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Fotos (3):  Nanut/Regal
Der weltberühmte Internist Hermann Nothnagel protokollierte seine Pulswerte während der stenokardischen Anfälle bis zu seiner letzten Stunde.

Eine denkwürdige Inschrift am Ehrengrab von Dr. Hermann Nothnagel am Matzleinsdorfer Friedhof in Wien.

 
Geschichte 21. September 2011

„Mit Kranken hat die Klinik zu tun, nicht mit Krankheiten“

Vor 170 Jahren wurde der Internist Hermann Nothnagel geboren.

Auf seinem Grabstein am Wiener Matzleinsdorfer Friedhof sind jene Worte eingraviert, die er bei seiner Antrittsvorlesung im Allgemeinen Krankenhaus in Wien seinen Studenten zurief: „Nur ein guter Mensch kann ein guter Arzt sein!“ In dieser Vorlesung am 16. Oktober 1882 sprach er auch den Satz: „Mit Kranken, nicht mit Krankheiten, hat die Klinik zu tun“. Sätze, die danach bei unzähligen medizinischen Feiern, Ehrungen und Nachrufen beinahe inflationär verwendet wurden und werden. Wer sie einst gesprochen hat, weiß heute allerdings kaum jemand mehr. Es war der Internist Hermann Nothnagel, geboren am 28. September 1841.

 

Hermann Nothnagel war Ende des 19. Jahrhunderts einer der berühmtesten und gesuchtesten Konsiliarärzte Europas. Patienten aus der ganzen Welt kamen in seine Ordination nach Wien. Konsultationsreisen zu höchsten Persönlichkeiten und gekrönten Häuptern Europas und Russlands waren auf der Tagesordnung des Internisten. Auch Kaiserin Elisabeth untersuchte er einmal in Kap Martin.

Nothnagel studierte an der Pepinière in Berlin Medizin, wo er 1863 auch promovierte. Angebote von Virchow, pathologischer Anatom zu werden, lehnte er ab. Schon damals war er sich ganz sicher, dass er praktischer Arzt werden wollte. 1866 habilitierte er in Königsberg und wandte sich verstärkt der Neurologie zu, die damals noch zum Fachgebiet der Inneren Medizin gehörte. Sein 1870 erschienenes Handbuch der Arzneimittellehre, in dem er das gesamte gesicherte Wissen über die Wirkung der neuen Arzneimittel überaus praxisgerecht darstellte, galt jahrzehntelang als Standardwerk und wurde in fast alle Weltsprachen übersetzt. 1874 erhielt Nothnagel die Berufung nach Jena.

Ein Senkrechtstarter in Wien

Als Nothnagel 1882 von Jena nach Wien berufen wurde, ging neben Billroth „ein neuer Stern am Wiener klinischen Himmel auf“. Nothnagel war, wie man heute sagen würde, ein „Senkrechtstarter“. Seine Ausstrahlung und Wirkung auf Patienten war unbeschreiblich. In kurzer Zeit war seine Praxis in der Rathausstraße 13, im 1. Bezirk, eine der größten Ordinationen Europas. Billroth schrieb in einem Brief: „Das Zentrum einer großen, internationalen Praxis zu sein und sehr viel Geld zu verdienen berauscht ihn vorläufig; ich begreife das, hoffe aber, dass er die Klippen einer solchen Lebensweise glücklich durchschifft und aus seiner großen praktischen Tätigkeit auch große wissenschaftliche Resultate gewinnen und für andere flüssig machen wird.“

Trotz seiner unglaublich vielfältigen anderen Arbeitsleistungen schaffte Nothnagel auch das. Er beendete hier zuerst seine bereits in Jena begonnenen experimentellen wissenschaftlichen Arbeiten und erschloss dann in Wien neue Arbeitsgebiete. Die hatten eher einen „universal-medizinischen Charakter“, wie es der Medizinhistoriker Max Neuburger in seiner umfangreichen Nothnagel-Biografie ausdrückte. Es entstand hier in Wien eine Fülle von Publikationen aus praktisch allen Gebieten der Inneren Medizin. Auch als Lehrer war Nothnagel bald berühmt und lockte Hörer aus der ganzen Welt nach Wien. Er erweiterte die physikalische Krankenuntersuchung um die neuesten modernen Untersuchungsmethoden. Mit seinen Forschungen leitete er einen neuen Abschnitt der Wiener Klinik ein. Für seine Vorlesungen wählte Nothnagel vorwiegend Fälle, die aus dem klinischen Alltag kamen. Seltene Fälle und ausgerissene Besonderheiten mochte er in seinen Vorlesungen nicht. Die alltäglichen Fälle aber behandelte er mit ausgesuchter Gründlichkeit. Wochenlang sprach er etwa über Lungenentzündung, Typhus oder Herzerkrankungen.

Der klinische Blick

In seinen Arbeiten befasste sich Nothnagel vorwiegend mit neurologischen Problemen, mit der Pathologie des Darms und der Gefäße. Bei der Diagnostik legte er zwar größten Wert auf chemische Befunde, aber ebenso wichtig war ihm der „klinische Blick“. Seine Studenten wies er eindringlichst darauf hin, nicht aus Laborbefunden Diagnosen und Therapien zu konstruieren, sondern trotz aller technischen Hilfsmittel alle ärztlichen Entscheidungen nur am Krankenbett zu treffen. Fehldiagnosen waren für ihn durchaus entschuldbar. „Nicht entschuldbar ist, wenn der Arzt nicht untersucht hat oder nicht untersuchen kann.“ Besonders wichtig war Nothnagel der Puls und seine Beschaffenheit. Er rühmte sich „dreimalhunderttausend Pulse in der Hand gehabt zu haben“. Er war der Erste, der die Bedeutung des Blutdrucks für viele Krankheiten beschrieb, und der erkannte, dass die Ursache der Angina pectoris und ihrer Schmerzen nicht – wie bis dahin angenommen – eine Herzschwäche, sondern eine Krankheit der Arterien war. Bereits 1867 sprach er von einem „arteriellen Gefäßkrampf“, der möglicherweise diese Schmerzen wie bei einer Kolik oder einem Migräneanfall auslöst. In der Therapie setzte er, neben dem noch immer recht bescheidenen pharmazeutischen Rüstzeug seiner Zeit, das gesamte Arsenal an physikalischer Medizin, Elektro-, Hydro-, Balneo- und Klimatherapie ein. Von der sich gerade entwickelnden Immunologie mit ihren Impfungen erhoffte er sich gewaltige Fortschritte in der Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Im Jahr 1901 gründete er in Wien die Gesellschaft für Innere Medizin.

Akribische Pulsmessungen

Auch seine eigene Angina pectoris und seinen Puls beobachtete Nothnagel bis zuletzt akribisch: „Anfälle mit heftigsten Schmerzen, Puls im Anfall ganz verschieden; einmal langsam, zirka 56 bis 60, ganz regelmäßig, stark gespannt, dann wieder beschleunigt, 80 bis 90, ziemlich gleich- und regelmäßig, endlich bald beschleunigt, bald langsamer, mit wechselnder Spannung. Die ersten Erscheinungen dieser Anfälle datieren mehrere drei bis vier Jahre zurück, anfänglich ganz schwach, allmählich immer ausgesprochener. Eigentliche Anfälle mit starken Schmerzen sind erst vor fünf oder sechs Tagen aufgetreten. Geschrieben am 6. Juli 1905 abends spät, nachdem ich soeben drei heftige Anfälle gehabt habe.“ Der Zettel, auf den Nothnagel mit dem kurzen Bleistift, den er immer bei sich trug, seine stenokardischen Anfälle schrieb, lag neben seinem Bett. In dieser Nacht starb Hermann Nothnagel in seiner Wohnung in der Rathausstraße in Wien. Nothnagel war immer Naturforscher und medizinischer Beobachter. Im letzten Augenblick noch der seines eigenen Körpers.

Sein letztes therapeutisches Ziel, seine große Vision, „uns Ärzte entbehrlich zu machen“, wird aber vermutlich für immer ein Wunschtraum bleiben.

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 38 /2011

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