zur Navigation zum Inhalt
Fotos: (2)  Nanut/Regal
Eine der ältesten Anleitungen zur Tracheotomie. Fabricius ab Aquapendente hielt sie für gefahrlos, da „keine edlen Organe verletzt werden“.
 
HNO 29. Jänner 2009

Rettendes „Halsabschneiden“

Der Luftröhrenschnitt im Spiegel der Geschichte.

Der Luftröhrenschnitt ist einer der ältesten chirurgischen Eingriffe am Menschen. Waren es zunächst Fremdkörper in den Atemwegen, die zur – praktisch immer notfallmäßig durchgeführten – „Eröffnung der Luftröhre“ führten, zwang später vor allem die Diphtherie zu diesem lebensrettenden Eingriff. Erst 1909 setzte sich ein standardisiertes Verfahren für die Tracheotomie durch.

 

Für Fabricius ab Aquapendente (1537 –1619), Anatom und Chirurg in Padua, war die Tracheotomie ein gefahrloser Eingriff, „da keine edlen Organe dabey verletzt werden“ und „plötzlich das Leben dadurch gerettet werde, welches schon verloren schien“. Dachte Fabricius da vor allem an „fremde Körper, die in die Luftröhre gefallen sind oder dieselbe voll zähem Schleim steckt“, so war es später die Diphtherie, die für die technische Entwicklung der Operation von immenser Bedeutung war. In seiner „Opera chirurgica“ schrieb Fabricius: „Unter allen Operationen der Chirurgie habe ich immer diejenige für die vorzüglichste gehalten, welche denjenigen welche auf dem Punkte sind zu sterben, eine rasche Heilung gewährt, was den Arzt vollständig ähnlich einem Aesculap macht. Nun, nach dieser Art ist die Eröffnung der Luftröhre.“

Die ersten Aufschneider

Die Tracheotomie gilt heute als einer der ältesten chirurgischen Eingriffe am Menschen. Dass die beiden ägyptischen Tafeln aus der Zeit der ersten Dynastie (2950–2800 v. Chr.) – auf beiden Tafeln sitzen oder knien sich zwei Menschen gegenüber, wobei einer mit einem Gegenstand, der wie ein Messer aussieht, den oberen Thoraxbereich seines Gegenübers berührt – einen Luftröhrenschnitt darstellen, ist unter Experten aber heftig umstritten. Auch der Hinweis auf eine Operation im Halsbereich im berühmten medizinischen Papyrus Ebers (datiert auf etwa 1550 v. Chr.) lässt sich nicht zweifelsfrei als Tracheotomie deuten. Aus den Schriften Galens (129–199 n. Chr.) weiß man heute, dass der in Rom praktizierende Leibarzt Ciceros Asklepiades (128 – um 60 v. Chr.) – ein Großteil seiner Schriften sind nur als Fragmente oder aus Zitaten anderer Autoren bekannt – die Eröffnung der Luftröhre als letztes Mittel empfahl, um eine Erstickung zu verhindern. Dies ist vermutlich wirklich die früheste Erwähnung einer Tracheotomie. Ein Zeitgenosse Galens, der griechische Chirurg Antyllus, beschrieb dann erstmals detailliert die Operationstechnik des Luftröhrenschnittes. Über die Araber – hier sind vor allem Avicenna (980–1037) und der Chirurg Albukasis (936–1013) zu nennen – gelangten die Kenntnisse der antiken griechischen Ärzte ins Abendland. Unter dem Namen „Subscannatio“ – Halsabschneiden – beschrieb sie der Inhaber des medizinischen Lehrstuhles in Padua Pietro da Abano (1250–1315). Die Position des Patienten, die er für den Eingriff empfahl – sitzend und den Kopf über die Rückenlehne des Sessels überstreckt – wurde bis ins 19. Jahrhundert beibehalten.

George Washington: Das falsche Gewebe aufgeschnitten

Zur Routineoperation bei der Diphtherie wurde die Tracheotomie allerdings erst am Beginn des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Der französische Arzt Pierre Bretonneau (1778–1862) etablierte gemeinsam mit seinem Schüler Armand Trousseau (1801–1867) ein standardisiertes Vorgehen, das sich dann auch international durchsetzte. Wie wenig anerkannt und umstritten der Luftröhrenschnitt aber damals noch immer war, zeigt die Geschichte vom Tod George Washingtons im Jahr 1799. Er litt an einer vermutlich durch Streptokokken ausgelösten Laryngitis. Gestorben ist er – aus heutiger Sicht wohl nicht ganz überraschend –, nachdem ihm seine Ärzte innerhalb von zwölf Stunden vier Aderlässe verpasst hatten und er dabei mehr als 2.300 ml Blut verlor. Der Vorschlag eines seiner Leibärzte, einen Luftröhrenschnitt durchzuführen, wurde von den anderen abgelehnt.

Im deutschsprachigen Bereich waren es vor allem der deutsche Chirurg Wilhelm Braun (1799–1883) und Franz von Pitha (1810-1875) in Prag, die die Tracheotomie – Pitha nannte sie Bronchotomie – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als lebensrettende Maßnahme beim diphtherischen Krupp etablierten. Da bei der immer wieder epidemisch auftretenden Diphtherie Tausende Kinder qualvoll erstickten, setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass jeder Arzt die Tracheotomie beherrschen müsse. Die Operationsmethode, die der amerikanische Laryngologe Chevalier Jackson (1865–1958) schließlich im Jahr 1909 publizierte, wurde dann zum Standardverfahren, das weitgehend bis heute gültig ist. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war die Tracheotomie vorwiegend eine Notfalloperation. Sie entschied über Leben und Tod. Diese Indikation ist heute eher die Ausnahme. Heute ist die Tracheotomie – abgesehen von geplanten Eingriffen im Pharynx- und Larynxbereich – die am häufigsten durchgeführte Operation bei langzeitbeatmeten Intensivpatenten.

„Günthers Lehre von den Blutigen Operationen am menschlichen Körper“, erschienen 1864, vermerkte neben anatomischen Hinweisen im Kapitel über den Kehlkopf- und Luftröhrenschnitt: „Im übrigen erwirbt man sich nur am Krankenbette, wo man in der Nacht bei schlechtem Lampenlichte operieren muss, wo durch Blutegel das subcutane Zellgewebe blutig infiltriert ist, wo der Brustkasten ängstlich auf- und niedersteigt und die schneidende Hand stösst, wo die grosse Athemnoth und plötzliche Suffocationszufälle zur einstweiligen Sistierung der Operation nöthigen, von den übrigen Verhältnissen die richtige Vorstellung und Erfahrung.“ Auf diese Erfahrungen müssen die meisten Operateure heute zum Glück verzichten.

Fotos: (2)  Nanut/Regal

Eine der ältesten Anleitungen zur Tracheotomie. Fabricius ab Aquapendente hielt sie für gefahrlos, da „keine edlen Organe verletzt werden“.

Ausstellungsstück aus dem „Narrenturm“ in Wien: Nekrose einer Trachea nach einer Tracheotomie.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben