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Foto: Mag. Wenzel Müller
Der „Gläserne Mensch“: Herzstück des Deutschen Hygiene Museums in Dresden. Auf Knopfdruck leuchten Glühbirnen auf, die die Organe anzeigen.
Foto: Mag. Wenzel Müller

Der „Gläserne Mensch“: Herzstück des Deutschen Hygiene Museums in Dresden. Auf Knopfdruck leuchten Glühbirnen auf, die die Organe anzeigen.

 
Geschichte 3. April 2009

„Eine Stätte der Belehrung für die ganze Bevölkerung“

Deutsches Hygiene-Museum: Die weltweit einmalige Institution befindet sich in Dresden.

Ein Ort der Aufklärung war das Deutsche Hygienemuseum am Beginn. Heute, 80 Jahre später, bezeichnet es sich geradezu bescheiden als „Museum vom Menschen“. Die wechselvolle Geschichte des Hauses zeigt recht gut, dass unser Verständnis von Gesundheit und unser Bild des Menschen einem steten Wandel unterzogen ist.

 

„Hygiene-Museum“: Dieser Name ist einzigartig. So heißt kein anderes Museum der Welt. Das Deutsche Hygiene Museum befindet sich in Dresden, wo es 1930 gegründet wurde.

Das Haus kann als ein Kind seiner Zeit bezeichnet werden. Anfang des 20. Jahrhunderts kommt die industrielle Produktion in Fahrt, die Schlote rauchen und die Industriestandorte wachsen rapide. Beengte Wohnverhältnisse und schlechte Luft in den Städten lassen die Zahl der Krankheiten ansteigen. Zur gleichen Zeit kommt eine Reform-Bewegung auf, die von dem Optimismus getragen ist, dass sich viele Krankheiten durch entsprechende Vorsichtsmaßnahmen der Menschen verhindern ließen.

Hygiene, das war der schillernde Überbegriff dieser Bewegung. Ihr Ziel war, die Erkenntnisse der modernen Medizin einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Ideell und materiell unterstützt wurde sie von einem Industriellen, von Karl August Lingner (1861-1916), dem Hersteller des Mundwassers „Odol“.

Das Museum wurde anlässlich der 2. Internationalen Hygiene-Ausstellung eröffnet. Was gehört zu einer gesunden Ernährung? Wie schütze ich mich vor Krankheitserregern? Diese und ähnliche Fragen standen im Vordergrund. Ein Haus ganz im Zeichen der Gesundheitsaufklärung.

Dresden ist eine barocke Stadt. Dieser Museumsbau des Architekten Wilhelm Kreis (1873-1954) hob sich mit seiner schnörkellosen, nüchtern-kubischen Form im Bauhausstil deutlich von seiner Umgebung ab. Der Haupteingang mit seinen mächtigen, in die Höhe ragenden Säulen zeigte an: Hier geht es um wichtige Dinge!

Name blieb unverändert

In den letzten Jahren wurde das Haus renoviert, und zwar so, dass der Originalzustand weitgehend wiederhergestellt wurde. In den knapp 80 Jahren seines Bestehens hat das Haus stets seinen Namen beibehalten, nicht allerdings seine programmatische Ausrichtung, vielmehr hat jede Zeit dem Haus seinen Stempel aufgedrückt. Und es waren ganz unterschiedliche Zeiten, die das Hygiene-Museum durchgemacht hat, von der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus und den „realen Sozialismus“ bis hin zur demokratischen Ordnung. Die wechselvolle Geschichte des Hauses illustriert recht gut das sich wandelnde Verständnis von Gesundheit, Menschenbild und Ausstellungspraxis in den vergangenen Jahren.

Am Anfang stand, wie gesagt, die Idee der Aufklärung, die erklärte Absicht, den Menschen durch Information zu einem besseren und gesundheitsbewussten Bürger heranzuziehen. Oder wie es Lingner formulierte: „Das Hygiene-Museum soll eine Stätte der Belehrung sein für die ganze Bevölkerung, in der jedermann sich durch Anschauung Kenntnisse erwerben kann, die ihn zu einer vernünftigen und gesundheitsfördernden Lebensführung befähigen.“

Insbesondere in einem Ausstellungsobjekt kommt die Idee des Museums exemplarisch zum Ausdruck, in dem „Gläsernen Menschen“. Dieses Objekt zeigt den Skelettaufbau, die Anordnung der Organe, den Verlauf der Blutgefäße. Auf Knopfdruck leuchten kleine Glühbirnen auf, die den Blick auf Herz und Hirn lenken. Kurz: Das Objekt macht das Unsichtbare sichtbar. Der „Gläserne Mensch“ war gebaut worden, um eine mehr oder minder deutliche Botschaft zu transportieren: Seht her, das Menscheninnere ist eine Art Maschine! Einfach zu verstehen – und bei guter Pflege lange haltbar. Es war aus heutiger Sicht eine Zeit der einfachen Antworten. Es gab nur richtig oder falsch, für etwas Drittes war kein Platz.

Bald darauf erfuhr die Ausrichtung des Museums eine kleine, aber entscheidende Wende: Es ging nicht mehr allein um den gesunden Menschen, sondern um den gesunden Volkskörper. Im Dritten Reich mutierte das Museum zu einem führenden Propagandainstrument.

Überraschenderweise schlossen die sowjetischen Machthaber, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Osten Deutschlands und damit auch in Dresden das Sagen hatten, nicht das korrumpierte Museum. Im Gegenteil, sie bauten das zerstörte Haus wieder auf. In der Nachkriegszeit, die durch Unterernährung und Seuchengefahr geprägt war, hielten sie einen Ort der Gesundheitsaufklärung für dringend notwendig.

Zunächst lautete das Ziel wieder, vor Krankheitsgefahren zu warnen. Später genügte das nicht mehr, da ging es auch um die Propagierung eines richtigen, nämlich „sozialistischen Lebensstils“. Wie schon zur Nazi-Zeit stand das Museum wieder unter politischer Kontrolle, nun unter der des DDR-Ministeriums für Gesundheitswesen.

Torso eines Afrikaners

Ein Objekt, das sinnfällig die neue Ära zum Ausdruck bringt, ist der „Torso eines Afrikaners“. Im Sinne politischer Korrektheit wollte man menschliche Funktionen und Funktionsstörungen nicht länger nur am weißen Körper demonstrieren.

Nach dem Fall der Mauer und dem Ende der DDR brach für das Museum wieder eine neue Zeit an. Die Museumsleitung unter Direktor Klaus Vogel stand vor der Frage: Wie soll es weitergehen? Dass eine Zäsur angesagt war, das war klar. Doch wie sollte die aussehen?

Ein Vorschlag ging in die Richtung, mit einer radikal neuen Gestaltung der Dauerausstellung ein sichtbares Zeichen für den Neuanfang zu setzen. Der Deutsche Uwe Brückner präsentierte einen Entwurf, in dem das Museum selbst zum Körper wird, den der Besucher betritt – er sollte quasi auf eine Entdeckungsreise durch Blutbahnen und Gedärme geschickt werden.

Anders das Konzept des Amerikaners Ralph Appelbaum: Er wollte eine Spirale aus Edelstahl bauen, die sich durch alle Räume windet: Eine blinkende Doppelhelix, an der Monitore aufgehängt sind, die Informationen liefern.

Beide Ideen wurden schließlich verworfen. Die Museumsleitung einigte sich auf das Konzept einer klassischen Vitrinenausstellung, nicht zuletzt aus einem ganz pragmatischen Grund: Das Museum verfügt über immerhin 30.000 Objekte, und die können am besten in dieser herkömmlichen Form präsentiert werden. Dass der alte Bestand nicht einfach auf dem Müll (der Geschichte) landen sollte, stand für die Museumsleitung außer Frage, denn eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des eigenen Hauses hatte sie sich auf die Fahnen geschrieben – und auch umgesetzt: Gleich im ersten Raum der neu gestalteten Dauerausstellung wird der vermessene Wahn des Menschen nach Maß und Norm und Ausgrenzung thematisiert.

„Wir verstehen uns heute als eine Kultureinrichtung mit eigenständiger Sammlung. Uns geht es um den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Wir wollen keine fertigen Antworten liefern, stattdessen Angebote machen“, sagt Christoph Wingender, Pressesprecher des Museums.

Diese Lehre zog das Museum aus seiner eigenen unheilvollen Geschichte: Es möchte nie wieder Propagandainstrument sein, nie wieder eine bestimmte Richtung vertreten (müssen). Stattdessen ein Ort der Diskussion sein.

 

Deutsches Hygiene-Museum, Lingnerplatz 1, 01069 Dresden

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 14/2009

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