zur Navigation zum Inhalt
Fotos (2):  Nanut/Regal
Erst Ende des 19. Jahrhunderts konnten Forscherteams über die Wirkung eines verdünnten wässrigen Nebennierenextraktes berichten.
 
Endokrinologie 12. März 2009

Das erste Hormon

Fleischhauer waren früher im Bilde als Mediziner.

Die Nebennieren sind die einzigen wirklich lebenswichtigen Drüsen unter den Organen, die Hormone produzieren. Sie sind nicht sehr groß und wiegen nur etwa fünf bis zehn Gramm. Werden sie entfernt, stirbt der Mensch. Entdeckt wurden sie erst relativ spät. Den Anatomen der Antike und des Altertums entgingen diese etwa vier bis sechs Zentimeter langen und zwei bis drei Zentimeter breiten Drüsen an den oberen Polen beider Nieren.

Erstmals beschrieb die Nebennieren der Anatom Bartholomaeus Eustachius Sanctosoverinatus (1520–1574) im Jahr 1563. In seinem anatomischen Werk „Opuscula anatomica“ dokumentierte er sie auch mit einer guten Abbildung. Dennoch waren die Nebennieren vielen, auch berühmten Ärzten und Anatomen des 17. und sogar noch des 18. Jahrhunderts anscheinend unbekannt. Völlig ignorierte sie etwa Gerard van Swieten (1733–1803), Begründer der ersten Wiener Medizinischen Schule und Leibarzt Maria Theresias. Ja, die Existenz der Drüse wurde zeitweise sogar bestritten, wobei die rasche Auflösung des Nebennierengewebes nach dem Tod vermutlich eine wesentliche Rolle spielte. Noch viel rätselhafter als die anatomische Existenz der Drüse war aber lange Zeit ihre Funktion. Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts glaubte der Wiener Anatom Joseph Hyrtl, dass nur die „unbekannte Funktion der Nebenniere das Organ vor lästigen Nachfragen der Heilswissenschaft“ bewahre. Möglicherweise wussten die Fleischhauer aber schon vor den Medizinern, was die kleine Drüse alles kann. Kleine Schnittwunden sind in diesem Beruf an der Tagesordnung. Wenn einem Fleischhauer bei der Arbeit so ein Missgeschick passiert, sucht er nicht lange nach Pflaster und Verband. Er schneidet sich vom nächsten geschlachteten Rind ein Stück Nebenniere ab und presst den Saft über die blutende Wunde. Nach kurzer Zeit steht die Blutung. Der praktische Einsatz eines Hormons.

Experimentieren ohne Grundlagenwissen

Ende der 1880er-Jahre experimentierten viele Mediziner mit einer neuen Therapieform, der „Organotherapie“. Ohne nur im mindesten über die Funktion oder Biochemie der Drüsen Bescheid zu wissen, begannen viele Ärzte ungehemmt mit Extrakten aus tierischen Drüsen – spektakulär waren vor allem Verjüngungskuren aus tierischen Hodenextrakten – zu therapeutisieren, vereinzelt angeblich sogar mit sensationellen Erfolgen. Neben den oft wilden Organextraktgemischen, die praktisch bei jeder Krankheit eingesetzt werden konnten, gab es aber bereits auch Versuche, etwa Schilddrüsenerkrankungen mit tierischen Schilddrüsenextrakten zu behandeln.

Da berichteten gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeitgleich ein polnisches und ein Londoner Forscherteam, dass bei Patienten, die sie mit einem stark verdünnten wässrigen Nebennierenextrakt behandelt hatten, exorbitante Blutdrucksteigerungen, Herzjagen und Erregungszustände aufgetreten waren. Angeregt durch diese Berichte, begann der Physiologe John Jacob Abel (1857–1938) – er hatte in Wien praktisch gearbeitet und war soeben in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt – an der berühmten Johns Hopkins Universität in Baltimore in Schafsnebennieren nach der rätselhaften Substanz zu suchen. Es gelang ihm auch 1897, aus Tausenden Nebennieren ein wirksames weißes Pulver zu isolieren. Er nannte es „Epinephrin“, was so viel wie „Stoff aus der Drüse über der Niere“ bedeutet. Eine Reindarstellung der Substanz gelang ihm aber nicht. Kurz danach berichteten weltweit Fachzeitschriften wahre Wunderdinge über die neue Substanz: es erhöhe den Blutdruck, bringe während einer Operation plötzlich versagende Herzen wieder zum Schlagen, löse Asthmaanfälle und helfe auch bei Heuschnupfen.

Auch der kommerzielle Markt wurde ausgenutzt

Nicht nur Ärzte waren von der Substanz fasziniert. Auch Geschäftsleute wie der Chemiker und Pharmazeut Dr. Jokichi Takamine (1884–1922) witterten das große Geschäft. Er informierte sich bei Abel über seine Arbeiten und – wahrscheinlich war er einfach der phantasiereichere Chemiker – tatsächlich gelang ihm bereits kurze Zeit später, was Abel nicht gelungen war, er konnte die wirksame Substanz rein darstellen. Takamine taufte sie „Adrenalin“, patentierte sie und bewarb sie wie ein Waschmittel als „Stimulans für den Notfall“. Unabhängig von Takamine gelang es auch dem Amerikaner Thomas Bell Aldrich (1861–1938), den Wirkstoff des Nebennierenmarks kristallin darzustellen. Nachdem der Leipziger Chirurg Heinrich Braun (1862–1934) den blutgefäßverengenden Effekt der Substanz in Kombination mit der Lokalanästhesie erkannt – „ich beobachtete eine örtliche Betäubung von bis dahin unbekannter Intensität, Ausdehnung und Dauer“ – und auch nutzbar gemacht hatte, stieg der Bedarf an Adrenalin weltweit immens an.

1904 gelang es dem in wissenschaftlichen Kreisen bereits bekannten deutschen Chemiker Friedrich Stolz (1836–1960) – einige Jahre zuvor hatte er das Schmerzmittel „Pyramidon“ synthetisiert –, das Wundermittel im Labor zu synthetisieren und damit wesentlich billiger zu machen. Mit der Synthese des Adrenalins konnte erstmals ein Hormon künstlich hergestellt werden – den Begriff „Hormon“ selbst schuf der Physiologe Ernest Henry Starling (1866–1927) nach dem griechischen „hormáein“ („antreiben“) aber erst im Jahr 1905. Die synthetische Substanz war zwar zunächst etwas schwächer wirksam, aber unter dem Namen „Stryphnon“ tränkte es jahrzehntelang blutstillende Verbandstoffe.

Das Nebennierenmark hatte seine Geheimnisse also schon fast preisgegeben. Dass die Nebennierenrinde der weit interessantere und lebenswichtigere Teil der Drüse ist, zeichnete sich aber bereits ab. Ihre Erforschung begann mit Arthur Biedl (1869 –1933) in Wien. Aber das ist eine andere Narrenturmgeschichte.

Fotos (2):  Nanut/Regal

Erst Ende des 19. Jahrhunderts konnten Forscherteams über die Wirkung eines verdünnten wässrigen Nebennierenextraktes berichten.

Die Nebennieren wurden erstmals von dem Anatomen Bartholomaeus Eustachius Sanctosoverinatus im Jahr 1563 beschrieben. Die Existenz der kleinen Drüsen wurde aber trotzdem eine sehr lange Zeit auch von berühmten Ärzten und Anatomen nicht wahrgenommen oder sogar bestritten.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben