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Foto: <Variablenübersatz>
Hautkrebs des Gesichts
Foto: Pathologisch-Anatomisches Bundesmuseum, Wien

Krebs der Nase / Dr. Henning 1908

Foto: <Keine überschneidende Verknüpfung>
 
Geschichte 13. April 2011

Medizingeschichte als Spektakel

Ausstellung im Schlossmuseum Linz.

„Mythos Mensch“ – der Ausstellungstitel verheißt Großes. Doch groß ist allein die Enttäuschung beim Besucher: Die Schau im Linzer Schlossmuseum lotet nicht etwa dife Tiefen und Abgründe des Menschen aus, sondern setzt ganz auf den eher vordergründigen Reiz von Wachsmodellen.

 

Mum ist ein persisches Wort und bedeutet Wachs. Damit wissen wir auch, wie sich unser Begriff Mumie herleitet. Schon in der Antike war es in Persien und Ägypten üblich, prominente Tote einzubalsamieren, eben mit Wachs. Diese Technik der Konservierung ist also altbekannt. In der Renaissance kam sie wieder vermehrt auf, diesmal nicht zur Haltbarmachung von Toten, sondern von Körperteilen. In jener Zeit begannen die Gelehrten, den Körper des Menschen zu öffnen, um sein Innenleben genauer zu erforschen. Es war auch die Zeit der anatomischen Theater.

Kaiser Joseph II, ältester Sohn von Maria Theresia, besuchte seinen Bruder Peter Leopold, Großherzog der Toskana. Bei dieser Gelegenheit lernte er die stattliche Sammlung von medizinischen Wachsmodellen in Florenz kennen. Und war auf Anhieb fasziniert. So etwas wünschte er sich auch für Wien. Er engagierte die beiden Spezialisten Paolo Mascagni (1755–1815) und Felice Montana (1730–1805) und legte damit den Grundstein für den Aufbau einer eigenen Sammlung von medizinischen Wachsmodellen, die in erster Linie der Ausbildung von Militärärzten am 1785 gegründeten Josephinum dienten.

Diese Präparate sind nun im Schlossmuseum Linz zu sehen. Zusammen mit Wachsmoulagen aus dem Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm (das Ärzte-Woche-Leser aus der Serie von Dr. Regal und Dr. Nanut bestens kennen). Ende des 19. Jahrhunderts gingen Fachleute daran, mittels einer bestimmten Abgusstechnik Krankheitsbilder direkt an Patienten und Toten abzunehmen. Damals die einzige Möglichkeit, pathologische Veränderungen am Menschen naturgetreu darzustellen. Was einst Lehrzwecken diente, ist heute ein museal begehrter Kunstschatz.

Die Wachsmoulagen, deren Mixtur lange Zeit ein streng gehütetes Geheimnis war, das erst 1998 in Zürich gelüftet wurde, dokumentieren in erster Linie Haut- und Geschlechtskrankheiten, weiters krankhafte Veränderungen im Mund- und Kieferbereich. Für heutige Betrachter, vor allem wenn sie keinen medizinischen Fachblick üben, haben sie in erster Linie etwas Obskures. Ein Reiz, auf den die Ausstellungsmacher im Linzer Schlossmuseum setzen. Und dann auch wieder nicht. Ganz wohl schien ihnen bei dem Gedanken nicht gewesen zu sein, nur eine Wunderwelt, eine Art Spektakel zu zeigen. Also gaben sie der Ausstellung einen Titel, der Seriosität verspricht, „Mythos Mensch“ – allerdings ohne die solcherart geweckten Erwartungen auch nur im Ansatz erfüllen zu können. Jeder Raum ist einem Kapitel der Medizingeschichte gewidmet, etwa der Augenheilkunde oder der Chirurgie, doch die Ausführungen bleiben schon infolge des geringen Platzes völlig an der Oberfläche. Da wird gezeigt, wie Augenoperationen im Babylonischen Reich um 1700 vor Christus und Staroperationen im antiken Rom aussahen – es wird ein gewaltiger Bogen geschlagen, jedoch dem Besucher kein tieferer Einblick vermittelt. Hinzu kommt, dass die Wandtafeln kaum mehr Information bieten als jede Menge Jahreszahlen – eine inspirierte und sinnliche Aufarbeitung des Themas sieht anders aus. So bleibt die Ausstellung seltsam unentschieden. Sie möchte einerseits unsere Sehlust, unsere geheime Lust am Schauder befriedigen und andererseits eine seriöse Darstellung der Medizingeschichte liefern – bleibt dabei aber in der Mitte stecken. Ist somit nichts von beidem. Unter dem Strich eine eher ärgerliche Sache.

 

Schlossmuseum Linz: „Mythos Mensch. Stationen der Medizingeschichte“, Schlossberg 1, 4010 Linz. Bis 25. April 2011

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 15 /2011

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