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Infektiologie 4. September 2008

Tod nicht nur am Nil (Narrenturm 154)

Sowohl Diagnose als auch der Beruf jenes Patienten, dessen Ureter als Feuchtpräparat in der Sammlung des pathologischanatomischen Bundesmuseums aufbewahrt wird, ist in hoch entwickelten Industriestaaten nicht alltäglich: Aus dem Etikett geht hervor, dass der Patient Schlangenbeschwörer war und an einer parasitären Krankheit litt, die fast ausschließlich in den Tropen und Subtropen vorkommt: der Wurmkrankheit Bilharziose (heute auch Schistosomiasis genannt).

Am 28. August 1851 berichtete der deutsche Arzt Theodor Maximilian Bilharz (1825 – 1862), der in einem Spital in Kairo arbeitete und dort Studien über menschliche Eingeweidewürmer betrieb, in einem Brief, dass er etwas „Wunderbares“ entdeckt habe – einen Trematoden mit getrenntem Geschlecht. Die meisten Saugwurmarten sind bekanntlich Zwitter. Nach hunderten Untersuchungen an Patienten und Sektionen – den Wurm fand Bilharz im Blut vieler Patienten und in fast jeder zweiten Leiche – gelang es ihm, das Geheimnis des rätselhaften Parasiten zu lüften. Den etwa ein bis zwei Zentimeter langen Wurm – das Männchen trägt in einer Bauchfurche das etwas längere Weibchen (daher auch „Pärchenegel“) – nannte er Distonum haematobium. Einige Jahre später gab Heinrich Meckel von Helmsbach (18221856), Anatom an der Charité in Berlin, dem Wurm Bilharz zu Ehren in einer Publikation den Namen „Bilharzia haematobia“. In den Veränderungen der Harnblase und des Dickdarms gelang es Bilharz auch die Eier des Parasiten nachzuweisen. Als erster Wissenschafter konnte er den Zusammenhang zwischen der in Ägypten extrem häufigen blutigen Blasenentzündung („Ägyptische Hämaturie“) und dem „kopulierenden Saugwurm“ herstellen. Die sorgfältige Beschreibung der durch den Wurm hervorgerufenen Krankheit ergänzte Bilharz mit exakten Zeichnungen. Seither trägt die nach der Malaria zweitwichtigste Tropenkrankheit seinen Namen. Außerhalb des deutschsprachigen Bereichs heißt sie heute auch „Schistosomiasis“ und der Erreger der Urogenitalbilharziose „Schistosoma haematobium“.
Die schmerzhafte Blasenentzündung ist in Ägypten seit Jahrtausenden endemisch. Sie quälte offensichtlich schon die Pharaonen. Armand Ruffer, ein französischer Arzt und der bedeutendste Erforscher ägyptischer Mumien seiner Zeit, konnte dies 1909 mit dem Fund von verkalkten PärchenegelEiern in den Nieren zweier Mumien aus der Zeit um 1000 v. Chr. nachweisen. Sogar eine eigene Hieroglyphe für die Wurmplage gab es bereits: ein tropfender Penis – Symbol für den blutigen Urin des BilharzioseKranken.

Ein geruhsamer Zwischenwirt ist einfacher zu infizieren

Zehn Jahre beforschte und enträtselte Bilharz die geheimnisvolle Krankheit. Er vermutete auch schon, dass der Wurm aus dem Wasser kommt. Endgültig aufgeklärt wurde der komplizierte Lebenszyklus des Pärchenegels aber erst im Jahr 1915.
Die Krankheit ist an warme Gewässer und an das Vorhandensein von Süßwasserschnecken als Zwischenwirte gebunden. Endwirt der humanpathogenen Arten ist der Mensch. Die Eier des Wurmes gelangen mit den menschlichen Ausscheidungen in die Gewässer zurück. Hier entwickeln sie sich zu Larven, die in die Schnecke eindringen können. In ihr werden aus den Larven Tausende von Zerkarien. Wenn sie die Schnecke nach einigen Wochen verlassen, müssen die kurzlebigen Zerkarien innerhalb eines Tages ihren Endwirt – spielende Kinder, Fischer, Reisbauern oder eben unwissende Touristen – finden und blitzschnell die intakte Haut durchdringen. Über die Lymphe gelangen sie in den Kreislauf und entwickeln sich zu reifen Pärchenegel. Je nach Art des Erregers wandern sie in die Venengeflechte verschiedener Organe. Nach der Paarbildung legt das Weibchen die Eier ab. Die Hälfte davon wühlt sich gleichsam rücksichtslos durch die Blase oder den Darm und wird hernach mit dem Stuhl oder Urin ausgeschieden – bei mangelnder Hygiene gelangen diese eben ins Wasser. Der Rest bleibt im Körper und verursacht Blutungen, chronische Entzündungen, verstopft Gefäße und schädigt die inneren Organe. Sind die Eier im Wasser, beginnt der Kreislauf erneut.
Zwischen dem 35. Breitengrad nördlich und südlich des Äquators sind heute in Afrika praktisch alle Bäche, Tümpel, Seen und Bewässerungskanäle mit Wurmlarven verseucht. Fatalerweise fördern gerade notwendige Bewässerungsprojekte und Staudämme das Erkrankungsrisiko erheblich und tragen zur weiteren Verbreitung der Seuche bei. Nach Angaben der WHO leiden zurzeit über 250 Millionen Menschen in 76 Ländern an Bilharziose, gefährdet sind rund 600 Millionen. Jedes Jahr sterben weltweit rund 200.000 Menschen an den Folgen eines nicht oder zu spät behandelten Befalles. Die Bilharziose oder Schistosomiasis ist eine typische Erkrankung in Ländern mit schlechten hygienischen Verhältnissen. Immer öfter aber reist der kleine lis­tige Saugwurm im Blut ahnungsloser Touristen als gefährliches Souvenir mit nach Hause.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 36/2008

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