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Fotos (3): MedUni Wien
Ferros Donaubadeanstalt.

Sanitätsverordnung, herausgegeben von Pascal Joseph von Ferro.

Foto: W. Regal  

Foto: Ferro

Portrait von Ferro aus der Bildersammlung der MedUni Wien.

Vorrichtung zur Einatmung von Lebensluft.

Foto: W. Regal 

 
Allgemeinmedizin 3. April 2012

„Aalkästen und Sauerstofftherapie“

Genialer Organisator der Ersten Wiener Medizinischen Schule.

Er gilt als Pionier der Hydrotherapie, konstruierte und betrieb in Wien das erste Flussbadeschiff, war einer der Ersten, der Sauerstoff therapeutisch einsetzte, führte die Pockenschutzimpfung in Österreich ein und gründete das Pathologisch-anatomische Museum. Weit effektiver noch als in seiner praktischen Tätigkeit als Arzt war er als genialer medizinischer Organisator, Verwalter und Sanitätsreferent. Dennoch ist Pasqual Joseph Ritter von Ferro (1753–1809) praktisch vergessen. Nur der Name einer Gasse im 18. Bezirk in Wien erinnert an ihn.

In seiner Geburtsstadt Bonn absolvierte Ferro von 1767 bis 1770 eine, wie damals üblich, rein handwerkliche Ausbildung zum Wundarzt. Von der „Chirurgen- und Barbierinnung“ erhielt er auch am Ende seiner Ausbildung den „Lehrbrief“, der ihn zur Ausübung des Chirurgenberufes berechtigte. Danach diente Ferro als Feldscher in einem pfälzischen Kavallerieregiment. Aber das reichte dem ehrgeizigen jungen Wundarzt bald nicht mehr. Um „sein Fortune anderweitig zu machen“, begann er eine akademische Ausbildung zum Mediziner in Heidelberg, Straßburg und Wien. Besonders die Ausbildung in Wien, „diesem Sammelplatz der größten Männer“, machte auf Ferro gewaltigen Eindruck. Begeistert schrieb er seinen Eltern: „Was meine Studien anbelangt, so ist kein Ort, wo ich mehr Gelegenheit zu lernen habe, als hier […] Alles ist mit den besten Männern besetzt und die Kaiserin scheint sich vorzüglich der Ärzte angenommen zu haben […] Die Doktoren machen hier den ersten Rang in der zweiten Noblesse aus […] Ich muß in dieser Welt vorankommen, an meinem Fleiße soll es nicht fehlen.“ Und am „Fleiße“ fehlte es ihm augenscheinlich nicht. Schon 1777 wurde Pasqual Joseph Ferro in Wien zum Doktor der Medizin promoviert.

Seine Karriere als promovierter Mediziner begann er als Assistent im Parzmayerschen Spital, dem „Bäckenhäusl“ in Wien. Diese Krankenanstalt lag gegenüber der Einmündung der Sensengasse in die Währingerstraße im 9. Bezirk, etwa dort, wo sich heute das Chemische Institut der Universität Wien befindet. Vor seinem Eintritt ins Spital besuchte Ferro im Jahr 1779 seine Eltern in Köln. Hier sah er eine der ersten Kaltwasserheilanstalten in Deutschland und beschloss sofort, diese Therapie auch in Österreich anzubieten. Zurück in Wien, konstruierte er ein Badeschiff und erarbeitete einen Plan, den er Baron Stoerck, dem „Leibmedicus des Kaisers und dem Präsidenten der ganzen medizinischen Fakultät von allen Ländern“, zur Begutachtung vorlegte. Da auch die medizinische Fakultät darüber den „vorteilhaftesten Bericht“ abgab, erhielt Ferro von Maria Theresia das alleinige Privilegium, Flussbadeanstalten in allen Kaiserlichen Erblanden einzurichten. Im Jahr 1782 eröffnete Ferro sein Badeschiff auf der Donau „hinter dem Augarten an der Seite der Brigittenau“. Das Schiff war ein „quer über dem Flusse stehendes Floße“ mit Badezimmern, die im Boden eine Öffnung „in Form eines länglichen Vierecks“ hatten. Durch diese Öffnungen konnte der Besucher bequem und gefahrlos in eine Art Käfig steigen, die sich im fließenden Wasser der Donau befand. „Aalkasten“ nannten die Wiener diese Badeanstalt, die bald zu einer Sehenswürdigkeit wurde. Im kalten Wasser sah Ferro ein ursächliches Heilmittel gegen die Schwäche des Körpers und die Reizbarkeit der Nerven. In mehreren Schriften beschrieb er die überaus günstige Wirkung des kalten Wassers auf eine Reihe von Krankheiten, von der Diarrhoe über die „geschwächte Mannbarkeit“ bis zur Hirnentzündung. In seinen klinischen Aufzeichnungen und wissenschaftlichen Arbeiten strich Ferro damals vielleicht die Notwendigkeit der kalten Bäder etwas zu sehr heraus. Ein ärztlicher Zeitgenosse meinte, er sei „in deren Anpreisung freylich ein wenig zu weit gegangen“. Trotz vorwiegend günstiger Beurteilung florierte die Badeeinrichtung aber in keiner Weise. Finanziell dürfte die Badeanstalt kein großer Erfolg gewesen sein. Die geplanten Anstalten in Linz, Krems, Graz und Prag wurden jedenfalls nie gebaut.

Erste Sauerstoffinhalationen

Aber nicht nur in der Kaltwasserbehandlung leistete Ferro Pionierarbeit. Er war der erste Arzt in Wien, der um 1783 Sauerstoffinhalationen an Patienten mit „Brustkrankheiten“ erprobte. Sieben Monate lang behandelte er im Bäckenhäusl Patienten mit „krankhafter Engbrüstigkeit“ mit Sauerstoffinhalationen. Zweimal täglich erhielten die Patienten 30 Atemzüge „Lebensluft“. Er behandelte hier zwar vorwiegend Patienten mit chronischen Krankheiten, in seinen 1795 veröffentlichten „Noth- und Hülfstafeln“ schrieb er aber im Kapitel zur Errettung von „Erstickten“: „Das Einblasen der Lebensluft rettet am geschwindesten“. Zum allgemeinen Gebrauch der „Lebensluft“ konnte es aber am Ende des 18. Jahrhunderts noch nicht kommen. Einfach „zu mühsam und zu theuer“ war die technische Herstellung. „Nach einer 6 Stunden langen Arbeit hat man kaum so viel Luft erhalten, als ein Kranker für einen einzigen Tag braucht.“ „Für einen Tag“ bedeuten hier aber gerade einmal 100 Atemzüge!

Ab 1785 kann Ferro endlich sein Talent als medizinischer Organisator einsetzen. Als Sanitätsmagister und ab 1788 als Erster Stadtphysikus unterstand ihm bald das gesamte Sanitätswesen Wiens. Als Sanitätsreferent der niederösterreichischen Landesregierung machte er einige Jahre später Niederösterreich – Wien gehörte damals zu Niederösterreich – zur sanitär bestorganisierten Provinz des Kaiserreiches. Er gründete einen Rettungsdienst, der allerdings nur bis 1809 bestand, und ordnete und regelte das Bestattungswesen. Die zwei Bände seiner „Sammlung aller Sanitätsverordnungen in dem Erzherzogthum unter der Enns“ – erschienen 1798 bis 1807 – waren beispielhaft und Vorbild für die einschlägigen Verordnungen aller Provinzen des Reiches.

Einführung der Kuhpockenimpfung

Zum Pionier der Vakzination in Österreich wurde Ferro durch die erste Kuhpockenimpfung, die er am 30. April 1899 in Wien an seinen Kindern durchführte. Damit war Ferro der Erste, der nach dem Vorbild des Engländers Edward Jenner (1749–1823) auf dem europäischen Festland Menschen vor den Pocken schützte. Nach einem öffentlichen Versuch im Allgemeinen Krankenhaus in Wien veröffentlichte die niederösterreichische Landesregierung am 14. April 1802 in einem „Circular“: „Die Landesregierung ist daher in den Stand gesetzt, die Einimpfung der Kuhpocken gegen die Ansteckung der gewöhnlichen Blattern öffentlich anzuempfehlen.“

Im Jahr 1795 verfügte der Sanitätsreferent Ferro, dass sämtliche interessanten Präparate, die bei Leichenöffnungen im Allgemeinen Krankenhaus in Wien gefunden wurden, in „Weingeist aufzuheben“ und in einem Zimmer „aufzubewahren seien, wo sie jederzeit Arzt und Wundarzt belehren konnten“. Aus dieser Sammlung „merkwürdiger“ Präparate entstand die heute weltweit umfangreichste Sammlung pathologisch anatomischer Präparate.

Ferro starb am 21. August 1809 an Typhus. Angesteckt hatte er sich bei der Versorgung der Verletzten und der 56.000 Toten am Schlachtfeld bei Wagram. Keine Gedenktafel, kein Denkmal erinnert heute an Pasqual Joseph Ritter von Ferro. Nicht einmal ein Gemälde von Ferro konnte in Wien gefunden werden – für Hinweise wären die Autoren dankbar. Nur ein Schattenriss im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek und die Kopie eines Gemäldes in der Bildersammlung der MedUni Wien geben eine Vorstellung vom Aussehen des – durchaus mit Van Swieten vergleichbaren – genialen Organisators am Ende der Ersten Wiener Medizinischen Schule.

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 14 /2012

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