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Fotos (2):  Nanut/Regal
„Der fahrbare pneumatische Apparat, bestimmt zur Vornahme schmerzloser chirurgischer Operationen in den Pariser Spitälern.“ Das Bild stammt aus der Regensburger Wochenzeitschrift Der Deutsche Hausschatz, Jahrgang 1879/80.
 
Anästhesie 22. Jänner 2009

Die erste mobile Überdruckkammer

Der pneumatische Apparat zur schmerzlosen Operation.

Völlig unbeachtet hängt in einer nur als Lager genutzten Zelle des Narrenturms der Druck einer kolorierten Zeichnung, die auf den ersten Blick an eine Illustration aus einem utopischen Roman von Jules Verne erinnert. Auch die Bildunterschrift weist zunächst in diese Richtung: „Der fahrbare pneumatische Apparat, bestimmt zur Vornahme schmerzloser chirurgischer Operationen in den Pariser Spitälern“. Recherchen in der Geschichte der Anästhesie ergaben aber bald ein anderes Bild. Die mobile Überdruckkammer gab es wirklich, und sie wurde tatsächlich um 1880 in Paris für Narkosen eingesetzt.

 

Das Bild stammt aus der Regensburger Wochenzeitschrift Der Deutsche Hausschatz Jahrgang 1879/80. Karl-May-Afficionados ist die Zeitschrift ein Begriff, da der Schriftsteller hier von 1878 bis 1909 viele seiner fiktiven Reiseerzählungen und Abenteuer veröffentlichte und Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar im Jahr 1881 in dieser katholischen Familienzeitschrift „das Licht der Welt“ erblickten. In der Rubrik „Allerlei“ berichtete die Redaktion damals: „Der französische Physiker Paul Bert in Paris hat ein Verfahren entdeckt, Kranke, an denen eine schmerzhafte Operation vorgenommen werden soll, durch Einathmung von sogenanntem Lustgas (Stickstoffoxidul) ganz gegen den Schmerz unempfindlich zu machen, ohne die Patienten der Gefahr des Erstickens auszusetzen. Zu diesem Zweck wird die Operation in einem Raume vorgenommen, der mit einer stark komprimierten Mischung von Lustgas und Sauerstoffgas erfüllt ist. Um die Anwendung dieser Methode in den verschiedenen Hospitälern zu erleichtern, hat nun neuerdings Dr. Fontaine in Paris einen fahrbaren pneumatischen Apparat konstruiren lassen, der mit Leichtigkeit von einer Anstalt zur anderen gebracht werden kann, wo man seiner gerade bedarf ... Die erforderliche Komprimierung der Luft darin wird durch die hinter dem Apparat angebrachte und von sechs Mann bediente Luftpumpe bewirkt und durch einen verstellbaren Hahn reguliert. Die Einathmung der Mischung von Lustgas und Sauerstoff, welche in dem unter dem Bette des Patienten befindlichen Kautschuksacke enthalten ist und durch ein außerhalb des Wagens befindliches Reservoir ergänzt werden kann, erfolgt durch einen, Mund und Nase des Patienten umschließenden Kautschukbehälter mit einem Zuführungsschlauche, und der Kranke kann unter diesen Verhältnissen, ohne Schaden zu nehmen, die Einathmungen fortsetzen, solange die Operation Bewußtlosigkeit erheischt.“

Nachdem die erste öffentliche Lachgasnarkose des amerikanischen Zahnarztes Horace Wells (1815–1848) im Jänner 1845 in einem furchtba- ren Fiasko endete – er scheiterte an einem fetten und trunksüchtigen Studenten, der beim Ziehen seines Weisheitszahnes „brüllte, als ob er am Spieße stäke“ –, wurde es fast zwanzig Jahre still um das Lachgas als Narkotikum.

Sehr kurze Operationen möglich

Erst 1862 führte Gardener Quincy Colton (1814–1898), der Schaubudenbesitzer, durch den schon Wells auf die anästhesierende Wirkung des Lachgases aufmerksam wurde, das Stickoxidul neuerlich in die Narkosepraxis ein. Da das Lachgas ohne Zumischung von Luft aus den – ursprünglich vorwiegend in der Zahnheilkunde verwendeten – sogenannten Schlafgasapparaten verabreicht wurde, konnten damit nur kurze Operationen – Eingriffe, die „in 30 Secunden, höchstens in einer Minute beendet sind“ – durchgeführt werden. Es war bekannt, dass Stickoxidul beim „Einathmen schon nach vier Minuten den Tod unter den Erscheinungen der Erstickung hervorruft“ und daher für längere Operationen ob „seiner das Leben gefährdenden Eigenschaft“ nicht in Frage kam.

Der französische Physiker Paul Bert (1833–1886) suchte nun, um „diesem Übelstand abzuhelfen“, nach einer Methode, um Stickoxidul auch für lange Operationen verwendbar zu machen. Er hoffte, dass er durch Applikation von Lachgas und Sauerstoff unter höherem Druck – da die analgetische Menge Stickoxidul dadurch auf ein kleineres Volumen zusammengedrückt wurde und er damit eine nicht mehr asphyktische, aber dennoch ausreichend analgetische Konzentration erreichen konnte – die Gefahr der Asphyxie vermeiden könnte. Das „pneumatische Kabinet“, das Bert und Fontaine 1880 konstruierten, funktionierte tatsächlich. In Paris und Brüssel wurden zahlreiche „beliebig lange“ Narkosen mit Lachgas in der „Überdruckkammer“ ausgeführt. Letztlich erwies sich aber der „pneumatische Apparat“ als zu aufwendig, umständlich und wegen des enormen „Lustgasverbrauches“ auch als viel zu teuer.

Auf die Mischung kommt es an

Bereits 1883 schrieb der Wiener Militärchirurg Ignaz Neudörfer (1825–1898) in der Deutschen Zeitschrift für Chirurgie: „Mir schient, dass man diese Absicht (Stickoxid in analgetischer Dosis mit einer genügenden Menge Sauerstoff zu versorgen, Anmerkung) auf eine einfachere Art erreichen kann, wenn man den zu Narkotisierenden eine Luft darbietet, in welcher der Sauerstoff statt durch den gewöhnlichen Stickstoff durch das Stickoxidul verdünnt ist ... Ein solches Gemenge wird selbstverständlich bei gewöhnlichem Barometerdruck, ohne Gefahr asphyktisch zu wirken, beliebig lang geathmet werden können und die Anästhesie so lange unterhalten, als dasselbe geathmet wird.“ Er hatte Recht, aber erst als Lachgas (um 1869) und auch Sauerstoff (ab 1885) in komprimierter Form in transportfähigen Metallzylindern mit druckmindernden Ventilen zur Verfügung standen, wurden die Substanzen breiter einsetzbar. Bald zeigte sich aber, dass alle jetzt neu konstruierten Sauerstoff-Lachgas-Mischnarkoseapparate für größere Eingriffe nicht geeignet waren.

Kombinationsnarkosen mit Lachgas und Äther oder Chloroform waren der nächste Schritt im Kampf gegen den Operationsschmerz.

Fotos (2):  Nanut/Regal

„Der fahrbare pneumatische Apparat, bestimmt zur Vornahme schmerzloser chirurgischer Operationen in den Pariser Spitälern.“ Das Bild stammt aus der Regensburger Wochenzeitschrift Der Deutsche Hausschatz, Jahrgang 1879/80.

Schematische Funktionsdarstellung des pneumatischen Apparates.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche

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