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Fotos (3):  Nanut/Regal
Typische Körperhaltung, Zeichnung aus dem Jahr 1886.
 
Neurologie 8. April 2009

Die Krankheit des Herrn Parkinson

Der „Morbus Parkinson“ ist sicherlich eine der bekanntesten neurologischen Krankheiten, die einen Personennamen tragen: James Parkinson (1755 bis 1824) beschrieb seine Beobachtungen, die er an einigen seiner Patienten gemacht hatte, bereits im Jahr 1817. „An Essay on the Shaking Palsy“ („Essay über die Schüttellähmung“) nannte er die kurze Arbeit. Rund 50 Jahre später gab der französische Psychiater Jean-Marie Charcot (1825 bis 1893) in einer Vorlesung dem Syndrom den Namen „Morbus Parkinson“.

Sowohl bei der neuerlichen Entdeckung der Krankheit durch Charcot als auch bei der Erforschung der krankheitsauslösenden Ursache einhundert Jahre später sowie der Einführung der ersten kausalen Therapie spielte die Wiener Medizin eine zentrale Rolle.

Dass es einmal einen „Morbus Parkinson“ geben wird, hat sich der englische Praktiker James Parkinson aus dem Armenviertel Hoxton in London sicher nicht gedacht, als er in seinem Essay über die Schüttellähmung die Mehrzahl der klassischen Symptome anhand der Krankheitsverläufe von nur sechs(!) Patienten beschrieb. Die Arbeit wurde von der medizinischen Fachpresse zwar positiv aufgenommen, geriet aber allmählich in Vergessenheit.

Erst als der Wiener Internist Johann von Oppolzer 1860 die erste Obduktion eines Patienten mit „Schüttellähmung“ durchführte und im verlängerten Mark, an jener Stelle, an der Parkinson die Ursache der Krankheit vermutet hatte, vermehrt Bindegewebe fand, kam wieder wissenschaftliches Interesse auf.

 

Der typische Stiftgriff.

 

Der berühmte Psychiater Charcot in Paris begann sich, angeregt durch Oppolzers Obduktionsbefund, ab 1868 gezielt mit der „Paralysis agitans“ zu beschäftigen. Patienten mit „Schüttellähmung“ hatte er im Hôpital Salpêtrière in Paris genug. Er musste sich anders als Parkinson nicht mit sechs Patienten – von denen Parkinson sogar einige nur von seinem Fenster auf der Straße beobachtete – begnügen.

Charcot konnte, durch die große Anzahl der Patienten, die ihm in Europas bekanntestem Nervenkrankenhaus zur Verfügung standen, in seinen Vorlesungen sogar die unterschiedlichen Krankheitsstadien gleichzeitig demonstrieren. Er straffte Parkinsons Beschreibung des Krankheitsbildes und ergänzte sie um den Muskelrigor und einige weitere typische Symptome.

Da aber bei manchen Patienten keine Lähmung und bei anderen wieder trotz aller übrigen Symptome kein „Schütteln“ vorhanden war, gefiel ihm die Bezeichnung „Schüttellähmung“ nicht, da die Bezeichnung auf Symptome hinwies, die nicht unbedingt vorhanden sein mussten. Er schlug daher in seiner Vorlesung am 19. November 1876 vor, die Krankheit „maladie de parkinson“ zu nennen.

Zu Beginn wurde spekuliert

Auch Charcot konnte wie Parkinson über die Ursache der Erkrankung nur spekulieren. Er hatte zwar selbst einige Patienten mit „paralysie agitante“ obduziert, aber keinerlei Veränderungen oder Verwundungen im Nervensystem gefunden. Erst 1919 beschrieb ebenfalls in Paris der Student Konstantin Nikolaevic Tretiakoff in seiner Dissertation Veränderungen in der Substania nigra als Ursache des Leidens. Tretiakoffs Befunde wurden angezweifelt, gelten aber heute als charakteristisch für den „Morbus Parkinson“.

Schier endlos ist die Liste der Medikamente und Therapien, die gegen Morbus Parkinson eingesetzt wurden. Von Strychnin und Opium über elektrische Reize und statische Elektrizität bis zu konstantem Strom und Vitamin B6 reicht die Palette. Um 1900 machte das „Geheimrezept“ des bulgarischen Bauern Iwan Raeff die Runde: Entkleidet vom abergläubischen Brimborium, war das Elixier des Kräutersammlers nichts weiter als eine Abkochung aus Tollkirschenwurzeln in Weißwein – Belladonna-Präparate hatte schon Charcot bei der Behandlung des Parkinsonsyndroms eingesetzt, als die „Bulgarische Kur“ in den 1930er Jahren Furore machte. Zwar konnten mit einigen dieser Medikamente und Therapien einzelne Symptome gelindert werden, aber eine generelle Beeinflussung, Besserung oder sogar Heilung des Krankheitsbildes wurde nicht erreicht.

 

Historisches Feuchtpräparat der Hirnschenkel eines verstorbenen Parkinsonpatienten. Auf der Suche nach organischen Veränderungen im Gehirn von Parkinsonkranken wurden auch Präparate von Hirnstrukturen gesammelt, von denen man heute weiß, dass sie mit der Krankheit ursächlich nichts zu tun hatten.

 

Der Umschwung in der Behandlung des Parkinson gelang erst, nachdem eine Wiener Arbeitsgruppe Anfang der 1960er-Jahre unter der Leitung des Pharmakologen Oleh Hornykiewics den Mangel an Dopamin in bestimmten Hirnregionen als krankheitsauslösende Ursache identifiziert hatte. Den Nobelpreis für die Entdeckung der Rolle des Dopamins im Gehirn erhielt im Jahr 2000 allerdings nicht Hornykiewics, sondern der Schwede Arvid Carlsson.

Nach Ansicht vieler Forscher zu Unrecht. Über 230 Forscher protestierten damals gegen diese Entscheidung des Nobel-Komitees. Die Forschungen der Wiener Gruppe am menschlichen Gehirn waren ausschlaggebend für die Entwicklung erstmals kausal ansetzender Medikamente. Da Dopamin wegen der Blut-Hirn-Schranke kaum ins Gehirn eindringt, behandelten Walter Birkmayer, Vorstand der Neurologischen Abteilung im damals noch „Lainz“ genannten Krankenhaus in Wien, und Hornykiewics Parkinson-Patienten erstmals erfolgreich mit L-Dopa, einer Vorstufe der Substanz, die im Gehirn in Dopamin umgewandelt wird. Auch wenn heute viele weitere hochselektive Medikamente zur Verfügung stehen, war dies der Durchbruch in der medikamentösen Behandlung des „Parkinson“.

Über den ersten Entdecker, James Parkinson, selbst ist heute nicht allzu viel bekannt. So gibt es von ihm kein Portrait, sein Geburtshaus wurde abgerissen und selbst sein Grabstein verschwand. Nur sein Geburtstag, der 11. April, wird in unserer Zeit weltweit als Parkinson-Tag begangen.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche

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