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Fotos (3):  Regal
Bluttransfusion in einem Marinelazarett im Jahr 1940.

Transfusionsapparat der deutschen Armee im Zweiten Weltkrieg.

Die Metallbox diente als Ständer für Transfusionsspritze und Spüllösung.

 
Hämatologie 16. Mai 2012

Der „Safft aller Säffte“

Der lange und gefährliche Weg der Blutübertragung.

An sieben Patienten führte zwischen 1847 und 1856 der englische Chirurg Alfred Higginson (1808–1884) Bluttransfusionen durch. Fünf dieser Patienten starben. Dennoch wertete der Chirurg das Ergebnis als durchaus positiv. „Man könne mit Fug und Recht behaupten, dass eine Transfusion von Nutzen sei“, schrieb er 1857 im Liverpool Medical and Chirurgical Journal.

Eine Statistik über Bluttransfusionen wies im Jahr 1873 nach, dass 56 Prozent der Übertragungen tödlich endeten. Verwunderlich war das allerdings nicht. Abgesehen davon, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch Tierblut, vorwiegend Lammblut, transfundiert wurde, waren Hygiene, Asepsis und steriles Arbeiten vollkommen unbekannt. Von den Blutgruppen hatte man noch nie etwas gehört, geschweige denn davon, wie verhindert werden könnte, dass das Blut in den Nadeln und Überleitungsstücken gerann. Theodor Billroth (1829–1894) lehnte Bluttransfusionen nach eigenen katastrophalen Misserfolgen kategorisch ab und bezeichnete sie als unnötige Paradestücke, mit denen sich ein Chirurg oder eine Klinik auf Kosten der Patienten interessant und wichtig machen wolle. Ende des 19. Jahrhunderts war die Blutübertragung schon so etwas wie ein Tabu, das kaum ein seriöser Arzt zu durchbrechen wagte. In der wissenschaftlichen Literatur dieser Zeit finden sich praktisch keine Arbeiten über Bluttransfusionen, was verwundert, da der Beweis erbracht wurde, dass bei schweren Blutverlusten mit Kochsalzinfusionen – zumindest kurzfristig – der Kreislauf stabilisiert werden konnte.

Gefahr der Gerinnung

Aber auch als der Wiener Pathologe Karl Landsteiner (1868–1943) – übrigens nur ein paar Schritte vom Narrenturm entfernt – die Blutgruppen entdeckte und in seiner berühmten Arbeit Über Agglutinationserscheinungen normalen menschlichen Blutes im Jahr 1901 veröffentlichte, beachtete zunächst einmal kaum jemand diese Arbeit, mit der das Rätsel der tragischen Transfusionszwischenfälle endlich gelöst war. Der Weg des Wissens vom Labor in die Praxis war damals lang und es sollte noch etliche Jahre dauern, bis Bluttransfusionen zu einer relativ gefahrlosen Routine wurden. Die Unverträglichkeiten der Blutgruppen waren ja nur ein Problem. Es galt auch technische Probleme zu überwinden, wie das Sterilisieren der Geräte und die Verklumpung des Blutes. Kein Problem mit der Gerinnung hatte die seit Jahrzehnten übliche Technik, bei der eine Vene des Empfängers direkt mit einer Arterie des Spenders verbunden wurde und dadurch der Gerinnungsprozess gar nicht erst einsetzte. Ein Problem bekam aber möglicherweise der Spender, dem bei dieser Technik eine Arterie – meist die Arteria radialis – durchtrennt werden musste. Mit Zwischenstücken aus tierischen Gefäßen versuchten die Chirurgen das zu vermeiden. Beide Techniken setzten sich aber nicht durch. Abgesehen von Unverträglichkeitsreaktionen – vereinzelt wurden schon biologische Vorproben durchgeführt, die Blutgruppenbestimmung als Standardverfahren setzte sich aber erst in den 1920er Jahren allgemein durch - wusste man nie, wie viel Blut bereits vom Spender zum Empfänger geflossen war. Üblicherweise beendete man die Bluttransfusion, wenn der Spender ohnmächtig zu werden drohte.

Die Blutübertragung mit Hilfe von Glasspritzen setzte sich ebenfalls nicht durch. Der Arzt hatte zwar den Vorteil, genau zu wissen, wie viel Blut er übertragen hatte, aber den Nachteil, viele teure Glasspritzen verwenden und außerdem extrem schnell zwischen Spender und Empfänger wechseln zu müssen, um das Gerinnen des Blutes zu verhindern. Außerdem war durch die zahlreichen hektischen Wechsel der Spritzen das Risiko einer Luftembolie relativ groß. Gummischläuche mit Nadeln und ein Mehrwegventil machten die Verwendung vieler Spritzen dann unnötig. Was blieb, war der Kampf mit der Blutgerinnung, die bereits nach kurzer Zeit Nadeln und Schläuche verstopfte. Erst die Entdeckung der Gerinnungshemmung durch Natriumcitrat im Jahr 1915 löste auch dieses Problem. Im Ersten Weltkrieg verwendeten bereits Amerikaner, Engländer und Franzosen auf ihren Verbandplätzen mit Citrat versetzte Blutkonserven. Die deutschen Chirurgen lehnten aber das Citratblut als minderwertig und schädlich ab und transfundierten weiterhin im so genannten „mittelbar direkten Verfahren“. Bei dieser Technik lagen Spender und Empfänger nebeneinander und die Übertragung des Blutes erfolgte von Vene zu Vene über speziell dafür entwickelte Transfusionsapparate.

Becksche Mühle

Weite Verbreitung fand der vom Hamburger Chirurgen Franz Oehlecker (1874–1957) entwickelte Apparat, bei dem die Venen allerdings noch immer chirurgisch freigelegt und Kanülen aus Glas in die Blutgefäße eingenäht werden mussten. Damit konnte Blut mit einer speziellen Glasspritze über einen Mehrweghahn vom Spender zum Empfänger übertragen werden. Dazwischen musste das System immer wieder gekühlt und mit Kochsalz gespült wurde. Stahlnadeln und einen rotierenden Zylinder verwendete die von Alfred Beck 1924 erfundene Apparatur, die so genannte „Becksche Mühle“. Das Prinzip der Rollerpumpe wurde später in vielen medizinischen Geräten übernommen.

Ähnlich dem System Oehlecker, aber wesentlich einfacher ist das vom französischen Hämatologen Arnold Tzanck 1921 beschriebene Bluttransfusionsgerät in der Sammlung des Narrenturms. Auch bei diesem Gerät war keine Antikoagulation erforderlich. Ab 1931 stellte dieses Gerät die deutsche Firma „Braun, Melsungen“ her. Sie wurde in einer Metallbox, die auch gleichzeitig als Ständer für die Transfusionsspritze und die Spüllösung diente, geliefert. Im Zweiten Weltkrieg gehörte dieses Gerät zur Standardausrüstung der deutschen Armee. Als „Transfusionsapparat nach Braun“ war das Gerät auch nach dem Krieg noch weit verbreitet und stand bis etwa 1950 überall in Verwendung. In der Kinderheilkunde sogar bis in die 1960er Jahre.

Lange und für die Patienten brandgefährlich war der Weg von der ersten zufällig erfolgreichen Übertragung des „Safftes aller Säffte“ – so nannte der Dichter Christian Heinrich Postl das Blut – durch den englischen Geburtshelfer James Blundell im Jahr 1823 bis zur weitgehend gefahrlosen und technisch einfachen Transfusion unserer Tage. Die Bluttransfusion ist heute eine der häufigsten Therapiemaßnahmen in der Medizin und der „besondere Saft“ eine der wertvollsten Flüssigkeiten der Welt.

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 20 /2012

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