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Fotos (4):  Nanut/Regal
Freud ist der beste Beweis: Man muss nicht die wissenschaftliche Laufbahn einschlagen, um nachhaltig Spuren in der Wissenschaft zu hinterlassen.

Umstritten und verehrt. Das ist der Begründer der Psychoanalyse bis heute.

Schwerdtner-Medaille: Siegmund mit „ie“. Freudsche Fehlleistung?

 
Geschichte 14. Oktober 2009

„Ich kann die Gestapo wärmstens empfehlen“

Erinnerung an Sigmund Freud anlässlich seines 70. Todestages.

„Hampstead Dream-Doctor Died“, titelte die englische Boulevardpresse, als Sigmund Freud am 23. September 1939 in London starb. Etwa ein Jahr zuvor musste der „Traumdoktor“ auf der Flucht vor den Nationalsozialisten seine Wiener Wohnung verlassen. 47 Jahre lang praktizierte er in der Berggasse 19. Im Londoner Stadtteil Hampstead, 20 Maresfield Gardens, konnte er zumindest „in Freiheit sterben“.

 

Bereits kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland wurden Freuds „undeutsche Schriften“ Opfer der Bücherverbrennungen. Unter der Regie von Joseph Goebbels übergaben im Mai 1933 die Braunhemden Freuds Bücher wegen „seelenzersetzender Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele“ dem Feuer. Auch der damals bereits weltberühmte „Entdecker“ der Seele erkannte die Zeichen der Zeit nicht, er reagierte ironisch: „Was sie für Fortschritte machen! Im Mittelalter hätten sie mich verbrannt, heutzutage begnügen sie sich damit, meine Bücher zu verbrennen.“ Hier irrte er allerdings gewaltig. Am 12. März 1938 marschierten die deutschen Truppen in Österreich ein, und auch Sigmund Freud und seine Familie kamen, obwohl er bereits ein international bekannter und überaus angesehener Arzt und Wissenschaftler war, in Lebensgefahr. Erst nach Zahlung der „Reichsfluchtsteuer“ konnten Freud und sein „Haushalt“ Wien gerade noch rechtzeitig verlassen.

Da eine Misshandlung Freuds wahrscheinlich einen weltweiten Skandal ausgelöst hätte, ließ sich die Gestapo von Freud ein Dokument unterzeichnen, in dem er bestätigen musste, von der Gestapo mit „gebührender Achtung und Rücksicht“ behandelt worden zu sein. Freud unterschrieb und fügte dem Dokument noch handschriftlich einen Kommentar an: „Ich kann die Gestapo jedermann wärmstens empfehlen.“ Den Sarkasmus, der sich in diesem Satz verbarg, durchschauten die braunen Schergen zum Glück nicht – vermutlich nahmen sie den Satz sogar ernst. Am 3. Juni 1938 verließen Sigmund Freud und sein Haushalt Wien mit dem Orientexpress – Abfahrt 15.25 Uhr vom Wiener Westbahnhof.

Verbummelter Medizinstudent

Schlomo Sigismund Freud wurde am 6. Mai 1856 in Freiberg – heute Príbor – in Mähren geboren. Drei Jahre später übersiedelten die Freuds aus wirtschaftlichen Gründen nach Wien. Obwohl Jakob Freud auch in Wien mit weltlichen Gütern nicht gerade gesegnet war, unterstützte er seinen Sohn, wo immer er nur konnte. Sigmund – wie sich Freud später nur mehr nannte – inskribierte nach abgelegter „Maturitätsprüfung“ im Herbst 1873 an der Wiener medizinischen Fakultät. Am 31. März 1881 promovierte der etwas „verbummelte“ Medizinstudent in der Aula der Alten Universität – heute Akademie der Wissenschaften – zum Doktor der gesamten Heilkunde. Der junge Freud hätte gerne eine akademische Karriere als Wissenschaftler gemacht. Bei seiner materiellen Lage war dies aber praktisch unmöglich. Sein Lehrer, der geniale Physiologe Ernst Wilhelm von Brücke, empfahl ihm, sich auf die praktische Medizin zu verlegen, um möglichst rasch eine private Praxis gründen zu können. Freud folgte dem Rat und trat als Aspirant in das Allgemeine Krankenhaus ein. Aber auch hier musste er zwei Jahre auf verschiedenen Abteilungen unbezahlt arbeiten, bis er endlich 1883 auf der psychiatrischen Klinik bei Theodor Meynert – damals einer der bedeutendsten Hirnanatomen Europas – eine bezahlte Stellung als Sekundararzt erhielt. Meynert fahndete in den Gehirnen verstorbener Patienten nach organischen Ursachen ihrer Geisteskrankheiten. Mit Skalpell und Mikroskop aber ein, wie man heute weiß, recht aussichtsloses Unterfangen. Auch Freud galt bald als begabter Neuroanatom. Im Jahr 1885 konnte Freud sich für das Spezialfach Neuropathologie als Privatdozent habilitieren.

Die entscheidende Wende in seiner bis dahin rein anatomisch-physiologisch ausgerichteten Arbeit brachte ein Reisestipendium zum „Napoleon der Hysteriker“, zu Jean-Marie Charcot, nach Paris. Hier sah er verblüfft, wie der geniale Neurologe unter Hypnose hysterische Symptome wie Lähmungen, Blindheit und epileptische Anfälle bei seinen Patienten verschwinden ließ oder erzeugte. Da in den Gehirnen verstorbener Hysteriker nie organische Ursachen für ihre dramatischen Symptome gefunden werden konnten, glaubten die meisten Ärzte, dass diese Patienten ihre Krankheit nur vorspielten, und behandelten sie auch dem entsprechend. Charcot hingegen nahm sie ernst. Er war vermutlich der Erste, der erkannte, dass seelische Störungen auch körperliche Symptome auslösen können. Freud war von Charcot und seinen Thesen fasziniert. Zurück in Wien, berichtete er enthusiastisch vor der Gesellschaft der Ärzte und versuchte, die Hypnose auch hier zu etablieren. Damit und mit seinem Hinweis auf die zumeist sexuellen Wurzeln der Neurosen stieß er aber in Wien auf ungeahnten Widerstand. Auch sein Lehrer Meynert wendete sich immer mehr von ihm ab. Zusammen mit seinem väterlichen Freund, dem Internisten Josef Breuer, publizierte Freud im Jahr 1895 die Studien über Hysterie, in der sie das „kathartische Verfahren“ – eine Art „Redekur“ in Hypnose, aus der Freud später die revolutionäre Methode der Psychoanalyse entwickelte – zur Behandlung neurotischer Störungen vorstellten. Die Hypnose als Weg zum krankmachenden Unbewussten ersetzt Freud später durch freie Assoziation, Untersuchungen über die Bedeutung von Fehlleistungen, Versprechern und vor allem durch die Traumdeutung. Mit seinem am 4. November 1899 erschienen Hauptwerk Die Traumdeutung begann die Psychoanalyse. Ein bis heute heftig umstrittenes Verfahren, das aber trotz aller Kritik die Grundlage der modernen Tiefenpsychologie, Psychosomatik und Psychotherapie ist.

Hirnforschung gibt Freud Recht

Oft angefeindet und lange Zeit auch als hoffnungslos überholt geltend, erleben einige von Freuds Theorien heute ein wissenschaftliches Comeback. Ausgerechnet die Hirnforschung – sie wertete die Psychoanalyse meist als absolut unwissenschaftlich und nicht verifizierbare Phantasterei ab – bestätigte in den letzten Jahren zentrale Erkenntnisse der Psychotherapie. Heute ergründen Vertreter der sogenannten Neuro-Psychoanalyse Freuds Erkenntnisse und Einblicke in die „Seele“ mit modernster Technik. Viele klassische psychoanalytische Thesen mussten zwar über Bord geworfen werden, aber mehr und mehr gelingt es den neurowissenschaftlichen Forschern, mit neuen bildgebenden Verfahren immer mehr neuronale Entsprechungen psychischer Vorgänge sichtbar zu machen und damit einige von Freuds umstrittenen Theorien über Träume, Verdrängung und das Unbewusste mit harten Daten zu beweisen. Meilenweit ist man aber auch heute noch davon entfernt, Gedanken, Trauminhalte oder gar das Unbewusste lesen zu können. Der Penisneid bleibt bis auf Weiteres unsichtbar.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 42 /2009

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