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Foto:  Nanut/Regal
Die Fregatte Novara. Vorsatzblatt einer Volksausgabe von Karl Scherzers Reisebericht aus dem Jahr 1930.
 
Geschichte 5. Februar 2009

Die letzte wissenschaftliche Weltumsegelung

Mehr oder weniger Medizinisches von der Reise der Fregatte „Novara“.

In der „Hyrtl-Sammlung“ im Narrenturm finden sich auch einige menschliche Schädel, die während der Weltumsegelung der österreichischen Fregatte „Novara“ in den Jahren 1857 bis 1859 gesammelt wurden. Die Cranien aus Asien, Afrika, Ozeanien und Südamerika wurden für anthropologische Untersuchungen erworben. Kurios ist der Schädel mit einer Hyperostosis frontalis interna – von Josef Hyrtl (1810 - 1894) auch Bucephalus, Stierschädel genannt –, der angeblich im Bauch eines Haifisches gefunden wurde.

 

Am 30. April 1857 begann das österreichische Segelkriegsschiff „Novara“ von Triest aus seine Weltumsegelung. Obwohl der Gewinn neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse auf dem Gebiet der Geologie, Botanik, Ethnologie, Zoologie und Medizin erst an dritter Stelle stand – Hauptzweck der Expedition war das Erwerben praktischer seemännischer Kenntnisse für Offiziere und Kadetten der österreichischen Kriegsmarine und an zweiter Stelle stand die weltweite Anbahnung wirtschaftlicher Kontakte - war auch die wissenschaftliche Ausbeute der Weltreise gewaltig. Als die „Novara“ am 26. August 1859 wieder in Triest ankam, brachte sie neben verschiedensten Industrieprodukten 26.000 zoologische Objekte, darunter 320 Säugetiere, 1.500 Vögel, 950 Amphibien, 2.000 Fische und etwa 13.000 Insekten mit. Allein von den 1.868 mitgebrachten Fliegenarten waren 467 noch nicht bekannt. Herbarien, Samen, tropische Hölzer, Drogen aus Indien, China und Chile kamen mit der „Novara“ ebenso nach Wien wie Amulette, Idole, Arbeitsgeräte, Kleidungsstücke, Musikinstrumente und andere ethnographische Objekte. Neben tausenden mineralogischen, petrographischen und paläoontologischen Stücken wurden auch 100 interessante menschliche Schädel für anthropologische Untersuchungen gesammelt.

Kein Rassismus

Die Bearbeitung der wissenschaftlichen Objekte dauerte Jahre. Zwischen 1861 und 1876 erschienen dann die 21 Bände der „Reise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde in den Jahren 1857, 1858, 1859 unter dem Befehl des Commodore B. v. Wüllersdorf-Urbain.“ Diese Weltumsegelung ist eng verbunden mit der Entwicklung der wissenschaftlichen Anthropologie in Österreich. In dem aus drei Bänden bestehenden „Anthropologischen Theil“ des Berichts beschrieb etwa der Anatom Emil Zuckerkandl (1848-1810), Hyrtl-Schüler und Prosector am Wiener Anatomischen Institut, jene Cranien, die Karl von Scherzer (1821– 1903), der offizielle Chronist der Reise und bedeutendste Wissenschaftler an Bord, erworben hatte. Scherzer war auch für die Bereiche „Handelspolitik“ und „Länder- und Völkerkunde“ zuständig. „Die Körpermessungen an Individuen verschiedener Menschenracen“ führte der Korvettenarzt und Botaniker Eduard Schwarz (1831–1862) durch. Wegen des frühen Todes von Schwarz – er starb 31-jährig an Tuberkulose – erhielt das Anatomische Institut in Wien den Auftrag, die Aufarbeitung der Cranien und der von Schwarz und Scherzer durchgeführten Körpermessungen zu übernehmen. Mit der Auswertung der Ergebnisse beauftragte man Zuckerkandl. Erwähnenswert ist, dass Zuckerkandl aus seinen Untersuchungen damals keine rassistischen Schlussfolgerungen zog. Er hielt sogar fest, dass es keinerlei Anhaltspunkte gäbe, dass sich die Nahtverhältnisse an den Schädeln von „civilisierten und nicht civilisierten“ Völkern unterscheiden.

Seuchenbeobachtung

Weniger spektakulär war die praktisch verwertbare medizinische Ausbeute der Weltumsegelung. Der berühmte Pathologe Carl v. Rokitansky (1804–1878) hatte als Präsident der „Gesellschaft der Ärzte zu Wien“ der Expedition eine umfangreiche Liste mit medizinischen Fragen mitgegeben. So sollten etwa die Ursachen von Skorbut, Seekrankheit und Hemeralopie (Nachtblindheit) und das Auftreten von Ruhr, Typhus, Gelbfieber und Cholera erforscht werden. Interesse bestand auch am Verlauf von entzündlichen Haut- und Augenkrankheiten in den Tropen. Proben des südamerikanischen Pfeilgiftes Curare sollten erworben werden, um das Gift in Wien genau untersuchen zu können. Die Gesellschaft der Ärzte erbat auch Berichte über in Europa wenig bekannte Heilmittel und -methoden. Da der Expeditionsarzt Schwarz, wie fast alle Ärzte in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die Ursachen von Krankheiten in Miasmen und Krasen suchte, gab es aus heutiger Sicht oft kuriose Erklärungen. Miasmen bezeichneten ja üble Gerüche und Ausdünstungen und die Krasenlehre Rokitanskys versuchte die Ursachen von Krankheiten, für die keine anatomischen Veränderungen gefunden wurden, mit chemischen Veränderungen des Blutes zu erklären. So erklärte Schwarz etwa die Ursache des Skorbuts mit Miasmen, die durch große Menschenanhäufungen an Bord entstünden, überdies sollten meteorologische Konstellationen eine Rolle spielen. Auch verdächtigte er die Schädlichkeit des Mondlichtes als einen Grund für die Nachtblindheit. Die Miasmen- und Krasenlehre erwies sich jedenfalls als völlig ungeeignet, um Tropen- oder Bordkrankheiten zu erklären, geschweige denn zu behandeln.

Das wichtigste wissenschaftliche Mitbringsel der Weltumsegelung war zweifellos das Kokain. Mit den 60 Pfund Kokablättern, die Scherzer mit der „Novara“ aus Südamerika nach Europa gebracht hatte, konnte ein Jahr später im chemischen Institut von Friedrich Wöhrer (1800–1882) in Göttingen das Kokain isoliert werden. Interessant ist, dass Scherzer bereits lange Zeit vor Sigmund Freud (1856–1939) und Karl Koller (1857–1944) die anästhetische Wirkung von Kokain bemerkte. In einer Fußnote seines Berichts über die „Novara“-Expedition schrieb Scherzer bereits 1862: „Das Cocain krystallisirt in farb- und geruchlosen kleinen Prismen. Seine Auflösung in Alkohol reagiert stark alkalisch und ist von einem eigenen bitterlichen Geschmack. Dabei übt es auf die Zungennerven die merkwürdige Wirkung aus, dass die Berührungsstelle nach wenigen Augenblicken wie betäubt, fast gefühllos ist.“ Erst 22 Jahre später „erfand“ Koller dann in Wien die Lokalanästhesie mit Kokain.

Die erste und zugleich letzte

Als die „Novara“ ihre Weltumsegelung begann, war die Zeit der großen wissenschaftlichen Entdeckungsreisen zur See – nur allzu oft waren es aber wissenschaftlich getarnte „Beutezüge“ – bereits vorbei. Die erste Fregatte, die unter österreichischer Flagge und mit deutscher Dienstsprache an Bord die Welt umsegelte, war zugleich die letzte wissenschaftliche Weltumsegelung der Geschichte.

 

Foto:  Nanut/Regal

Die Fregatte Novara.
Vorsatzblatt einer Volksausgabe von Karl Scherzers Reisebericht aus dem Jahr 1930.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche

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