zur Navigation zum Inhalt
Fotos (3):  Nanut/Regal
Zu Beginn war Gérard van Swieten „nur“ der Leibarzt Stephan von Lothringen. Maria Theresia setze noch auf ihren bewährten Arzt Elias Engel.

Als Leibarzt der Kaiserin setzte der begnadete Organisator van Swieten die Umgestaltung des österreichischen Gesundheits- wesens und der ärztlichen Hochschulausbildung durch.

 
Geschichte 17. November 2009

„Sklavendienste am Fürstenhof“

Gérard van Swieten (1700–1772) und die ältere Wiener Medizinische Schule.

Einer der bekanntesten Ärzte Österreichs war bemerkenswerterweise ein Niederländer. In seiner Funktion als Leibarzt „seiner Majestät“ war Gérard van Swieten jedoch nicht nur um die kaiserliche Gesundheit besorgt, sondern machte sich auch Gedanken um das Wohl der „gemeinen Bürger“. So legte er den Grundstein für die praxisorientierte Wiener Medizinische Schule, die somit niederländische Wurzeln hat.

 

Der holländische Arzt, Lehrer und geniale Organisator Gérard van Swieten (1700–1772) legte vor etwa 250 Jahren die Grundlage für die – zum Teil auch heute noch – weltberühmte „Wiener Medizinische Schule“. Er und der von ihm nach Wien berufene Anton de Haën (1704–1776) perfektionierten ein medizinisches Unterrichtssystem, das beide beim berühmtesten Arzt des 18. Jahrhunderts, Hermann Boerhaave (1668–1738), im holländischen Leyden kennen gelernt hatten: den Unterricht am Krankenbett. Die von van Swieten im Jahr 1753 gegründete „Medicinisch- und Chyrurgische Kranken-Curirungs-Schul“ im Bürgerspital hatte zwar nur zwölf Betten, wurde aber dennoch zum Fundament der Wiener Universitätsklinik (Klinik stammt vom Griechischen „kline“ für Bett) und der revolutionären „klinischen“ Medizin der „Ersten Wiener Medizinischen Schule“. Nicht nur eine Medaille aus der „Medicina in Nummis“-Sammlung des Narrenturms erinnert heute an diesen, nicht nur im medizinischen Wien, vielfach präsenten Mediziner.

Mittelalterliche Zustände

Die Wiener medizinische Fakultät an der Wiener Universität – gegründet 1365 durch Rudolf IV., den Stifter – grundelte als Ausbildungsstätte für Ärzte jahrhundertelang irgendwie dahin. Zwar wurde immer wieder versucht, Anschluss an die damals fortschrittlichsten medizinischen Hochschulen wie etwa an jene von Padua oder im holländischen Leyden zu finden, aber irgendwie funktionierte das nicht. Die Wiener Professoren trugen „in mittelalterlicher Manier“ ihr trockenes Buchwissen vom Katheter aus vor. Praxisorientiertes Wissen wurde eigentlich nicht vermittelt. So wurden die meisten Studenten nach erfolgreichem Abschluss ihres Studiums als Ärzte auf die Menschheit losgelassen, ohne je einen menschlichen Körper von innen (Leichenzergliederungen waren extrem selten, da nur die Leichen von hingerichteten Verbrechern seziert werden durften) gesehen zu haben oder jemals an einem Krankenbett gestanden zu haben. Maria Theresia – die in nahezu allen Bereichen durch den nahezu untrüglichen Instinkt ihres Gemahls Franz Stephan von Lothringen mit guten Beratern umgeben war – erkannte bereits kurz nach ihrem Regierungsantritt, dass der universitäre medizinische Unterricht in Wien gewaltig im Argen lag. Die löblichen Professoren waren letztlich eifersüchtig und ängstlich darauf bedacht, ihre mittelalterlichen Privilegien zu verteidigen und kämpften – noch dazu meist erfolglos – gegen freche Kurpfuscher, Quacksalber und Barbiere. Eine medizinische Schule mit eigenem Profil konnte sich so nicht entwickeln. Das anerkannte Zentrum der Medizin, das die Studenten damals geradezu magnetisch anzog, war Leyden in Holland. Hier lehrte Herman Boerhaave, der in erster Linie gute Kliniker ausbilden wollte. Er selbst war zwar kein großer Forscher, aber zu seiner Zeit immerhin der berühmteste Arzt Europas. Das Buchwissen seiner Vorlesungen demonstrierte er auch direkt am Krankenbett, genauer an Patienten des örtlichen Hospitals. „Weg vom Buch, hin zum Objekt“ war die eigentlich gar nicht so neue Devise. Das hatte ja schon Paracelsus (1493–1541) gefordert, jedoch niemals realisieren können, und ansatzweise wurde diese Unterrichtsmethode im 16. Jahrhundert auch in Padua ausgeübt, letztlich aber wieder aufgegeben. Erst Boehaave stieg – im wahrsten Sinn des Wortes – von der hehren Kanzel herab und unterrichtete an den Niederungen des Krankenbetts.

Das Gegenteil eines Monarchisten

Um Boerhaaves Lieblingsschüler van Swieten, über dessen Qualitäten Maria Theresia im Rahmen einer (allerdings wenig erfolgreichen, aber dennoch scheinbar eindrucksvollen) Behandlung ihrer Schwester Maria Anna in Brüssel informiert war, nach Wien zu bekommen, bemühten sich ihr Gemahl Franz Stephan – er hatte bereits gute Erfahrungen mit seinem Leibarzt, Jean-Baptiste Bassard, ebenfalls ein Boerhaave-Schüler – und die Kaiserin höchstpersönlich. Nach anfänglichem Zögern („Lieber bleibe ich kleiner Republikaner, als an einem Fürstenhof Sklavendienste zu verrichten“, schrieb er einem Freund) nahm Gérard van Swieten die Berufung nach Wien an. Sicherlich auch davon beeinflusst, dass er als Katholik im protestantischen Holland praktisch keine Aufstiegschancen hatte und ihm sogar seine stark besuchten Privatvorlesungen verboten wurden. Am 7. Juni 1745 trat der Niederländer schließlich seine Stelle – zunächst „nur“ als Arzt des Kaisers und Präfekt der Hofbibliothek – in Wien an. Die Kaiserin selbst wollte sich ja zunächst nur von ihrem alten Leibarzt Elias Engel behandeln lassen.

Kurze Zeit später erkannte allerdings auch die Kaiserin die organisatorischen Qualitäten des Holländers und beauftragte ihn, die offensichtlich darniederliegenden universitären Wissenschaften – und hier besonders die Medizin – zu reformieren. Den von ihm ausgearbeiteten Plan billigte die Herrscherin uneingeschränkt und stellte ihm alle nötigen Vollmachten aus. Mit diesen Privilegien und dem Wohlwollen der Monarchin im Hintergrund herrschte van Swieten über seinen Bereich ebenso autoritär wie seine Kaiserin. Seine Reformvorschläge wurden Gesetz, und nach und nach reorganisierte er das gesamte bis dahin darniederliegende österreichische Gesundheitswesen mitsamt dem medizinischen Unterricht. Der von van Swieten 1754 nach Wien berufene de Haën baute den „Unterricht am Krankenbett“ zu einem systematischen Verfahren aus. Im Bürgerspital konnten die Studenten am Krankenbett, im Operationszimmer und sogar im Obduktionszimmer Diagnostik, Krankheitsverlauf und Therapieerfolg oder -misserfolg direkt erleben und im wahrsten Sinn des Wortes „begreifen“. Auf Anraten van Swietens ließ Maria Theresia 1754 auch einen Medizinalpflanzengarten am Rennweg anlegen. Mit der Errichtung neuer Lehrstühle, dem Beginn einer experimentellen Pharmakologie und eines chemischen Laboratoriums wurde neben der Lehre auch die Forschung zu einer wichtigen Aufgabe der Wiener Klinik. Von der Botanik erwartete sich van Swieten viel für die Herstellung von Medikamenten. Unter dem Chemie- und Botanikprofessor Nikolaus J. Freiherr von Jacquin (1727–1817), der den Garten 1768 übernommen hatte, erlebte der damals bereits fast vergessene „Hortus medicus“ am Rennweg einen gewaltigen Aufschwung. Neben der revolutionären Umformung der gesamten Universität gründete van Swieten Findelhäuser, Hebammenschulen und eine Schule für Tierärzte. Auf seine Initiative geht außerdem der Bau des neuen Universitätsgebäudes – heute Akademie der Wissenschaften am Dr. Ignaz-Seipel-Platz – im ersten Bezirk in Wien zurück.

Wien wurde wieder ein Zentrum

Am Beginn seiner Tätigkeit in Wien musste van Swieten eine Reihe von guten Lehrkräften aus dem Ausland „importieren“. Nach 26 Jahren konnte der begnadete Wissenschaftssorganisator fast sämtliche medizinische Universitäten der Monarchie mit Lehrkräften aus „seiner Schule“ versorgen. Seine „Sklavendienste“ in Wien hat er vermutlich nie bereut.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 47 /2009

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben