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Innere Medizin 27. Juni 2008

Hermann Nothnagel, Internist (Narrenturm 149)

Wenige, die diese großen Worte in den Mund nehmen, wissen allerdings, wer diesen Satz einst gesprochen hat: Der Internist Hermann Nothnagel (1841–1905). Er rief diese Worte am 16. Oktober 1882 seinen Hörern bei seiner Antrittsvorlesung als Vorstand der 1. Medizinischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus in Wien zu. Hier sprach er auch den für ihn programmatischen Satz: „Mit Kranken, nicht mit Krankheiten hat die Klinik zu tun“.

Heute vergessen und fast unbekannt, war Nothnagel Ende des 19. Jahrhunderts einer der berühmtesten und gesuchtesten Internisten Europas. Ärzte aus der ganzen Welt schickten Patienten in seine Ordination in Wien. Konsultationsreisen zu höchsten Persönlichkeiten und gekrönten Häuptern Europas und Russlands mit Eisenbahn und Dampfschiff waren auf der Tagesordnung. Eine Büste auf einer der Fensterbänke im Narrenturm erinnert an diesen vielseitigen Wissenschafter, Lehrer und Arzt.
Nothnagel promovierte 1863 in Berlin und habilitierte sich 1866. Sein 1870 erschienenes Handbuch der Arzneimittellehre, in dem er das gesamte gesicherte Wissen über die Wirkung der neuen Arzneimittel überaus praxisgerecht darstellte, galt jahrzehntelang als Standardwerk und wurde in fast alle Weltsprachen übersetzt. Mit Nothnagel war die Zeit des therapeutischen Nihilismus endgültig vorbei. Sigmund Freud, der sich ebenso wie Julius Wagner-Jauregg beim „kometenhaft am Wiener klinischen Himmel aufgehenden Stern“ um eine Stelle bewarb, portraitierte Nothnagel in einem Brief an seine Verlobte: „Ein germanischer Waldmensch ... Zwei mächtige Warzen an der Wange und an der Nasenwurzel, nichts von Schönheit, aber gewiss etwas Besonderes.“ Für Freud war Notnagels Arztsein die Verbindung von wissenschaftlicher und praktischer ärztlicher Tätigkeit, die er auch für sich selbst anstrebte. Freud durfte einige Monate als unbezahlter Hilfsarzt bei Nothnagel arbeiten.

Primat der Klinik

Nothnagels Berufung auf die einstige Lehrkanzel Skodas bedeutete eine Periode des Fortschritts für diese Klinik. Er erweiterte die physikalische Krankenuntersuchung um die neuesten modernen Untersuchungsmethoden. Mit bahnbrechenden klinischen Forschungen leitete er einen neuen ruhmreichen Abschnitt der Wiener Klinik ein. Nothnagel befasste sich in seinen Arbeiten vorwiegend mit neurologischen Problemen, mit der Pathologie des Darmes und der Gefäße. Bei der Diagnostik legte er zwar größten Wert auf chemische Befunde, aber der „klinische Blick“ war für ihn von ebensolcher Wichtigkeit. Damit folgte er dem Holländer Anton de Haen, der damals den Begriff vom „Primat der Klinik“ prägte. Für Nothnagel bedeutete dies, dass trotz aller technischer Hilfsmittel alle ärztlichen Entscheidungen am Krankenbett zu erfolgen haben – und nicht in einem Laboratorium. Besonders wichtig war für ihn der Puls und seine Beschaffenheit. Er rühmte sich „dreimalhunderttausend Pulse in der Hand gehabt zu haben“. Nothnagel war der erste, der die Bedeutung des Blutdrucks für viele Krankheiten beschrieb und erkannte, dass die Ursache der Angina pectoris und ihrer Schmerzen nicht – wie bis dahin angenommen – eine Herzschwäche ist. In der Therapie setze er, neben dem noch immer recht bescheidenen pharmazeutischen Rüstzeug, das gesamte Arsenal an physikalischer Medizin, Elektro-, Hydro-, Balneo- und Klimatherapie ein. Von der sich gerade entwickelnden Immunologie mit ihren Impfungen erhoffte er sich gewaltige Fortschritte in der Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Sein letztes therapeutisches Ziel „uns Ärzte entbehrlich zu machen“ ist allerdings bis heute nicht in Erfüllung gegangen.

Aufzeichnungen neben dem Bett

Seine eigene Angina pectoris, deren Genese er selbst zu erklären versuchte, und seinen Puls beobachtete Nothnagel bis zuletzt akribisch: „Anfälle mit heftigsten Schmerzen, Puls im Anfall ganz verschieden; einmal langsam, zirka 56 bis 60, ganz regelmäßig, stark gespannt, dann wieder beschleunigt, 80 bis 90, ziemlich gleich- und regelmäßig, endlich bald beschleunigt, bald langsamer, mit wechselnder Spannung. Die ersten Erscheinungen dieser Anfälle datieren mehrere drei bis vier Jahre zurück, anfänglich ganz schwach, allmählich immer ausgesprochener. Eigentliche Anfälle mit starken Schmerzen sind erst vor fünf oder sechs Tagen aufgetreten. Geschrieben am 6. Juli 1905 abends spät, nachdem ich soeben drei heftige Anfälle gehabt habe.“ In der Nacht vom 6. auf 7. Juli 1905 starb Hermann Nothnagel in seiner Wohnung in der Rathausstrasse in Wien. Die handschriftliche Aufzeichnung über seine letzten stenokardischen Anfälle lag neben seinem Bett.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 26/2008

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