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Fotos (3):  Nanut/Regal
Grabplatte in dem Museum Bad Deutsch-Altenburg aus dem ersten Jahrhundert nach Christus. Hier ruht der Arzt Eucratus, Sklave des Arztes L. Iulius Euthemus, 25 Jahre alt. Sein Herr L. Iulius Euthemus hat ihm wegen seiner Verdienste diesen Grabstein gesetzt
 
Geschichte 3. März 2009

Römische Medizin vor den Toren Wiens

Eucratus, Euthemus und Optatus, die ältesten namentlich bekannten Ärzte Österreichs.

Einmal abgesehen von den anatomischen Besonderheiten der Cranien aus den römischen Gräbern in Carnuntum erinnern die sterblichen Überreste zweier Römer im Narrenturm auch daran, dass vor 2.000 Jahren ein paar Kilometer von Wien entfernt – im Bereich des heutigen Petronell in Niederösterreich – eine römische Großstadt lag.

 

An die 50.000 Menschen bevölkerten in der Zeit um Christi Geburt das „Klein-Rom“ Carnuntum, in dem nicht nur römische Legionen zum Schutz gegen die germanischen Markomannen stationiert waren, sondern auch wertvolle Güter wie Bernstein, Gold und Gewürze gehandelt wurden und Tierhetzen sowie blutige Gladiatorenspiele stattfanden.

Die medizinische Versorgung in dieser „Weltstadt im Lande der Barbaren“ ist durch zahlreiche Funde – Carnuntum wird gelegentlich auch das „Pompeji vor den Toren Wiens“ genannt – gut dokumentiert. Im Rom des fünften bis dritten Jahrhunderts v. Chr. gab es überraschenderweise keine Ärzte. Es war das Familienoberhaupt – der „pater familias“ –, der seine Familie und seine Sklaven mit altbewährten Hausmitteln behandelte. Wenn die nichts nutzten, versuchte er die gefährlichen Krankheitsdämonen mit Zaubersprüchen abzuwenden oder bat die zuständigen Heilgötter mit Weihegaben um Hilfe.

Die wissenschaftliche Medizin brachte erstmals griechische Sklaven im zweiten Jahrhundert v. Chr. nach Rom. Der Arztsklave – servus medicus – war zwar meistens kein Vollarzt, sondern Angehöriger eines niederen Heilgewerbes. Trotzdem waren seine Therapien meist besser als die übliche Volksmedizin und weit effektiver als die obskuren medizinischen Zaubereien der Priester. Der Arztsklave wurde bald zum unentbehrlichen Besitz im Haus wohlhabender römischer Bürger. Geachtet war der Beruf dennoch nicht. Die Anschauung der alten Römer, dass jede Berufstätigkeit eines freien Bürgers gegen Entgelt unwürdig und daher Sklaven oder Fremden zu überlassen sei, konnte sich aber auf Dauer nicht halten. Durch die Gleichstellung der Ärzte mit den übrigen freien Berufen – Rhetoren, Landvermesser, Lehrer und Anwälte – wurde der Berufsstand in Rom erstmals anerkannt. Eine geregelte Ausbildung gab es zwar nicht, aber durch die lange Lehrzeit bei anderen Ärzten ereichten die Mediziner meist einen recht guten beruflichen Standard.

Mit den Legionären kamen professionelle Ärzte in die Provinzen und somit auch nach Carnuntum. Durch Grabinschriften sind zumindest drei Mediziner – und somit die ältesten namentlich bekannten Ärzte Österreichs – für die Zivilstadt bekannt: Der Sklave und Arzt Eucratus, sein Herr, der Arzt Lucius Julius Euthemus, der wahrscheinlich seinen Sklaven selbst als Arzt ausgebildet hatte und ihm für seine Verdienste ein Grabdenkmal setzte, auf dem er ihn wie sich selbst Medicus nannte. Als dritten Zivilarzt, der vermutlich seinen Beruf als Selbständiger in Carnuntum ausübte, gab es einen gewissen Lucius Julius Optatus. Neben den selbständigen Ärzten wirkten aber auch angestellte Ärzte und Sanitäter für die Legionäre und Gladiatoren.

Kriegsdienst leisteten römische Ärzte nicht ungern. So bekamen sie Übung in der Behandlung von Verletzungen und durften die Leichen der gefallenen Feinde sezieren. Der Posten eines Gladiatorenarztes war aus diesen Gründen sehr beliebt. Die Gladiatoren, die Superstars der römischen Antike – vergleichbar den heutigen Spitzensportlern – verfügten über die beste medizinische Betreuung. Funde wie Gladiatorenstatuetten und Abbildungen der Kämpfer auf Öllampen und Tellern zeigen die Heldenverehrung, die sie in der Bevölkerung genossen. Untersuchungen von Skeletten beweisen die exzellente medizinische Versorgung. Fachgerechte Versorgung von Wunden und Knochenbrüchen gehörten ebenso dazu wie Massagen, Physiotherapie und eine ausgewogene Ernährung.

Die Römer betrieben bereits eine hervorragende Medizin

Krankenhäuser in unserem Sinn gab es in der römischen Antike nicht. Im militärischen Bereich wurden die Legionäre in Lazaretten – „valetudinarien“ – behandelt und gepflegt. Ein solches Lagerlazarett mit Krankenzimmern an beiden Seiten eines Korridors fand man auch in Carnuntum. Wie in den Ordinationen („taberna“) der Zivilärzte und in den Lazaretten des alten Roms behandelt wurde, wissen wir heute von Claudius Galenus (um 129 bis 199 n. Chr.) und vor allem durch den größten römischen Medizinschriftsteller – ob er selbst Arzt war, ist umstritten – und Universalgenie Aulus Cornelius Celsus (3 bis 64 n. Chr.). In seinem Werk mit dem Titel De medicina libri octo, einem universellen Handbuch der Heilkunde, erörterte er viele Krankheitsbilder und deren Therapiemöglichkeiten mithilfe von Diäten und Medikamenten. Aber auch chirurgische Eingriffe und die Behandlung von Wunden, Verrenkungen und Brüchen handelte er ab, auch nach heutigen Gesichtpunkten durchaus fortschrittlich. Funde von Hunderten medizinischen Instrumenten berichten von den teilweise bereits hochspezialisierten medizinischen Tätigkeiten in Carnuntum: Pinzetten, Wundhaken, Zangen, Skalpelle, Katheter, Sonden, Knochenmeißel, Schröpfköpfe, Haken, Spatel und Ohrlöffel – manche den heutigen Instrumenten gar nicht unähnlich – können im archäologischen Museum in Bad Deutsch-Altenburg besichtigt werden. Es gibt kein Land dieser Erde, aus dem Archäologen die medizinischen Instrumente so gut kennen wie aus der römischen Kaiserzeit des 1. bis 4. nachchristlichen Jahrhunderts. Das liegt an einem einmaligen Brauch im römischen Reich: verstorbenen Ärzten wurde ihr Instrumentarium ins Grab mitgegeben.

Fotos (3):  Nanut/Regal

Grabplatte in dem Museum Bad Deutsch-Altenburg aus dem ersten Jahrhundert nach Christus. Hier ruht der Arzt Eucratus, Sklave des Arztes L. Iulius Euthemus, 25 Jahre alt. Sein Herr L. Iulius Euthemus hat ihm wegen seiner Verdienste diesen Grabstein gesetzt.

Verstorbenen Ärzten wurde ihr Instrumentarium ins Grab gelegt, weshalb wir über die römische Medizin so exzellent Bescheid wissen.

Im Narrenturm findet sich ein Schädel aus einem Römergrab. Der Fund stammt aus Carnuntum, seine Echtheit wird mit einem Brief von 1883 dokumentiert.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche

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