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Foto: Kupferstichkabinett, Preußischer Kulturbesitz
Die „Alte Charité“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
Foto: Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité

Die „Alte Charité“ um 1850.

Die Charité war anfangs ein Armenkrankenhaus, das sich der Bettler, Waisen und „liderlichen Weiber“ annahm.

Foto: Kabinette des Wissens,  Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik
 
Geschichte 8. Juni 2010

Vom Pesthaus zum traditionsreichen Klinikum

300 Jahre Medizin in Berlin.

Charité: Das Wort hat auch schon einmal gehört, wer mit Medizin nichts am Hut hat. An dem renommierten Berliner Klinikum waren einst Rudolf Virchow und Robert Koch tätig. Nun feiert das Haus sein 300-jähriges Bestehen.

Der Jahresumsatz beträgt 1 Milliarde Euro. 7.500 Studierende sind derzeit für einen der 11 Studiengänge eingeschrieben. Und mehr als 1 Million Kranke werden pro Jahr ambulant versorgt. Das sind einige aktuelle Zahlen, die sehr eindrucksvoll die Größe und Bedeutung der Berliner Charité veranschaulichen. Das größte Universitätsklinikum Europas feiert heuer sein 300-jähriges Bestehen, aus diesem Anlass rekapituliert eine Ausstellung im Berliner Medizinhistorischen Museum die Geschichte des Hauses.

Vor den Toren Berlins

Am Anfang war ein kleines Pesthaus. 1710 ließ es König Friedrich I (1657–1713) vor den Toren Berlins errichten, weil eine Pestepidemie auf die preußische Königsstadt zuzurollen drohte. In dieser Quarantänestation sollten die Kranken behandelt und gleichzeitig von den Gesunden fern gehalten werden, doch so weit kam es gar nicht, da der Schwarze Tod nur bis die Uckermark kam und die Stadt verschonte.

Für das Haus musste eine neue Nutzung gefunden werden. Bald wurde es in ein „Bürger-Lazareth“ für mittellos Kranke umgewidmet. Das heue so renommierte Klinikum war also anfangs ein Armenkrankenhaus, das sich der Bettler, Waisen und „liderlichen Weiber“ annahm. Die Behandlung war unentgeltlich und beschränkte sich, wie damals üblich, weitgehend auf einen Ausgleich des inneren Säftegleichgewichts, mit Abführmitteln, Aderlässen und Trinkkuren. Wenn es überhaupt so weit kam. Da immer mehr Patienten mit Infektionen und Geschlechtskrankheiten eingeliefert wurden, galt die Charité bald als Ort, an dem man eher krank als gesund wurde – der schlimmste Ruf, den sich eine Klinik einhandeln kann. Sie würde mehr für die Dezimierung der Berliner Bevölkerung tun als die Guillotine in anderen Städten, beklagte der Schriftsteller Johannes Daniel Falk im Jahr 1798.

Die Chirurgen legten vor allem Pflaster und Verbände an, sie richteten Knochenbrüche und Gelenkverrenkungen ein. Aufgrund des starken Entzündungsrisikos waren Eingriffe mit Eröffnung der Bauch- oder Brusthöhle nicht möglich. Noch war nicht bekannt, dass der Erfolg eines solchen Eingriffs entscheidend von den hygienischen Bedingungen abhängt. Doch das sollte in den folgenden Jahren erkannt werden, woran nicht zuletzt Ärzte der Charité großen Anteil hatten. Heute spricht man von der „Berliner Schule“, die ab etwa 1840 mit der Einführung von Narkose und hygienischen Standards (Antisepsis und Asepsis) der Chirurgie zu einem großen Aufschwung verhalf.

Zu jener Zeit erlebte die Medizin einen Paradigmenwechsel. Sie entfernte sich von der Philosophie, von ihren geisteswissenschaftlichen Wurzeln, und suchte eine neue Grundlage in der Naturwissenschaft, in Biologie, Physik und Chemie. In dem Maße, wie sich die Medizin in unterschiedliche Disziplinen auffächerte, kamen sukzessive auch immer mehr Pavillons auf dem weitläufigen Gelände der Charité dazu, erbaut in jener roten „Backsteingotik“, die auch heute noch das Erscheinungsbild des Klinikums prägt. Neben Rudolf Virchow und Robert Koch festigten besonders Forscherpersönlichkeiten wie Hermann von Helmholtz, Paul Langerhans, Paul Ehrlich und Emil Adolf von Behring den Weltruf der Charité.

Symbol auch für ein Mega-Krankenhaus

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Klinikum fast vollständig zerstört – nur 10 Prozent des Gebäudebestandes blieben unbeschädigt. Doch es wurde wieder aufgebaut und später immer wieder erweitert, renoviert und neu strukturiert – und gilt heute mit seinen rund 14.500 Beschäftigten nicht zuletzt als ein Symbol für ein Mega-Krankenhaus, in dem, wie Werner Bartens in der Süddeutschen Zeitung schreibt, Skandale nicht ausbleiben: So blieb 2006 ein gehbehinderter Patient drei Tage lang in einer der Charité-Kliniken im Aufzug gefangen, bis er entdeckt wurde. Und 2008 lag ein Drogenabhängiger fast eine Woche lang tot in einer Toilette, bis das Personal durch den Verwesungsgeruch auf die Leiche aufmerksam wurde. Diese Schattenseiten werden in der Ausstellung freilich nicht erwähnt.

Charité: 300 Jahre Medizin in Berlin. Sonderausstellung im Berliner Medizinhistorischen Museum, Charitéplatz 1, D-10117 Berlin, bis 27. Februar 2011

Zur Person Prof. Dr. Otto Prokop (1921-2009)










Von Österreich in die DDR
Während zahlreiche Ärzte zu Beginn der 1950er-Jahre die DDR in Richtung Westen verließen, machte sich der Österreicher Otto Prokop in den Osten auf. Seine Forschungsschwerpunkte waren unter anderem der gewaltsame Tod, die Forensische Serologie, Spurenkunde und Genetik. Mehr als drei Jahrzehnte leitete er, den die Charité zu ihren Persönlichkeiten zählt, die Geschicke der Rechtsmedizin in Ost-Berlin.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 23 /2010

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