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Fotos (3):  Nanut/Regal
Eine „Halskrause“ aus dem „Narrenturm“. Puccini wurde in Brüssel mithilfe dieser Konstruktion eine Radiumkur verordnet.

Noten aus dem dritten Akt aus Turandot. Die Uraufführung der Oper brach Dirigent Arturo Toscanini im dritten Aufzug mit den Worten „Hier starb der Maestro“ ab.

Giacomo Puccini: Die Liebe zur Musik brachte ihm Weltruhm, die Liebe zum Rauchen den Tod.

 
Geschichte 6. Oktober 2009

„Diese Oper vollende ich nicht!“

Die letzten Tage des „unsterblichen“ Giacomo Puccini.

Er war süchtig nach Frauen, starken Motoren und Zigaretten. Letztere kosteten ihm vermutlich das Leben. Am 29. November 1924 starb Giacomo Puccini (1858 –1924), eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der Opernszene. Die Operation am Kehlkopf, der er sich wegen eines weit fortgeschrittenen Karzinoms unterziehen musste, überlebte er nur ein paar Tage. Seine Opern Madame Butterfly, Toska, La Bohème und Turandot eroberten die Bühnen der Welt, machten ihn reich und katapultierten ihn auf den Olymp des internationalen Musiktheaters.

 

„...ich hänge am Kreuz wie Jesus. Ich muss eine Halskrause tragen, die eine wahre Qual ist“, schrieb Puccini in einem Brief aus Brüssel an einen Bekannten in Viareggio in der italienischen Toskana. Eine „Halskrause“, wie sie damals in Brüssel zur Radiumkur von Puccinis Tumor verwendet wurde, findet sich auch im Fundus des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums. Sie kam, neben anderen Objekten aus dem Narrenturm, bereits als Requisite in einem Puccini-Film zum Einsatz. Bereits im Frühjahr 1924 plagten Puccini Schmerzen im Hals, starker Hustenreiz und gelegentliche Atemnot. Da er als Kettenraucher seit Jahren an chronische Bronchitis und Heiserkeit gewöhnt war, beachtete er anfangs diese Beschwerden kaum und vergrub sich mit geradezu hektischer Besessenheit in die Arbeit an jener Oper, mit der er alles von ihm bisher Komponierte überbieten wollte: Turandot. „Diese Oper vollende ich nicht“, befürchtete er bereits damals. Er behielt Recht.

Als seine „Bassstimme mitunter Tenorlage“ annahm, suchte er letztlich doch seinen Hausarzt in Viareggio und danach auch einen Arzt in Mailand auf. Beide Ärzte hielten die Krankheit für ungefährlich – sie vermuteten eine rheumatische Erkrankung – und empfahlen ihm zur „Luftveränderung“ eine Kur. Nach trügerischer Besserung verschlechterte sich Puccinis Zustand im Herbst dramatisch. Er hustete unaufhörlich, nahm zunehmend Gewicht ab und bekam wieder starke Schmerzen. Auch diesmal fand sein Arzt außer einer harmlosen Entzündung nichts unmittelbar Bedrohliches. Er verbot Puccini das Rauchen und verordnete Ruhe. Jetzt erst – es war bereits Mitte Oktober geworden – entschloss sich Puccini zum Besuch eines Spezialisten in Florenz. Dieser fand nach eingehenden Untersuchungen eine verdächtige Neubildung unter dem Kehldeckel. Eine Probeexzision bestätigte die Befürchtung: Kehlkopfkrebs im weit fortgeschrittenen Stadium. Ein eilig zusammengerufenes Konsilium aus hochrangigen Spezialisten empfahl die damals noch neuartige Behandlung mit Radium – auch wenn die nur eine geringe Chance auf Heilung bot. Radiumtherapien wurden zu dieser Zeit in Europa nur in Berlin und Brüssel durchgeführt. Puccini, der die furchtbare Diagnose noch nicht kannte – die Ärzte hatten nur seinen Sohn eingeweiht –, entschied sich für Brüssel. Am 4. November bestieg er einen Expresszug in die belgische Hauptstadt. Schon während der Bahnfahrt nahm der Komponist, der vermutlich die Bedrohlichkeit seines Zustandes ahnte – er hustete mittlerweile schon ständig Blut – sofort wieder die Arbeit an der Partitur seiner Oper Turandot auf. In der Klinik von Dr. Louis Ledoux, Avenue de la Couronne 1 in Brüssel, wurde augenblicklich mit der Behandlung begonnen. In der Vorbereitungsphase zur Operation – die Behandlung sollte insgesamt etwa sechs Wochen dauern – ging zunächst alles gut. Unter der äußerlichen Radiumanwendung sistierten die Blutungen, und die Schwellung ging zurück. Puccini durfte wieder rauchen und sogar die Klinik verlassen, um im Théâtre de la Monnaie eine Vorstellung seiner Madame Butterfly zu besuchen.

Postoperativer Champagner

Am 24. November begann die zweite Phase der Behandlung. Um acht Uhr früh wurde Puccini in den Operationssaal gebracht und von Dr. Ledoux in Lokalanästhesie operiert. Ledoux spickt nach Fensterung des Larynx den Tumor mit etwa drei Zentimeter langen radiumhaltigen Hohlnadeln. Puccinis Krebsgeschwulst war aber schwer zugänglich, und die Operation dauerte daher vier Stunden. Die mit Radium gefüllten Nadeln ragten nach der Operation aus dem Hals und blieben üblicherweise für etwa acht Tage so liegen. Mit der „Halskrause“, wie sie Puccini nannte, wurden sie in ihrer Position festgehalten. Zur Sicherung des Atemweges legte Ledoux ein Tracheostoma an und versorgte es mit einer silbernen Kanüle. Die unmittelbar postoperative Phase war problemlos. Der Operateur war zufrieden. Puccinis Zustand besserte sich, und er konnte bereits mit eiskaltem Champagner sein ständiges Durstgefühl lindern.

Tod im Lehnstuhl

Sorgen bereitete ihm weniger sein Leben oder Sterben, sondern nur die Fertigstellung „seiner“ Oper. „Ich brauche noch zwölf Tage“, teilte er den Ärzten täglich bei der Visite mit. Die sollte er allerdings nicht mehr kriegen. Am 28. November kam es zur Katastrophe. Puccini brach in seinem Lehnstuhl ohnmächtig zusammen. Die Ärzte vermuteten als Ursache des Kreislaufzusammenbruchs einen massiven Tumorzerfall und entfernten die mühsam gesetzten Nadeln. Trotzdem kam es zu keiner Besserung. Am 29. November 1924, kurz vor zwölf Uhr Mittag, starb Giacomo Puccini. Turandot blieb unvollendet.

Am 25. April 1926 wurde Turandot in der Mailänder Skala uraufgeführt. Arturo Toscanini dirigierte die Premiere. An diesem Abend brach Toscanini die Aufführung nach dem Tod der Liù im dritten Aufzug ab, legte den Taktstock nieder, wandte sich zum Publikum und sagte leise: „Hier starb der Maestro.“

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 41 /2009

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