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Foto:  Nanut/Regal
Diabetische Gangrän der Großzehe (Moulage von Dr. Carl Henning aus dem Jahr 1904).
 
Diabetologie 21. November 2008

Die Nachttopfwassersucht

Harnschau betrieben viele, gekostet hat den Urin keiner.

„Harndurchfall“, „Nachttopfwassersucht“ oder „Durstkrankheit“ nannte der antike Arzt Galen ein damals – nicht nur für ihn – rätselhaftes Krankheitsbild. Erstmals genau beschrieben und bereits als Diabetes (von „diabeinein“ = hindurchlaufen) bezeichnet wurde die Krankheit von Aretaios von Kapadokien, „weil nämlich die Flüssigkeit nicht im Körper bleibt, sondern den Menschen wie eine Röhre benützt, durch welche sie abfließen kann“. Ferner schrieb er: „Die Kranken führen ein elendes Leben und sterben nach gar nicht langer Zeit, denn der Durst quält sie wie ein loderndes Feuer.“ Das sollte fast zwei Jahrtausende – bis 1922! – so bleiben.

 

Diabetes war im antiken Griechenland offensichtlich relativ selten. Aretaios (ca. 81–138 n. Chr.) bemerkte, dass dieses Leiden beim Menschen „ganz und gar nicht häufig“ vorkäme, und auch Galen (129–199 n. Chr.) bekannte, dass er nur zwei Fälle in seinem Leben gesehen hätte.

Im Corpus Hippocraticum, einer im 3. Jh. v. Chr. entstandenen medizinischen Schrift verschiedener Autoren, finden sich überraschenderweise weder ein Hinweis auf Diabetes noch die Schilderung einer Krankheit, die mit ihrem typischem Verlauf an eine Zuckerkrankheit denken lässt.

Süßer Übersetzungsfehler?

Ob es sich beim „Überfluss an Harn“, der in alten ägyptischen Texten bereits um etwa 1550 v. Chr. auftaucht, um Diabetes handelt, ist unter Medizinhistorikern umstritten. In medizinischen Manuskripten aus dem alten Indien – entstanden zwischen 300 v. Chr. und 600 n. Chr. – finden sich immer wieder Hinweise auf Patienten, bei denen „Zuckerrohrharn“ oder „Honigharn“ zu finden sei. Erwähnt wird auch, dass die Kranken „Harn wie ein brünstiger Elefant“ lassen und ihr Urin „Ameisen und Insekten“ anlockt. Kannten die alten indischen Ärzte tatsächlich den süßen Geschmack des Diabetikerharns oder wurden hier nur altindische Sanskrittexte recht frei gedeutet? Medizinhistoriker diskutieren auch darüber noch immer recht heftig. Vieles spricht zwar dafür, dass die Inder um die Süße des Harnes wussten, aber merkwürdig ist es doch, dass dieses indische Wissen nicht in die griechische Heilkunde eingegangen ist.

Glukosurie übersehen

Tatsächlich scheint es so zu sein, dass weder die griechischen, noch die islamischen, noch die mittelalterlichen europäischen Ärzte – obwohl alle die tiefsinnige Harnschau (Uroskopie) als Diagnostik betrieben – das wichtigste Symptom der Zuckerkrankheit, die Glukosurie, kannten.

Paracelsus (1493–1541) beobachtete zwar beim Eindampfen von Urin eines Diabetikers „4 Unzen Salz“, aber auch er, der an anderen Stellen seiner Schriften den Rat gab, den Urin zu kosten, hat es bei diesem Salz anscheinend nicht getan. Einen süßen Geschmack des Salzes erwähnte er jedenfalls nirgends. Erst dem englischen Arzt Thomas Willis (1621–1675) fiel 1674 der honigartige Geschmack des Urins von Diabetikern auf, und Michael Ettmueller (1644–1684) beobachtete, dass nicht alle Fälle von „Harnruhr“ dieses von Willis beschriebene Symptom boten. Folglich unterschied er bereits zwischen zwei Diabetesarten, dem „Diabetes notha“ – vermutlich heute unser Diabetes mellitus – und dem „Diabetes vera“, der das Symptom des süßen Harns nicht zeigte.

Auch die Ursache der Krankheit blieb lange Zeit verborgen. Aretaios hielt Diabetes für eine Krankheit des Magens die möglicherweise durch den Biss einer Schlange, „welche Dipsas, die Durstnatter genannt wird“, entsteht. Galen wiederum führte die Krankheit auf eine Atonie der Nieren zurück – an dieser These hielten die Ärzte noch Jahrhunderte lang fest –, und Paracelsus sprach von einer veränderten Zusammensetzung des Blutes.

Knapp daran, das Rätsel des Diabetes zu lösen, war der Schweizer Arzt Johann Conrad Brunner (1653–1727) im Jahr 1673. Er wollte feststellen, ob das Pankreas ein lebenswichtiges Organ ist, und entfernte operativ die Bauchspeicheldrüse bei einigen Hunden. Alle von ihm operierten Hunde lebten ohne wesentliche Behinderung weiter. Brunner war mit dem Ergebnis zufrieden. Es fiel ihm aber auf, dass die Hunde nach der Operation großen Durst hatten und kurz danach „eine ansehnliche Erdfläche bewässerten“. Da die Symptome aber wieder verschwanden, hielt er dies für ein ungefährliches postoperatives Symptom. Brunner hatte aber eine anatomische Besonderheit des Hundes übersehen und den kleinen duodenalen Anteil des Hundepankreas belassen. Der konnte dann nach einigen Tagen wieder eine ausreichende Insulinproduktion aufnehmen. Da Brunner anscheinend „bewiesen“ hatte, dass die Bauchspeicheldrüse kein lebenswichtiges Organ ist, geriet das Pankreas lange Zeit in Vergessenheit.

Erst im 19. Jahrhundert berichteten wieder einige Pathologen über Veränderungen des Pankreas, die sie gehäuft bei Diabetikern beobachtet hatten. Angeregt durch die Vermutung, „dass diese Drüse nicht bloß nach außen, sondern auch nach innen in das Blut secerniere“ – so Rudolf Virchow (1821-1902) in der Arbeit „Zur Chemie des Pankreas“, erschienen 1854 –, begannen sich Pathologen und Anatomen wieder intensiver mit dem bisher recht unbeachteten Organ zu beschäftigen. Einen Meilenstein in der Diabetesforschung setzte dann Paul Langerhans (1847–1888) im Jahr 1869 mit seiner Dissertation „Beiträge zur mikroskopischen Anatomie der Bauchspeicheldrüse“. Erstmals beschrieb er hier die inselförmigen Zellstrukturen – heute Langerhans-Inseln bezeichnet –, die ungleichmäßig über das gesamte Pankreas verteilt sind. Langerhans musste aber gestehen, dass ihm über die Funktion dieser eigenartigen Inselzellen „jede Möglichkeit einer Erklärung fehle“. Und das blieb bis zu seinem Tod so.

Pankreas wird lebenswichtig

Die „Inseln“ als „Produktionsstätten blutzuckersenkender Substanzen“ identifizierte Leonid W. Sobolew (1876–1919) erst im Jahr 1900. 1889 konnten die Straßburger Ärzte Joseph von Mering (1849–1908) und Oskar Minkowski (1858–1931) in einer kurzen, kaum eine Seite umfassenden und Aufsehen erregenden Mitteilung – „Diabetes mellitus nach Pankreasexstirpation“ – das Rätsel des Diabetes lösen. Die Bauchspeicheldrüse war wieder zum lebenswichtigen Organ geworden. Das Rennen um eine wirksame Therapie der Zuckerkrankheit begann. Aber das ist eine andere Narrenturmgeschichte.

Foto:  Nanut/Regal

Diabetische Gangrän der Großzehe (Moulage von Dr. Carl Henning aus dem Jahr 1904).

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche

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