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Fotos (3):  Nanut/Regal
Mithilfe seines berühmten Venendruckversuches konnte Harvey die Natur des Körper- und Lungenkreislaufes endgültig klären. Einige wollten ihn darum für verrückt erklären.

William Harvey beendete 1628 den Irrglauben vom ruhenden Blut.

 
Kardiologie 7. Mai 2009

Und es bewegt sich doch – und zwar im Kreis

William Harvey entdeckt den Blutkreislauf und erschüttert die Medizin.

Im Grunde war es nur eine einfache Rechnung, mit der William Harvey (1578 – 1657) im Jahr 1628 ein 1500 Jahre altes Dogma der Medizin pulverisierte. Harveys Entdeckung des Blutkreislaufs war mehr als ein Meilenstein in der Geschichte der Medizin: Es war der Beginn einer neuen Ära, und es ist heute durchaus legitim, die Medizingeschichte in eine vor- und nachharveyanische Zeit einzuteilen. Zwei Elemente, die auch heute noch die Grundlage jeder wissenschaftlichen Untersuchung sind, fanden erst durch den englischen Arzt Eingang in die medizinische Forschung: Wiegen und Messen.

 

Die medizinischen Vorstellungen über Bau und Funktion des Herzens und des Blutes gingen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit vor allem auf die Lehren Galens (129 – ca. 210 n. Chr.) zurück. Als Gladiatorenarzt erkannte er, dass die Arterien nicht, wie bisher angenommen, mit Luft, sondern mit „klarem“ Blut gefüllt sind. Luft war ein durchaus verzeihlicher Irrtum, denn tritt der Tod ein, werden die Arterien leergepumpt, und bei der Obduktion finden sich tatsächlich nur mehr leere Arterien. Galens Vorstellungen von der Verteilung und Bewegung des Blutes im Körper unterschieden sich aber nur unwesentlich von denen der alten hippokratischen Medizin. Seine Annahme war etwa folgende: Aus den aufgenommenen Speisen entsteht im Magen und Darm der Chylus, der dann in der Leber zu Blut umgewandelt wird. Von der Leber gelangt das Blut in alle Teile des Körpers, wo es verbraucht wird. Über die Vena cava gelangt ein Teil ins rechte Herz, wo der „Ruß“ über die „arterielle Vene“ ausgeschieden wird. Das gereinigte Blut dringt nun durch kleinste Poren in der Herzscheidewand in die linke Herzkammer und verbindet sich hier mit der über die Vena pulmonalis kommenden Atemluft zum „Pneuma“, dem Lebensprinzip. Das „veredelte“ Blut strömt nun über die Arterien, um den ganze Organismus zu „erwärmen“ und zu „veredeln“. Eine Vorstellung, die sich unwidersprochen immerhin 1.500 Jahre gehalten hat. Es wunderten sich zwar einige Mediziner, warum sich das Blut, wenn es doch in die Peripherie strömt, beim Abbinden unterhalb der Kompresse staut und nicht oberhalb, aber Konsequenzen wurden daraus keine gezogen. Augenschein und Beobachtung galten wenig, und ein anerkanntes Dogma anzugreifen war gefährlich. So etwa war der Kenntnisstand, als William Harvey 1599 sein in Cambridge begonnenes Medizinstudium in Padua fortsetzte und 1602 eben dort zum Doktor der Medizin promovierte. Doch auch in Padua, an der damals berühmtesten und bedeutendsten medizinischen Fakultät in Europa, konnte keiner Harvey erklären, warum beim Schlachten eines Tieres das Blut in hohem Bogen herausspritzt, wenn der Fleischer das Messer in den Hals sticht. Und obwohl Andreas Vesal (1514 – 1564) etwa 50 Jahre zuvor Galen zahlreiche anatomische Fehler nachgewiesen hatte, wurde Galens Lehre von der Blutbewegung auch in Padua nicht angezweifelt.

Zurück in England, ließ Harvey das Rätsel der Blutbewegung nicht mehr los. Er beschloss, die Herzfunktion „durch eigenes Sehen und nicht aus den Schriften anderer“ zu ergründen. In zahlreichen Tierversuchen – er untersuchte Herz und Blutgefäße von 128 verschiedenen Tieren – erforschte er die Pumpfunktion des Herzens, und es gelang ihm, durch zahlreiche Vergleiche mit Tierherzen jene Menge Blut zu errechnen, die bei jedem menschlichen Herzschlag in den Körper gepumpt wird. Er kam auf etwa 60 cm³. Da das Herz in jeder Minute etwa 60 bis 80 Mal diese Menge in den Körper pumpt, bedeutet dies, dass es in jeder Minute zwischen drei und fünf Liter Blut und daher in jeder Stunde 250 Liter Blut in die Peripherie befördert. Da aber 250 Liter Blut etwa 250 Kilogramm wiegen, war für Harvey sofort klar, dass Galens Annahme, diese Menge Blut „versickere“ im Gewebe, absolut falsch sein musste. In seiner Schrift über „Die Bewegung des Herzens und des Blutes“ gab er 1628 die Entdeckung des großen und des kleinen Kreislaufs bekannt.

Brandopfer für die Wissenschaft

Den Lungenkreislauf beschrieben allerdings bereits der arabische Arzt Ibn an-Nafis im 12. Jahrhundert und 1553 dann noch genauer – er unterschied bereits zwischen dem dunklen venösen und dem hellen arteriellen Blut – der spanische Theologe, Humanist und Arzt Miguel Serveto (1511 – 1553), der letztlich wegen Ketzerei in Genf gemeinsam mit seinen auf den Körper gebundenen Schriften am Scheiterhaufen verbrannt wurde. Wie so oft, geriet dieses Wissen aber in Vergessenheit. Erst durch den Anatomen Realdo Colombo (1516 – 1559) in Padua, der unabhängig von den beiden anderen den kleinen Kreislauf neu entdeckte, wurde der Lungenkreislauf zum allgemein gültigen medizinischen Wissen.

Der Kreis des Lebens

In seiner Schrift fasste Harvey seine Lehre wie folgt zusammen: „... so muss man notwendigerweise schließen: Das Blut bewegt sich bei den Lebewesen in einem Kreise, vermöge einer gewissen Kreisbewegung und ist in immerwährender Bewegung, und dies ist die Tätigkeit bzw. Betätigung des Herzens, die es mittels seines Pulses zustande bringt, und überhaupt: die Bewegung und der Schlag des Herzens sind die einzige Ursache.“ Das war nicht nur eine neue anatomische oder physiologische Entdeckung. Mit diesen Sätzen erschütterte Harvey die Medizin in ihren Grundfesten. Jahrhunderte alte Medizinkonzepte gerieten ins Wanken. Harveys Entdeckung spaltete lange Zeit die medizinische Welt. Von begeisterter Zustimmung bis zu heftigster Ablehnung und Bekämpfung – es gab sogar den Versuch, Harvey für wahnsinnig zu erklären – reichte die Palette der kollegialen Reaktionen. Seine Lehre vom Blutkreislauf war so revolutionär, dass es Jahrzehnte dauerte, bis seine Vorstellungen allgemein anerkannt wurden. Harvey war bereits einige Jahre tot, als Marcello Malphigi (1628 – 1694) im Jahr 1661 das letzte noch fehlende Stück des Blutkreislaufs mit Hilfe des Mikroskops sah: die Kapillaren.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche

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