann Hales auf seinem Kirchhof mit gut durchdachten Tierexperimenten zum Blutdruck und zur Physiologie des Kreislaufs zu experimentieren. Im Jahr 1733 publizierte er dann seine Ergebnisse. Die von ihm durchgeführte Blutdruckmessung am Pferd beschrieb er so: „Im Dezember ließ ich eine lebende Stute auf den Rücken legen und festbinden... Nachdem ich die linke Kruralarterie (Oberschenkelarterie, Anm.) freigelegt und geöffnet hatte, führte ich ein Metallrohr in dieselbe ein, das ungefähr 1/6 inch (4,47 mm) Durchmesser hatte und an dem ich ein Glasrohr mit demselben Durchmesser aber 9 Fuß (270 cm) Länge befestigte. Sobald ich die Ligatur an der Arterie löste, stieg das Blut im Glasrohr acht Fuß zwei inches (240,75 cm) hoch.“ Was Hales hier beschrieb, war die erste „Blutdruckmessung“ in der Geschichte der Medizin. Erst hundert Jahre später beschrieb der französische Medizinstudent Jean-Louis Marie Poiseuille (1799–1869) in seiner Dissertation eine Verbesserung des Haleschen Experiments, indem er das unhandliche Glasrohr durch ein U-förmiges Quecksilbermanometer ersetzte. Mit so einem Gerät – Poiseuille nannte es Hämodynamometer – führte der französische Spitalsarzt J. Faivre 1856 in Lyon während einer Amputation die erste blutige Blutdruckmessung an einem Menschen durch. In der Femoralarterie maß er 120 mm Hg. Das waren wichtige und wertvolle Ergebnisse, brachten aber für die praktische Medizin nichts. Naturgemäß waren diese blutigen Messverfahren für die Anwendung am Menschen absolut ungeeignet. Auch einige in der Folge unblutige, aber höchst kompliziert und umständlich zu bedienende Instrumente konnten sich am Krankenbett nicht durchsetzen.

Mexikanische Reminiszenzen

Das erste praktisch verwendbare Instrument zur Blutdruckmessung konstruierte der Wiener Arzt Samuel von Basch (1835–1905) – Leibarzt des 1867 in Mexiko erschossenen Kaisers Maximilian, mit dessen einbalsamierter Leiche er 1868 auf dem Schiff „Novara“ zurückkehrte. Sein 1880 beschriebenes Gerät, das sogenannte Sphyngomanometer, war ganz einfach und handlich – besonders nachdem er das Quecksilbermanometer durch ein Anaeroidmanometer ersetzt hatte – und auch für den praktischen Gebrauch am Krankenbett bestens geeignet. Der Untersucher musste dabei mit einer auf die Arteria radialis am Handgelenk aufgesetzten wassergefüllten Blase den Puls zum Verschwinden bringen. Der dafür erforderliche Druck wurde gemessen. Er entsprach dem systolischen Blutdruck. Basch versuchte trotz heftigster Widerstände die Blutdruckmessung in die ärztliche Praxis einzuführen. Nach 15 Jahren schrieb er etwas resigniert: „Nothwendig ist der Sphyngomanometer für Jeden, der sich klar macht, dass die Zahl den Maßstab für die Exaktheit einer Doktrin abgibt. Die Zahl ist der erbitterste Feind des Dilettantismus.“

Im Jahr 1896 demonstrierte dann Riva-Rocci in Turin seinen neuen Blutdruckmessapparat, der im Wesentlichen auch heute noch weltweit so verwendet wird. Mit dem Aufpumpen einer Gummimanschette am Oberarm komprimierte er die Oberarmarterie, bis der Puls an der Arteria radialis nicht mehr tastbar war. Als systolischen Blutdruck bezeichnete er den Druck, bei dem der Puls beim Ablassen des Manschettendrucks wieder getastet werden konnte. Wie man bemerkt, ist die von Riva-Rocci beschriebene Methode nicht mit der heute üblichen Vorgangsweise identisch. Riva-Rocci bestimmte den Blutdruck – genau so wie Basch – palpatorisch. Damit konnte er allerdings nur den systolischen Blutdruckwert ermitteln.

Ab 1905 wurden die Ohren gespitzt

Dass auch der diastolische Blutdruck mit dem Gerät nach Riva-Rocci gemessen werden kann, verdankt man dem russischen Militärarzt Nikolaj Sergejewitsch Korotkow. In seiner Dissertation beschrieb er die heute so genannten – und in ihrer Ursache noch immer ungeklärten – Korotkowschen Geräusche. Die bei nachlassendem Manschettendruck auftretenden und mit dem Stethoskop über der Arteria brachialis auskultierbaren Geräusche schlug Korotkow 1905 zur Bestimmung des – erstmals systolischen und diastolischen – Blutdrucks beim Menschen vor. Obwohl konservative Ärzte den Einzug technisch erzeugter Daten in die medizinische Praxis – „kein Instrument vermag den Finger zu ersetzten!“ – heftig bekämpften, setzten sich die Blutdruckmessgeräte nach dem System „Riva-Rocci“ zunächst in Krankenhäusern, ab den 1920er- Jahren auch in den ärztlichen Ordinationen durch. Eine technisch erzeugte Zahl – „über welche der Finger nie etwas zu sagen imstande ist“, so Samuel von Basch – hatte einen neuen Komplex krankhafter Erscheinungen quantifizierbar gemacht.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 21 /2009

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