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Fotos:  Nanut/Regal
 Robert Koch und die Schlafkrankheit Germanin.  Milzbrandbakterien, Koch-Mikroskop im Narrenturm.

„Bazillenvater“ Robert Koch (1843–1910). Erforscher von Milzbrand, Tuberkulose, Cholera und Schlafkrankheit.

 
Geschichte 19. Mai 2010

Forscher, Arzt, Bakteriologe und Hygieniker

Vom Dilettanten zum Begründer einer neuen Wissenschaft.

„Können Sie mir die Adresse Ihres Schusters verr,Chariaten?“, war angeblich die Frage eines hochnäsigen Assistenzarztes der Berliner Charité an einen wissenschaftlich dilettierenden Amtsarzt, als dieser am Ende seiner Präsentation bemerkte: „Hat einer der Herren noch eine Frage?“. „Bitterkeit im Herzen“ soll das folgende höhnische Gelächter dem Vortragenden mit dem nicht der Berliner Mode entsprechenden Schuhwerk verursacht haben. Der von den geschniegelten Ignoranten im August 1878 verhöhnte Provinzler aus Wollstein, dem heutigen Wolsztyn in Polen, war Robert Koch (1843–1910).

 

Dass ihnen soeben ein Meilenstein in der Geschichte der Medizin und der ganzen Menschheit demonstriert wurde, blieb den überheblichen Klinikern verborgen. Aber auch Rudolf Virchow (1821–1902) – in den 1870er Jahren sozusagen der Papst der deutschen Medizin – erkannte anscheinend nicht die Tragweite der Entdeckungen Kochs. Eine Tatsache, über die viel spekuliert wurde. Zum Glück ließ Koch sich durch die feinen Herren von der Charité nicht entmutigen. Noch im selben Jahr veröffentlichte er die Monografie Untersuchungen über die Ätiologie der Wundkrankheiten. Anders als die Herren der Wissenschaft erkannte die preußische Regierung bald, wie wichtig die Bakterienforschung für die Volksgesundheit, aber auch für den – gerade erst begonnenen – Ausbau des deutschen Kolonialreichs war. Litten doch die Beamten der Kolonialverwaltung mehr noch als die Einheimischen unter Malaria, Schlafkrankheit und Seuchen wie Cholera und Pest. Im Jahr 1880 wurde Koch als Regierungsrat und Abteilungsleiter in das neu gegründete Kaiserliche Gesundheitsamt in Berlin berufen.

Seine Forschertätigkeit begann Koch aber bereits wesentlich früher. Nach dem Krieg 1870/71 hatte er sich als praktischer Arzt und Amtsarzt in Wollstein im Kreis Posen niedergelassen. Als Kreisphysikus in einem vorwiegend landwirtschaftlichen Bezirk hatte er naturgemäß viel mit Milzbrand zu tun. Nicht nur, dass das Vieh der Bauern regelmäßig von der Seuche heimgesucht wurde, auch in seine Ordination kamen oft mit Milzbrand infizierte Patienten. Weder Mensch noch Tier konnte er helfen, wie auch die gesamte Medizin seiner Zeit dem Problem hilflos gegenüberstand. Milzbrandbazillen hatte zwar schon im Jahr 1849 der Arzt Aloys Pollender (1800–1879) im Mikroskop beobachtet, und Casimir Davaine (1811–1882) übertrug ein Jahr später diese Krankheit mit Blut von Milzbrandtieren auf andere Tiere, aber ob die beobachteten kleinen Stäbchen tatsächlich der Erreger der Krankheit waren, war damals noch unklar. Erst Koch gelang es, alle Phasen der Entstehung des Milzbrandbazillus, seine Verwandlung zu Sporen und den Übertragungsweg zu verfolgen und das Rätsel zu lösen. Ein Schaudern läuft modernen Hygienikern auch heute noch über den Rücken, wenn sie lesen, unter welchen Bedingungen Koch seine durchaus nicht ungefährlichen Milzbrand-Forschungen betrieb. In seinem vom Sprechzimmer nur durch einen einfachen Stoffvorhang abgetrennten „Laboratorium“ experimentierte er unbekümmert mit den lebensgefährlichen Erregern. Im Kammerwasser von Rinderaugen züchtete er Reinkulturen und übertrug die Krankheit mit ausgeglühten Holzsplittern auf Mäuse. Am Beispiel des Bacillus anthracis konnte er so erstmals durch systematische Experimente den kausalen Zusammenhang zwischen Bakterien und einer Erkrankung beweisen. Die sensationellen Ergebnisse seiner Milzbrandforschung publizierte er 1876 unter dem Titel Die Ätiologie der Milzbrand-Krankheit, begründet auf der Entwicklungsgeschichte des Bazillus Anthracis. Mit dieser Arbeit begründete Koch die medizinische Bakteriologie.

Erfolgsverwöhnt

Ein weiterer Meilenstein in der an Meilensteinen ohnehin reichen Kochschen Biografie, der ihn weltberühmt machte und ihm 1905 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie einbrachte, war das Aufspüren des Tuberkelbazillus. Darüber berichtete er am 24. März 1882 vor der Berliner Physiologischen Gesellschaft. Das Berliner Gesundheitsamt, in dem er diese Entdeckung gemacht hatte, wurde unter Koch zu einer weltweit einzigartigen Forschungsstätte. Neben der Erforschung und Isolierung neuer Bakterien – im Jahr 1883 gelang es Koch und seinen Mitarbeitern in Ägypten und später in Indien, den Choleraerreger, Vibrio cholerae, nachzuweisen – forschte er auch auf dem Gebiet der Desinfektion. Seine theoretischen Erkenntnisse – Koch bewies die abtötende Wirkung des heißen Wasserdampfes auf Keime und Sporen – setzte der Chirurg Kurt Schimmelbusch später an der Klinik von Ernst von Bergmann in Berlin erfolgreich in die Praxis um.

Im Jahr 1890 fand in Berlin der „X. Internationale medicinische Kongreß“ statt. Mehr als 5500 Ärzte – darunter bereits 19 Ärztinnen – kamen damals nach Berlin. Einer der Eröffnungsredner war Koch. Entgegen seiner sonstigen Art, „niemals über ungelegte Eier zu gackern“, ließ er sich von der Regierung, die unbedingt einen spektakulären deutschen Erfolg präsentieren wollte, dazu überreden, über sein neu entwickeltes „Heilmittel“ gegen die Tuberkulose zu berichten. Obwohl er sehr vorsichtig formulierte, entschlüpfte ihm am Ende seiner Rede die Bemerkung, dass mit dem von ihm gefundenen Mittel – seine Zusammensetzung hielt er geheim – bei an Tuberkulose erkrankten Meerschweinchen „der Krankheitsprozeß vollkommen zum Stillstand gebracht werden kann“. Dieser Satz sorgte für weltweiten Aufruhr. Berlin wurde zum Wallfahrtsort für Lungenkranke und Ärzte aus aller Welt, Robert Koch gefeiert wie heute ein Pop-Star. Kaffeeheferl, Teller und Taschentücher mit seinem Portrait kamen in den Handel. Und das alles noch, bevor die Wirksamkeit oder Gefährlichkeit der „Koch-Lymphe“ genau erforscht war. Der Arzt und Schriftsteller Arthur Conan Doyle, der als Reporter nach Berlin gekommen war, berichtete von einem „kniehoch mit Bettelbriefen um das Wundermittel“ bedeckten Büro am Berliner Institut. Noble Hotels wurden zu Massenherbergen für Tuberkulöse. Ärzte und Scharlatane, die das große Geschäft witterten, gründeten zahlreiche private Heilanstalten. Unsummen wurden für das Geheimmittel geboten und auch bezahlt. Bald zeigte sich aber, dass das „Tuberkulin“, wie es später genannt wurde, für viele Patienten nutzlos oder sogar gefährlich war. Zu Langzeitheilungen kam es überhaupt nicht. Koch musste gestehen, dass seine Untersuchungen an Meerschweinchen höchst mangelhaft waren und er sich zu dieser übereilten Bekanntgabe hat überreden lassen. Trotz des Tuberkulindebakels – es erlangte letztlich aber als Diagnostikum große Bedeutung – blieb Koch der Nimbus des großen deutschen Forschers und Arztes erhalten. Nach einem Herzinfarkt starb er während eines Kuraufenthaltes in Baden-Baden im 67. Lebensjahr. Am 24. Mai 2010 jährt sich sein Todestag zum hundertsten Mal.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 20 /2010

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