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Fotos (2):  Nanut/Regal
Moulage einer Hernienoperation mit Faszien- und Muskelnaht.

Historisches Nahtmaterial. Zunächst hatten die Ärzte mit der Handhabung der Utensilien kaum etwas zu tun. Die Chirurgie galt als „niederes Handwerk“.

 
Geschichte 28. April 2009

Die Narbe ist die Visitenkarte des Operateurs

Eine kurze Geschichte der chirurgischen Naht.

Ohne Nähte gäbe es auch keine Chirurgie. Die Hautnaht gilt bei vielen nach wie vor als „Visitenkarte“ des Operateurs. Die Wundversorgung mit Nähten kennzeichnet überdies den Beginn jener Chirurgie, die wir heute kennen.

 

Wie bei so vielen Dingen in der Geschichte der Medizin finden sich auch die ältesten schriftlichen Überlieferungen zur Wundversorgung und Nahttechnik in ägyptischen Papyri. Genauer gesagt, in den bekannten Papyri Edwin Smith – genannt das Wundenbuch – und Ebers, die aus der Zeit von etwa 1900 bis 1600 v. Chr. stammen. Auch die älteste uns heute bekannte chirurgische Naht wurde in einer ägyptischen Mumie aus dem Jahr 1100 v. Chr. gefunden. Abbildungen von chirurgischen Instrumenten, darunter Nadeln mit Öhren, entstanden in Ägypten bereits etwa 3000 v. Chr. Die Versorgung einer Wunde mit Dornen, Harzen oder anderen Naturprodukten dürfte aber noch wesentlich älter sein.

Erste genauere Beschreibungen der Wundnaht und der dabei verwendeten Materialien finden sich in der Susrata-Samhita, dem großen Lehrbuch der altindischen Medizin. Als sein Schöpfer gilt der Arzt Susrata, der vermutlich im sechsten Jahrhundert v. Chr. in Indien lebte. Er beschrieb nicht nur Hunderte von Operationen und Instrumenten, sondern gilt auch wegen seiner Ohren- und Nasenplastiken als einer der Urväter der plastischen Chirurgie. Im alten Indien war ja die bevorzugte Strafe für Verbrecher und Kriegsgefangene das Abschneiden von Nase und Ohren. Somit gab es ausreichend Betätigungsmöglichkeiten für Chirurgen. Aus den Susrata-Texten geht hervor, dass in Indien bereits 500 v. Chr. gerade und gebogene Nadeln aus Knochen oder Bronze und als Nahtmaterial Leinen-, Hanf- und Rindenfasern, Tiersehnen oder Haare verwendet wurden.

Hilfe aus der Welt der Insekten

Besonders interessant ist wohl die sogenannte Ameisennaht, die heute noch im tropischen Waldland Afrikas praktiziert wird. Dabei bedient sich der Chirurg der großen schwarzen bengalischen Ameise. Auf die zusammengedrückten Wundränder setzt er die großen Insekten nebeneinander und wartet, „bis sich ihre Zangen wie Klammern an den Wundrändern verbeißen“. Anschließend werden die Körper der Insekten von ihren Köpfen abgedreht, und die erstarrten Ameisenkiefer halten die Wundränder fest zusammen. Mit diesem Vorläufer der modernen Wundklammerung versorgten schon die altindischen Ärzte – angeblich erfolgreich – auch Verletzungen des Darms. Die dabei frei werdende Ameisensäure wirkt überdies antibakteriell und koagulierend. In Europa wagte man derartige Eingriffe erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Und das durchaus zu Recht, denn Nähte mit unsterilem, in der Bauchhöhle faulendem Nahtmaterial hätten unweigerlich zu einer fatal verlaufenden Bauchfellentzündung geführt.

Im Abendland waren es Hippokrates (460 – 377 v. Chr.), Celsus (25 v. Chr. – 50 n. Chr.) und Galen (um 129 – um 216 n. Chr.), die ähnliche Nahtmaterialien und verschiedene Nahttechniken beschrieben. Während Hippokrates in seinen Schriften nur die Naht von oberflächlichen Fleischwunden abhandelte, beschrieb Celsus bereits Ligaturen der Gefäße zur Blutstillung und erwähnte sowohl fortlaufende als auch Einzelknopfnähte. Nadeln und Nadelhalter gehörten damals bereits zum Equipment eines Arztes. Die Darmseite (Chorda) als Nahtmaterial beschrieb wiederum Galen als Erster.

„Die Kirche vergießt kein Blut“

Im europäischen Mittelalter hatte das Jahr 1163 für die Medizin und besonders für die Chirurgie weitreichende Konsequenzen. Mit der Erklärung „Ecclesia abhorret a sanguine“ – „die Kirche vergießt kein Blut“ – verbot Papst Alexander III. auf dem Konzil von Tours den Ärzten aus dem Klerus, Chirurgie zu betreiben. Die Chirurgie verschwand somit als „mindere Medizin“ aus den Medizinschulen und Universitäten. Dies behinderte naturgemäß den Fortschritt der Chirurgie, genau genommen bis ins 18. Jahrhundert. Das „unehrliche“ Handwerk mit Messern und Nadeln überließ man den verachteten Praktikern. In dieser nicht nur für die europäische Chirurgie „finsteren“ Epoche waren es vor allem die arabischen Chirurgen, die für Neuerungen bei Nahtmaterial und -technik verantwortlich zeichneten. Sie führten Ligaturen mit Darmsaiten, starken Zwirn- oder Seidenfäden durch. Wunden vernähten sie mit geraden und gebogenen Nadeln auf verschiedene Arten mit Fäden, die sie auch aus Lautensaiten, Kamel- oder Pferdehaaren herstellten.

Zu einer entscheidenden Verbesserung der chirurgischen Nahttechnik kam es bei uns aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die ersten Desinfektionsverfahren des Nahtmaterials, die der englische Chirurg Joseph Lister (1827 – 1912) mithilfe von Karbolsäure (1867) und später der deutsche Chirurg Curt Schimmelbusch (1860 – 1895) mit Wasserdampfsterilisation (1889) einführten. Wundinfektionen konnten so erstmals verhindert werden. Auf der Suche nach Nahtmaterial, das nicht in der Wunde blieb, sondern sich von selbst auflöst, fand Lister im Jahr 1868 das aus Schafdärmen hergestellte Katgut. Mit einer Katze hat das Nahtmaterial nicht viel zu tun. Das Wort „kit“ oder „cat“ bedeutet nach einem Lexikon aus dem Jahr 1599 „violin, stringed instruments collectively“, also etwa Lautensaite. Mit Karbolsäure versuchte Lister das Nahtmaterial zu desinfizieren, was ihm letztlich nur unbefriedigend gelang. Später erzielte er durch eine Art Gerbung der Darmsaite einen schwerer resorbierbaren Faden, der sich in der Chirurgie rasch durchsetzte und sich durch bessere Sterilisationsmethoden jahrzehntelang neben der Seide zum Standardnahtmaterial fast aller chirurgisch tätigen Fächer entwickelte. Katgut wurde von vielen Ländern erst 2001 wegen des Infektionsrisikos mit der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit endgültig vom Markt genommen.

Übernahme aus Textilindustrie

Mit der Entwicklung der ursprünglichen Textilfasern Perlon und Nylon vor dem Zweiten Weltkrieg begann eine neue Ära vollsynthetischer Fäden mit hoher Reißkraft, Geschmeidigkeit und überdies erstklassigen Knüpfeigenschaften. Die immer dünner werdenden Fäden und die stufenlose – „atraumatische“ – Verbindung von Nadel und Faden erlauben es heute dem Chirurgen, seine meisterhafte „Visitenkarte“ – als solche gilt bei vielen Patienten noch immer die sichtbare Narbe – am Patienten zu hinterlassen.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 17/2009

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