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Baranysche Lärmtrommel behindert Mithören des 2. Ohrs bei Hörprüfung.

Fotos (3): beigestellt

Beim Anhalten des sich drehenden Stuhls wechselt die Richtung des Augennystagmus, entdeckte und erforschte Bárány.
Foto: Nanut/Regal

Arzt und Neurobiologe Robert Bárány erhielt 1914 als erster Österreicher den Medizinnobelpreis.

Die Baranygasse im 22. Bezirk wurde nach dem ersten österreichischen Nobelpreisträger für Physiologie bzw. Medizin benannt.

 
HNO 6. April 2011

Der Entdecker des sechsten Sinns

Vor 75 Jahren starb Robert Bárány, der Begründer der Otoneurologie.

Er entdeckte tatsächlich den sechsten Sinn. Dafür erhielt er 1914 als erster Österreicher den Nobelpreis für Physiologie bzw. Medizin. Hässliche Streitigkeiten um Prioritäten, Anzeigen, Missgunst, Neid und vermutlich auch eine gehörige Portion Antisemitismus vertrieben ihn aus Wien. Er folgte einem Ruf an die berühmte Klinik für Ohren-, Nasen- und Kehlkopfkrankheiten der Universität von Uppsala in Schweden. Vielfach geehrt und ausgezeichnet wirkte Robert Bárány (1876 - 1936) hier als Arzt, Lehrer und Forscher bis zu seinem Tod am 8. April 1936.

 

In seinem Nobel-Vortrag berichtete Robert Bárány: „Unter meinen Patienten befanden sich viele, bei denen ich eine Ausspülung des Ohres vornehmen musste. Eine Anzahl dieser Patienten klagte nach dem Ausspülen über Schwindel. Es lag für mich nahe, ihre Augen anzusehen, und da bemerkte ich einen Augennystagmus von bestimmter Richtung. Ich notierte mir diese Beobachtung. Nach einiger Zeit verglich ich sie untereinander und war überrascht, überall diese Beobachtung verzeichnet zu finden. Da erkannte ich, dass diesen Beobachtungen ein allgemeines Gesetz zugrunde liegen müsse.“ Was Bárány hier beschrieb, hatten vermutlich schon hunderte Ärzte vor ihm beobachtet, aber nicht weiter beachtet. Bárány begann aber nach dem Grund dieses merkwürdigen Phänomens zu suchen. Bald bemerkte er, dass der Nystagmus bei Spülung mit kaltem Wasser in der umgekehrten Richtung auftrat wie bei Spülung des Ohres mit heißem Wasser. Weder Schwindel noch Nystagmus traten auf, wenn er mit körperwarmem Wasser spülte.

Rätselhafte Funktion

Lange Zeit hatten viele Ärzte eine geradezu mystische Vorstellung vom Gleichgewichtsorgan. Noch 1893 wurde seine Existenz selbst von einigen führenden Physiologen geleugnet. Der Vestibularapparat im Innenohr war den Anatomen zwar seit langem bekannt, seine Funktion aber war rätselhaft und Anlass für zahlreiche Hypothesen und Vermutungen. Für die Haltung des Kopfes, des Halses und der Augen machten Physiologen einen überaus komplizierten Steuerungsmechanismus des Großhirns verantwortlich. Allerdings behielten damals schon Wirbeltiere –völlig überraschend – auch eine annähernd normale Kopfhaltung, wenn ihnen das gesamte Großhirn operativ entfernt wurde. Es musste also außerhalb des Großhirns ein Organ geben, das die Stellung des Körpers im Raum kontrolliert und reguliert. Wo dieses seltsame Organ aber anatomisch lag, war unbekannt. Zahlreiche Einzelbeobachtungen und theoretische Grundlagen zu diesem Thema gab es bereits. Aber erst Bárány gelang es, in der Zusammenschau und in bahnbrechenden eigenen Beobachtungen und Untersuchungen das Rätsel des bis dahin kryptischen und geheimnisvollen Gleichgewichtsorgans im Innenohr zu entschlüsseln. Mit seinen Untersuchungen über den vom Vestibularapparat des Ohres reflektorisch ausgelösten rhythmischen Nystagmus und seine Begleiterscheinungen, die er 1906 publizierte, revolutionierte er die Ohrenheilkunde und schuf ein neues Wissensgebiet, die Otoneurologie. Jetzt konnten Ärzte mit der von Bárány entwickelten „kalorischen Methode“ mit einfachen Mitteln die Funktion des Gleichgewichtsorgans beurteilen. Erstmals war es damit möglich, gefährliche Innenohrerkrankungen bereits in Frühstadien zu erkennen. 1909 habilitierte sich Robert Bárány in Wien für Ohren-, Nasen- und Kehlkopfkrankheiten. Die 1907 erschienene Publikation Physiologie und Pathologie des Bogenapparates brachte ihm 1914 den Nobelpreis ein.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrach Báránys Forschungsarbeiten an der otologischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Er meldete sich, trotz seines nach einer Knochentuberkulose versteiften Kniegelenks, freiwillig als Chirurg zur österreichischen Armee. Im Jahr 1915 geriet er in russische Kriegsgefangenschaft. In einem Lager erfuhr er die Nachricht von dem ihm bereits 1914 zugesprochenen Nobelpreis. Durch persönliche Intervention des schwedischen Kronprinzen beim Zaren kam er vorzeitig aus der Kriegsgefangenschaft frei und konnte 1916 den Nobelpreis persönlich in Stockholm entgegennehmen.

Seine Rückkehr nach Wien war aber trotz des Nobelpreises alles andere als triumphal. Die lieben Wiener Kollegen empfingen ihn mit Neid, Anschuldigungen und Anzeigen. Man warf ihm vor, Forschungsarbeiten von Kollegen abgekupfert zu haben, verweigerte ihm den Professorentitel und überging ihn bei der Besetzung einer Klinik. Der Senat der Fakultät verurteilte ihn 1918 wegen „großer Nachlässigkeit mit dem geistigen Eigentum Anderer und bei der Beschaffung von wissenschaftlichem Material“. Ob es wirklich nur Neid und Missgunst wegen des ihm zuerkannten höchsten wissenschaftlichen Preises waren, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit beantworten. Tatsächlich dürfte Bárány in den Literaturangaben seiner Publikationen auf einige Arbeiten „vergessen“ haben. Aber selbst einer der „Vergessenen“ glaubte nicht, dass Bárány ihn absichtlich nicht zitiert hatte. Der Prioritätenstreit über die Entdeckung des kalorischen Nystagmus erregte damals nicht nur die Fachwelt. Er wurde sogar Thema in der Karikatur. „Alle Ohrenkrankheiten habe ich ergründet – nur die Taubheit der Wiener Fakultät nicht!“, ließ der Zeichner einer Tageszeitung den Privatdozenten Bárány in seiner Studierstube klagen.

Der am 22. April 1876 in Wien geborene Robert Bárány studierte in Wien Medizin und promovierte hier im Jahr 1900. Danach hospitierte er beim Internisten Carl von Noorden in Frankfurt und beim Psychiater Emil Kraepelin in Freiburg. Hier beschäftige er sich auch mit neurologischen Erkrankungen. Um 1903 besuchte er auch Vorlesungen von Sigmund Freud in Wien. Kurze Zeit arbeitete er als Operationszögling bei Carl Gussenbauer im Allgemeinen Krankenhaus und 1905 erhielt er schließlich eine Assistenzarztstelle bei Adam Politzer (1835 bis 1920) an der 1873 gegründeten ersten Ohren-Klinik der Welt im Allgemeinen Krankenhaus in Wien.

Hier begann Bárány seine Untersuchungen und Beobachtungen über das Gleichgewichtsorgan, die ihn weltberühmt machen sollten. Seine Entdeckungen über den Vestibularapparat erregten unglaubliches Aufsehen in der medizinischen Welt und schufen die Grundlagen für die Labyrinthchirurgie. Durch die bemannte Raumfahrt wurden Báránys Forschungen wieder brandaktuell und seine Untersuchungen auch für den extraterrestrischen Bereich interessant. Die Probleme des Gleichgewichtsorgans in der Schwerelosigkeit gaben der von Bárány begonnenen Vestibularisforschug neue Impulse.

Bárány-Medaille

Am 8. April 1936, die Vorbereitungen für einen internationalen Kongress zu Ehren seines 60. Geburtstags waren gerade in vollem Gang, starb Bárány nach einer Serie von Schlaganfällen. Seit 1948 verleiht die Universität Uppsala alle fünf Jahre die goldene „Bárány-Medaille“ für die beste Arbeit über den Vestibularapparat im weitesten Sinn und die Bárány-Society veranstaltet seit 1960 regelmäßig Kongresse über vestibularis- und otoneurologische Forschungen. Nichts zeigt wohl die Wertschätzung besser, die Bárány auch heute noch weltweit genießt.

Nobelpreisträger als Namensgeber
Eine Reihe von Krankheitsbildern und Untersuchungsmethoden sind nach Bárány benannt. So das Bárány-Syndrom, bei Schädigung des Nervus vestibularis im Kleinhirnbrückenwinkelgebiet, die Bárány-Lärmtrommel zur Ausschaltung der akustischen Wahrnehmung eines Ohres durch Lärm bei einer Hörweitenprüfung, der Bárány-Zeigeversuch zum Nachweis von Kleinhirnerkrankungen und der Bárány-Drehstuhl für die Drehstarkreizprüfung. Zum Einsatz kommt der Drehstuhl vorwiegend in der Pilotenausbildung. Angehende Piloten werden damit trainiert, sich unter Flugbedingungen nicht auf ihren Gleichgewichts- und Orientierungssinn, sondern nur auf Instrumente zu verlassen.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 14 /2011

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