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Fotos (3):  Nanut/Regal
Der englische Arzt William Withering (1741–1799) untersuchte als Erster wissenschaftlich den Fingerhut.
 
Kardiologie 5. März 2009

Von der Geheimrezeptur zum Herzglykosid

Der Fingerhut gegen den „Bösen Blick“. Eine Arznei mit vielen Höhen und Tiefen.

In medizinischen Werken der Antike kommt eine der bekanntesten und potentesten Heilpflanzen nicht vor: der Fingerhut. Aus gutem Grund, denn bei kaum einer anderen Heilpflanze liegen heilende und tödliche Wirkung so dicht beieinander. Schon der „Genuss“ von zwei bis drei Blättern kann zur tödlichen Vergiftung führen.

 

Erstmals erwähnt wird die medizinische Verwendbarkeit des Roten Fingerhutes – zumeist allerdings rein äußerlich in Form von Pflastern, Umschlägen und Salben – in einer Rezeptsammlung aus Süd-Wales aus dem 13. Jahrhundert. Als Pflanze der Feen und Elfen half der Fingerhut natürlich auch gegen den „Bösen Blick“, ermöglichte den höchst gefährlichen Kontakt mit der Unterwelt (recht gut vorstellbar, dass bei der Giftigkeit der Pflanze der Kontakt manchmal ein ungewollt inniger wurde) und hielt nebenbei noch Dämonen, böse Geister und ungebetenen Besuch von Haus und Heim fern.

Den Namen Digitalis („digitus“ lateinisch für Finger) erhielt die Pflanze, deren Blüte an einen Fingerhut erinnert, vom deutschen Botaniker Leonhart Fuchs (1501–1566). In seinem 1543 in Basel erschienen New Kreutterbuch bildete der Begründer der wissenschaftlichen Kräuterkunde erstmals die Pflanze ab, beschrieb sie genau und empfahl auch bereits Abkochungen der Droge bei Epilepsie, Schwindsucht, Wunden und Geschwüren – aber auch gegen die Wassersucht. Dass die Anwendung des Fingerhutes als Brech- und Abführmittel zwar durchaus wirksam, aber keine therapeutische Wirkung, sondern bereits eine gefährliche Vergiftung war, ahnten damals weder Kräuterweiber noch Ärzte. Todesfälle nach Fingerhutabkochungen brachten die Pflanze in Verruf, und sie geriet um die Wende des 16. Jahrhunderts bald wieder in Vergessenheit.

Das Geheimnis einer Kräuterhexe

Die Bedeutung des Fingerhutes für die Heilkunde entdeckte erst der englische Arzt William Withering (1741–1799) im Jahr 1775 wieder, indem er das Geheimrezept einer alten Kräuterfrau wissenschaftlich unter die Lupe nahm. Das Gebräu aus 20 verschiedenen Kräutern setzte die alte Kräutersammlerin – „nachdem die ärztliche Kunst nichts mehr ausrichten konnte“ – oft tatsächlich mit Erfolg gegen die „Wassersucht“ ein. Withering erkannte, dass die wirksame Substanz des geheimen Heilmittels nur der giftige Fingerhut sein konnte. Zehn Jahre experimentierte er mit unterschiedlichen Zubereitungsarten verschiedener Teile der Pflanze und setzte sie als Abkochungen, Extrakte und zuletzt als Pulver ein. Seine klinischen Erfahrungen publizierte er 1785 in Birmingham, England. Die Abhandlung vom rothen Fingerhut und dessen Anwendung in der praktischen Heilkunde vorzüglich bei der Wassersucht und einigen anderen Krankheiten – die deutsche Übersetzung erschien bereits ein Jahr später in Leipzig und erregte gewaltiges Aufsehen in der Welt. Sein Beobachtungsbericht bei über 163 Patienten – er verabsäumte in seinem Buch auch nicht auf die Gefahren der giftigen Droge und die unerwünschten Nebenwirkungen hinzuweisen – machten Withering schließlich sogar weltberühmt. Durch seine genauen Anweisungen zur individuellen Dosisfindung – er steigerte die Dosis langsam bis zu den ersten Unverträglichkeitserscheinungen –, seine Angaben zum Sammeln und Trocknen der Blätter und nicht zuletzt auch seine Berichte über Fälle, die schlecht ausgegangen waren, machten aus dem gefährlichen Kräutlein der Volksmedizin eine gezielt einsetzbare anerkannte Arzneipflanze. Auch wenn Withering noch nicht wirklich wusste, dass die Ursache der Wassersucht eine Herzschwäche ist – er empfahl Digitalis nur als Mittel zur vermehrten Ausscheidung von Flüssigkeit –, gilt der Forscher heute als Schöpfer der Digitalistherapie bei der (erst später so genannten) Herzwassersucht.

Aber der gute Ruf der Pflanze währte nicht lange, denn neuerlich in Verruf kam sie durch die Versuche, die Indikationen für den Fingerhut, ungeachtet der Warnungen und Empfehlungen Witherings planlos auszuweiten und Digitalis gleichsam zu einem Allheilmittel – von der „Bronchitis bis zum Wahnsinn“ – zu machen. Es kam, wie es kommen musste: Nach zahlreichen Misserfolgen und ernsthaften Komplikationen verbannten viele Ärzte die wertvolle Droge aus der Therapie. Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen wieder Forschungen über die medizinische Brauchbarkeit des Fingerhutes. Im Jahr 1869 isolierte der französische Chemiker Claude Adolphe Nativelle (1812–1889) aus dem Fingerhut ein Wirkstoffgemisch, das als „Digitaline“ in den Handel kam. Bald wurde auch die Wirkung von Digitalis auf das Herz erkannt und im Tierversuch erfolgreich beforscht.

An Zucker gebundenes Gift

Nach hunderten Versuchen stellte der Berliner Internist Ludwig Traube (1818–1876) die bis dahin rein empirische Digitalistherapie auf eine wissenschaftliche Grundlage und führte sie 1875 an der Berliner Charité ein. Da die Herzglykoside – so genannt, weil sie in der Pflanze an Zucker gebunden vorliegen – im Fingerhut und natürlich auch in anderen Pflanzen in unterschiedlichen Konzentrationen vorkommen, versuchten Chemiker und Pharmakologen durch Isolierung der Reinsubstanz die geringe therapeutische Breite des Digitalis besser in den Griff zu bekommen. Im Jahr 1875 gelang es dem Pharmakologen Oswald Schmiedeberg (1838–1921) in Straßburg, das erste Digitalisglykosid aus dem Fingerhut in reiner Form zu kristallisieren. Er nannte es Digitoxin. Der Beginn der Entdeckung und Erforschung einer langen Reihe von wirksamen Herzglykosiden – nicht nur aus dem Fingerhut.

Fotos (3):  Nanut/Regal

Der englische Arzt William Withering (1741–1799) untersuchte als Erster wissenschaftlich den Fingerhut.

Das Narrenturm-Präparat zeigt die typischen Ausprägungen einer Kardiomyopathie.

Die Zeichnung eines Fingerhuts aus der Originalarbeit von William Withering aus dem Jahr 1775.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche

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