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Fotos (2):  Nanut/Regal
Durch Versprühen und Einlegen der Instrumente in Karbollösung versuchte Joseph Lister das Eindringen von Bakterien in die Wunde zu verhindern.

Im Narrenturm zu sehen: Schimmelbusch-Trommel zur Dampfsterilisation.

 
Geschichte 30. April 2009

Vom „guten und lobenswerten Eiter“ zur Asepsis und Antisepsis

Wie „auf immer verschlossene Körperhöhlen“ dem „weisen und menschlichen Chirurgen“ eröffnet wurden.

Wein, Essig oder abgekochtes Wasser zur Reinigung von Wunden verwendete schon Hippokrates (460–377 v. Chr.). Es war ihm und den Ärzten seiner Zeit bekannt, dass Verunreinigungen den Heilungsprozess beträchtlich stören. Ein Wissen, das später verloren ging. Schuld daran war die bis in die Renaissance unwidersprochene medizinische Autorität, der griechisch-römische Arzt Galen (129–216 n. Chr.). Seine Lehre vom „pus bonum et laudabile“, vom „guten, lobenswerten Eiter“, behinderte die Entwicklung der antiseptischen Wundbehandlung mehr als ein Jahrtausend.

 

Eines ihrer größten Probleme hatte die Chirurgie in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Erfindung der Anästhesie zumindest ansatzweise gelöst: die Bekämpfung des Operationsschmerzes. Ein ebenso großes, den Chirurgen unter den Nägeln brennendes Problem war die Infektion. So war noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein chirurgischer Patient im Krankenhaus „mehr möglichen Todesursachen ausgesetzt als der englische Soldat auf dem Schlachtfeld bei Waterloo“, bemerkte resignierend der Edinburgher Chirurg und Erfinder der Chloroformnarkose James Young Simpson (1811– 1870). Noch im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) starben nach 13.200 Amputationen 10.000 Soldaten am Wundbrand – das waren mehr als drei Viertel. Die 70 Amputationen während des Aufstandes der Pariser Kommune im Jahr 1871 nahmen alle einen tödlichen Ausgang. Aber auch in Friedenszeiten war der auf Geburt oder Operation folgende „Hospitalbrand“ – so nannte man damals die Sepsis – eine häufige und nahezu immer tödlich verlaufende Komplikation. Rückwirkend betrachtet ist dies nicht weiter verwunderlich, operierten die Chirurgen doch in alten, von getrocknetem Blut steifen – meist schwarzen, damit das getrocknete Blut nicht so auffiel – Gehröcken und wuschen sich ihre mit Blut und Eiter verschmierten Hände bestimmt nach, aber nicht vor der Operation. Instrumente wurden vor Gebrauch kaum gereinigt und die Wunden verschiedener Patienten nacheinander mit demselben Tuch oder Schwamm gereinigt. Die Geburtshelfer fetteten sich zwar ihre Finger vorschriftsmäßig vor der Untersuchung der Gebärenden penibel ein, aber ihre Hände wuschen sie nicht. Obwohl Ignaz Semmelweis (1818–1865) im Allgemeinen Krankenhaus in Wien statistisch einwandfrei bewies, dass nach dem Händewaschen mit Chlorwasser die Sterblichkeit der Wöchnerinnen an Kindbettfieber dramatisch zurückging, weigerten sich fast alle Kapazitäten seiner Zeit, die Methode auszuprobieren, geschweige denn Semmelweis‘ Erfolg anzuerkennen. Fast alle hielten das Kindbettfieber für nicht ansteckend und schon gar nicht durch Ärzte übertragbar. Nach wie vor befielen „übelriechende, atmosphärische Miasmen“ die offenen Wunden und führten zu Erysipel, Wundbrand, Blutvergiftung, Gangrän und oft tödlich verlaufender Septikämie.

Parfümflaschen gegen Bakterien

Erst Louis Pasteur (1822–1895) konnte nachweisen, dass Bakterien aus der Luft für die Fäulnis in den Wunden verantwortlich sind. Angeregt durch Pasteurs Arbeiten, begann der schottische Chirurg Joseph Lister (1827–1912) im Jahr 1865 mit in Karbolsäure getränktem Verbandmaterial zu experimentieren. Bestärkt durch seine Erfolge, entwickelte er ein genau durchdachtes antiseptisches und aseptisches Regime. Durch Versprühen von Karbolsäure im Operationssaal – anfangs händisch mit einem Parfümzerstäuber, später mit einer dampfbetriebenen Maschine – versuchte er das Eindringen von Bakterien in die Operationswunden zu verhindern (Asepsis) und die Erreger in den Wunden mit in Karbolsäure getränkten Verbänden abzutöten (Antisepsis). Trotz seiner stark sinkenden Sterberate bei seinen mit Karbol behandelten Amputationspatienten wurde auch er heftig angefeindet. Erst Robert Kochs (1843–1910) Erkenntnisse über spezifische krankheitsauslösende Mikroorganismen in den 1880er Jahren bestätigten Listers Vermutungen über die Ursachen der Wundinfektion. Pasteur und Koch konnten endlich nachweisen, dass Keime vor allem durch Berührung und nicht durch die Luft, wie man anfänglich annahm, in die offenen Wunden gelangen.

Da das „Listern“ mit Karbolsäure bei vielen Chirurgen höchst unangenehme Hautreizungen hervorrief und einige deswegen sogar das Operieren aufgeben mussten, wurden bald neue Techniken der Asepsis entwickelt. In Deutschland etwa fertigte der Chirurg Curt Schimmelbusch (1860–1895) einen Dampfsterilisator für Instrumente an. Koch konnte beweisen, dass Hitze zur Sterilisation von Instrumenten weit wirksamer ist als Chemikalien. Während Instrumente und Verbände im Wasserdampf gut sterilisiert werden konnten, blieben chemische Desinfektionsmittel für die Hände unentbehrlich. Auf der Suche nach dem optimalen Mittel und der optimalen Methode der Händedesinfektion kamen zahlreiche Substanzen zum Einsatz: von Ichtyolseife über Sublimat und Alkohol bis zu formaldehydhältigen Mitteln. Bis heute geht die Suche nach geeigneten Präparaten weiter, um die chirurgische Händedesinfektion wirksamer, hautfreundlicher und möglichst kurz zu gestalten.

„Handschuhe der Liebe“

Die quälende, auf keine Therapie ansprechende Karboldermatitis seiner Verlobten, der Operationsschwester Caroline Hampton, brachte den jungen Chirurgen William Stuart Halsted (1852–1922) – er gilt auch als Erfinder der Leitungsanästhesie – dazu, im Jahr 1890 in New York hauchdünne sterilisierbare Gummihandschuhe zu entwickeln. Die „Handschuhe der Liebe“, wie sie genannt wurden, setzten sich bald in allen Operationssälen der Welt durch. Halsted selbst trug sie allerdings nicht. Viele Chirurgen tunkten nach wie vor ihre Hände vor der Operation kurz in Karbolsäure und operierten in Straßenkleidung. Operationskittel und Mundschutz kamen erst Ende des 19. Jahrhunderts in Gebrauch. Der erste Chirurg, der einen Mundschutz und Operationshandschuhe aus Leinen trug, war wahrscheinlich der polnische Chirurg Johann von Mikulic (1850–1905). Fast wehmütig bemerkte der berühmte Chirurg Theodor Billroth (1829–1894) einige Jahre vor seinem Tod: „Alle Chirurgen tragen jetzt die antiseptische Uniform, das Individuelle tritt gewaltig in den Hintergrund. Mit reinen Händen und reinem Gewissen wird der Ungeübteste jetzt weit bessere Resultate erzielen als früher der berühmteste Professor der Chirurgie“.

Dampfsterilisierte Instrumente, Gummihandschuhe, Operationskittel und Mundschutz setzten die postoperativen Infektionsraten beträchtlich herab, und durch die sich rasant verbessernden Anästhesie- und Operationstechniken eroberten die Chirurgen nach und nach den ganzen Körper. So auch Bauchhöhle, Brustkorb und Gehirn, Körperhöhlen, die „dem weisen und menschlichen Chirurgen auf immer verschlossen sind“, wie der Londoner Chirurg Sir John Eric Erichsen (1818–1896) dies noch im Jahr 1873 falsch postulierte.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche

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