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Pulmologie 15. Oktober 2008

„Influenza di freddo“ (Narrenturm 158)

„Tote stapelten sich in den Gängen der Leichenhalle und man kam mit ihrer Beerdigung kaum nach.“ Dieser Satz stammt aus keiner mittelalterlichen Beschreibung des „Schwarzen Todes“. Dieses Horrorszenario ereignete sich in Amerika gegen Ende des Ersten Weltkrieges. Verantwortlich dafür war die sogenannte „Spanische Grippe“ von 1918/19 – die vermutlich verheerendste Seuche, die jemals über die Welt hinwegfegte.

 Foto: Regal/Nanut
Konfluierende Grippepneumonie mit eitriger Einschmelzung.

Foto: Regal/Nanut

Innerhalb kürzester Zeit tötete die Influenza-Pandemie nach Schätzungen von Experten damals weltweit zwischen 25 und 50 Millionen Menschen! Dennoch ist sie rätselhafterweise aus dem kollektiven Bewusstsein der Bevölkerung fast völlig verschwunden. Geschätzte 500 Millionen Menschen – damals immerhin ein Drittel der Weltbevölkerung – wurden infiziert, jeder zehnte starb. Vorher kerngesunde und meist junge Menschen entwickelten innerhalb kürzester Zeit eine schwere Entzündung der Lungen und erstickten qualvoll. Das prominenteste Opfer in Österreich war der erst 29 Jahre alte Egon Schiele, der – wie auch seine Frau – Ende Oktober 1918 an der Grippe starb.

Historiker verzeichnen erst ab dem 14. Jahrhundert Epidemien

Da es aus dem Altertum zwar Berichte über Todesraten, meist aber keine detaillierten Beschreibungen von Krankheitsbildern gibt, sind Medizinhistoriker über Auftreten und Verlauf von Epidemien in der Antike auf Vermutungen angewiesen. Hippokrates berichtet in seiner Schrift über „Epidemische Krankheiten“ über eine Epidemie, die sich im Jahr 412 v. Chr. ereignete. Medizinhistoriker halten dies der Beschreibung nach für die erste dokumentierte Grippeepidemie. Erst ab dem 14. Jahrhundert lassen sich Influenza-Epidemien in regelmäßigen Abständen belegen. Ob es sich tatsächlich um globale Pandemien handelte, ist letztlich jedoch nicht zu beweisen, aber die Grippeepidemie, die in den 1550-er Jahren in Europa ausbrach, dezimierte erwiesenermaßen neben der Bevölkerung Europas die Indianer auf der anderen Seite des Ozeans, und auch in Japan gab es etwa zeitgleich eine Seuche, die dort „Hustende Gewalt“ genannt wurde, an der „sehr viele starben“. Gut dokumentiert sind die Influenza-Pandemien des 18. Jahrhunderts. Der Philosoph Immanuel Kant, kein Arzt, aber selbst 1782 an der Grippe erkrankt, vermutete kleinste Insekten und die Verbreitung durch den Handel als Ursache für die Erkrankung. Messerscharf hatte Kant beobachtet, dass sich die Epidemie mit der Geschwindigkeit von Postkutschen ausbreitete, und daraus – zumindest was die Verbreitung angeht – die richtigen Schlüsse gezogen. Unnötig zu sagen, dass er für seine „abstruse“ Influenza-Theorie von den Ärzten heftig kritisiert und ausgelacht wurde. Neben wildesten Theorien von starken atmosphärischen Reizgasen über kleinste Pflanzen vermuteten die Medici als Ursache der Grippe – wie übrigens schon die alten Römer – die rauen kalten Winde und den „Einfluss der Kälte“ – „Influenza di freddo“. Eine Vorstellung, auf die offensichtlich auch der deutsche Begriff „Erkältung“ zurückgeht. Erst 1933 gelang einer englischen Forschergruppe die Isolierung des Erregers der menschlichen Grippe: das Influenzavirus, ein RNA-Virus der Familie Orthomyxoviridae.
Bis man allerdings dem Killervirus von 1918 auf die Spur kam, vergingen noch viele Jahrzehnte, in denen zwei weitere große Pandemien über die Welt fegten, die asiatische Grippe von 1957 und die Hongkong Grippe von 1968. Jeweils eine Million Todesopfer forderten diese Pandemien.

Längste Todesliste

Ende des 20. Jahrhunderts gelang es dann dem amerikanischen Virologen Jeffrey Taubenberger, aus den Lungen einer exhumierten jungen Frau das Virus vollständig zu sequenzieren. Die 1918 an der Spanischen Grippe verstorbene Frau war im Permafrostboden in Alaska begraben worden. Dauerhaft tiefe Temperaturen und auch das Körperfett der übergewichtigen Frau hatten die Lungen vor der Verwesung bewahrt. Die Veröffentlichung des Genoms wurde 2005 von der Fachzeitschrift „The Lancet“ zum „Paper of the year“ gewählt. Warum der Erreger von 1918 nicht wie die „normale Grippe“ die alten und gebrechlichen Menschen, sondern bevorzugt die 20- bis 40-jährigen tötete, ist unbekannt. Was das Virus so aggressiv machte, weiß man bis heute nicht.
Während die Diagnose Pest in Industriestaaten zwar nicht unbedingt Angst und Schrecken, aber immerhin ein mulmiges Gefühl in allen Bevölkerungsschichten entstehen lässt, obwohl sie heute mit Antibiotika gut behandelbar ist, gilt die Influenza höchstens als unangenehme Kränklichkeit und nicht als tödliche Bedrohung. Diese Viruserkrankung hat jedoch mehr Menschen getötet als irgendeine andere Krankheit, zudem gibt es noch immer keine wirkungsvolle Therapie. Die verheerende Seuche von 1918 – in Amerika starben damals so viele Menschen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung vorübergehend um zwölf(!) Jahre sank – wurde anscheinend kollektiv vergessen.

Globalisierung beschleunigt

Drei Jahre brauchte die Pest im 14. Jahrhundert, um sich über ganz Europa auszubreiten. Einige Monate benötigte die Spanische Grippe im Jahr 1918, um sich über den ganzen Erdball zu verbreiten. Heute, im Zeitalter der Globalisierung, würde eine hochinfektiöse Seuche dies vermutlich in ein paar Tagen schaffen. Niemand weiß, ob und wann durch eine Vermischung der Genome eines bekannten Influenza-Erregers mit einem Vogelgrippe-Virus ein neues Killervirus entsteht. Ein Virus, gegen das es noch keine Immunität in der Bevölkerung gibt. Ein Virus, das lernt, von Mensch zu Mensch zu „springen“ und das dann die nächste mörderische Pandemie, mit vermutlich noch mehr Todesopfern als die Seuche von 1918, auslösen könnte. Seit 1951 überwacht die WHO das Grippevirus weltweit. Man kann nur hoffen, dass ein Killervirus rechtzeitig entdeckt wird – unvorstellbar allerdings nicht, trotz Impfung und Neuraminidasehemmer. Statistisch gesehen ist die nächste Pandemie längst überfällig.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 42/2008

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