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Foto: Wolfgang Regal

Schwangerschaftsräder ermöglichen auf simple Weise die Bestimmung der fruchtbaren Tage – bei einem Pearl-Index zwischen 15 und 45. Das heißt, 15 bis 45 Frauen von 100 werden mit dieser Methode innerhalb eines Jahres schwanger.

Foto: MUVS Wien / muvs.org

Knaus stellte seine Erkenntnisse über die periodische Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit 1929 auf dem Gynäkologenkongress in Leipzig vor.

 

Er löste das Geheimnis des weiblichen Zyklus

Vor 40 Jahren starb der Entdecker der „periodischen Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit des Weibes“.

Seine bahnbrechenden Entdeckungen ermöglichten es, erstmals den weiblichen Zyklus zu verstehen. Obwohl die von ihm entwickelte Methode keineswegs eine, wie er selbst gerne behauptete, „todsichere Art der Empfängnisverhütung“ ist, legte er mit seinen Erkenntnissen den Grundstein für die modernen Methoden zur Verhütung und Familienplanung. Die Rede ist von dem österreichischen Gynäkologen Hermann Knaus (1892–1970), weltberühmt geworden durch die nach ihm benannte „Methode nach Knaus-Ogino“, dem „Tagezählen“,

 

Im Jänner 1927 machte Knaus, damals Assistent an der gynäkologischen Abteilung der Universität Graz, bei einem schwangeren Kaninchen eine grundlegende Entdeckung: „An diesem Tag beobachtete ich zum ersten Male an der Gebärmutter des schwangeren Kaninchens eine damals noch unbekannte Funktion des Gelben Körpers, nämlich seine Aufgabe, die Pituitrin-Empfindlichkeit der Gebärmuttermuskulatur auszuschalten und damit diese für eine ungestörte Entwicklung des Eies ruhigzustellen.“ Durch graphische Registrierung der menschlichen Uterusbewegungen erkannte er später, dass der Gelbkörper auch beim Menschen einen Einfluss auf die Muskulatur der Gebärmutter hat. Gestützt auf exakte Aufzeichnungen seiner Patientinnen über ihre Menstruation, berechnete Knaus, dass zwischen dem Eisprung und der nächsten Menstruation im Normalfall „exakt“ 14 Tage liegen (heute weiß man, dass die Schwankungsbreite beträchtlich größer ist).

Er entdeckte auch, dass nicht nur Eizellen zeitlich begrenzt fähig sind, befruchtet zu werden. Auch männliche Samenzellen sind nur einige Tage befruchtungsfähig. Aus diesen Erkenntnissen entwickelte Knaus seine Berechnungsmethode zur Bestimmung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage.

Auf dem Gynäkologenkongress in Leipzig stellte der damals noch unbekannte Gynäkologe aus Graz am 12. Juli 1929 diese damals revolutionären Forschungsergebnisse vor. Seine Erkenntnisse waren die Sensation des Kongresses. Knaus wurde mit einem Schlag weltberühmt. Sein Buch Die Periodische Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit des Weibes – der Weg zur natürlichen Geburtenregelung erschien 1934 in Wien. Völlig unabhängig von Knaus publizierte der japanische Gynäkologe Kyusaku Ogino (1882–1975) eine ähnliche Berechnungsmethode, mit der er praktisch zu denselben Ergebnissen kam. Ihre Berechnungen bildeten die Grundlage für die berühmt-berüchtigte Verhütungsmethode nach „Knaus-Ogino“.

Durch die Erkenntnis, dass Frauen in ihrem Zyklus nur wenige fruchtbare Tage haben und diese anscheinend genau berechnet werden können, hatten Paare damals erstmals die Möglichkeit, billig und ohne mechanische oder chemische Hilfsmittel eine Schwangerschaft zu verhüten.

Verhütung politisch unerwünscht

Neben moralischen Bedenken sprach damals aber auch etwas anderes gegen Knaus und seine Kalendermethode. Das Thema Verhütung war 1934 in Deutschland politisch unerwünscht. Prompt wurde Knaus‘ Buch verboten. Die deutsche Frau sollte ja Mutter sein und möglichst viele Helden gebären. Rasch merkten allerdings die nationalsozialistischen Machthaber, dass die neuen Erkenntnisse auch umgekehrt angewandt werden konnten. Soldaten erhielten später sogar die Aufforderung, ihren Heimaturlaub an den empfängnisbereiten Tagen ihrer Frauen zu planen.

Billig, aber unsicher

Die „Kalendermethode nach „Knaus-Ogino“, das „Tagezählen“, war zwar die billigste, leider aber auch die unsicherste Verhütungsmethode – ähnlich unzuverlässig wie die einzige in der Bibel erwähnte Verhütungsmethode, der Koitus interruptus. Bei beiden liegt der Pearl-Index bei etwa 15 bis 45. Das bedeutet, dass 15 bis 45 Frauen von 100, die nach dieser Methode verhüten, innerhalb eines Jahres schwanger werden.

Bald bekam die Methode nach „Knaus-Ogino“ deswegen den Spitznamen „Römisches“ oder „Vatikanisches Roulette“. „Roulette“ wegen ihrer bald allgemein bekannten Unsicherheit und „vatikanisch“, weil sie 1951 von Papst Pius XII. zur einzig kirchlich erlaubten Methode der Empfängnisverhütung erklärt wurde. Sie war – einmal abgesehen von Enthaltsamkeit – die einzige Methode zur Geburtenplanung, die die katholische Kirche je anerkannte. Für den gläubigen Katholiken Knaus war dies sicher eine große Auszeichnung.

Die Pille lehnte Knaus übrigens bis zu seinem Tod aus medizinischen und moralischen Gründen ab, und vermutlich war eine von ihm abgegebene Expertise für den Vatikan auch maßgeblich an der Ablehnung der Pille durch die katholische Kirche 1968 beteiligt.

 

Hermann Knaus wurde am 19. Oktober 1892 in St. Veit an der Glan in Kärnten geboren. Medizin studierte er – unterbrochen vom 1. Weltkrieg – in Innsbruck und Graz. Operationszögling und Assistent an der chirurgischen und gynäkologischen Abteilung der Grazer Universität waren die nächsten Stufen seiner Karriere.

Im Jahr 1924 ermöglichte ihm ein Rockefeller-Stipendium in London und Cambrigde, gynäkologisch zu forschen. Zurückgekehrt nach Graz, habilitierte er sich 1927 für Geburtshilfe und Gynäkologie und nach Forschungssemestern in Berlin und Paris wurde er 1930 ordentlicher Professor in Graz. 1934 berief man ihn als Ordinarius und Vorstand der Deutschen Universitätsfrauenklinik nach Prag.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges musste Knaus Prag verlassen und nach Graz zurückkehren. Von 1950 bis 1960 leitete er die gynäkologisch-geburtshilfliche Abteilung des Krankenhauses der Stadt Wien Lainz.

International ist Hermann Knaus nach wie vor weltberühmt. Seine Bekanntheit in Österreich hielt und hält sich jedoch in Grenzen. Knaus starb am 22. August1970 in Graz.

Verhütungsmuseum
Das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien hat eine umfangreiche Dokumentation über Leben und Werk von Hermann Knaus zusammengestellt.

Mariahilfer Gürtel 37/1. Stock
1150 Wien


Öffnungszeiten:
Mi bis So 14:00 - 18:00 Uhr

Öffentliche Verkehrsmittel
U-Bahn U3, U6
Straßenbahn Linien 5, 6, 9, 18, 49, 52, 58
Haltestelle Wien Westbahnhof

www.muvs.org

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut , Ärzte Woche 29 /2010

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