zur Navigation zum Inhalt
 

Eine Pille verändert die Welt (Narrenturm 148)

Die „Pille“ ist ein Medikament mit durchaus revolutionärer Tragweite. Bemerkenswert viele Österreicher entwickelten sie mit.

 Moulage
Viele Zutaten werden für eine Schwangerschaft benötigt. Moulage „Befruchtung und Embryonalentwicklung“ aus dem Narrenturm.

Foto: Nanut/Regal

Sie ist das erfolgreichste Medikament aller Zeiten: die Anti-Baby-Pille. Als die Pille 1961 vom Pharmakonzern Schering auf den europäischen Markt gebracht wurde, bezeichnete der Beipackzettel die „Unfruchtbarkeit während der Einnahme“ verschämt als „Nebenwirkung“, eingeführt wurde Anovlar® als Medikament gegen Menstruationsbeschwerden. Erst nach einer Story in der Illustrierten Stern mit dem Titel Eine Pille reguliert die Fruchtbarkeit musste der Konzern die Öffentlichkeit umfassend informieren und löste damit eine gehässig geführte Diskussion aus. Für die einen war die Pille das Symbol befreiter Sexualität, für die anderen verhasstes Symbol der Sünde und Prostitution. Von den einen als Erfüllung eines Jahrtausende alten Traumes der sicheren Verhütung enthusiastisch gefeiert, von den anderen als „Ende der Moral“ und „Teufelszeug, durch das alle deutschen Frauen zu Huren würden“ in Grund und Boden verdammt. Sowohl der Aufruhr als auch die Lobeshymnen über das sicherste Verhütungsmittel der Welt haben sich gelegt. Dennoch hat wohl nichts die Gesellschaft des 20. Jahrhunderts mehr verändert als die Pille.
Offiziell als Verhütungsmittel kam die Pille 1960 in den USA auf den Markt. Die Geschichte der Pille begann aber bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Überraschend viele österreichische Forscher waren an ihrer Entwicklung beteiligt. Der österreichische Gynäkologe Emil Knauer transplantierte 1895 Ovarien auf kastrierte Kaninchen und beobachtet damit erstmals die Wirkung von Sexualhormonen. Der Innsbrucker Physiologe Ludwig Haberlandt (1885–1932) konnte 1919 mit Eierstockverpflanzungen bei Tieren beweisen, dass eine Schwangerschaft die Reifung weiterer Eizellen blockiert. Später experimentierte er mit Injektionen und oralen Gaben von Extrakten aus Eierstöcken, um hormonell bei Tieren eine temporäre, reversible Sterilisierung zu erreichen. Er spekulierte, dass mit den „richtigen“ Extrakten dies auch bei Frauen möglich sein könnte. Seine wirklich bahnbrechenden Ergebnisse und Überlegungen stellte er erstmals 1921 vor.
Der Wiener Ottfried Otto Fischer konnte durch eigene Untersuchungen die Ergebnisse bestätigen und unterstützte Haberlandts Idee. Aber schon damals waren die Gegner der Geburtenkontrolle höchst aktiv. 1923 wurde in Innsbruck ein Gesetzesentwurf eingereicht, der ein „Verbot der temporäreren Sterilisierung nach Haberlandt und andere Verfahren, welche als Verbrechen gegen keimesfähiges Leben zu ahnden sind“ vorsah. Aber Haberlandt ließ sich nicht beirren und fütterte weiter Ovarialextrakte an Mäuse. Im Januar 1927 erschien im Berliner Acht-Uhr-Abendblatt ein Artikel mit folgender Schlagzeile: „Unfruchtbarmachung der Frau durch Tabletten. Die umwälzende Entdeckung des Innsbrucker Forschers Haberlandt“. Aber die pharmazeutische Chemie war noch nicht so weit. Haberlandt starb 1932 im Alter von nur siebenundvierzig Jahren und seine Ideen gerieten in Vergessenheit. Erst sechs Jahre später stellte die Firma Schering erstmals das Hormon Östrogen künstlich her. Die Synthese eines oral wirksamen Östrogens gelang wiederum einem Österreicher: Walter Hohlweg veränderte mit Kollegen bei Schering das Molekül so lange, bis er das oral wirksame – auch heute noch in allen Kombinationspillen enthaltene – Ethinestradiol fand.
Ein Meilenstein in der Entwicklung der Pille war das Jahr 1951. Da meldete der 1939 nach Amerika emigrierte Wiener Chemiker Carl Djerassi einen Abkömmling des Schwangerschaftshormons Progesteron als Verhütungsmittel zum Patent an. Er hatte das bereits in niedriger Dosierung wirksame Hormon gemeinsam mit dem Biologen Gregory Pincus (1903–1967) und dem Gynäkologen John Rock (1890—1984) entwickelt. 1951 fand auch die berühmte Dinnerparty statt, die heute als Geburtsstunde der Pille gilt. Die siebzigjährige Krankenschwester Margaret Sanger und ihre Milliarden schwere Freundin Katharine McCormick gaben bei dieser Party Pincus den Auftrag, ein Kontrazeptivum zu entwickeln, das „wie Aspirin“ zu schlucken sei. Die klinischen Studien begannen 1954 unter dem Codenamen „PPP“ (Pincus Progesteron Projekt). Zwei Millionen Dollar kostete der Mäzenin letztlich ihr Lieblingsprojekt. Die Pille Enovid® erhielt 1957 in den USA als Präparat gegen menstruelle Beschwerden die Zulassung. 1960 wurde es schließlich als erstes hormonales Verhütungsmittel in den USA bewilligt.
In Deutschland kam die erste Pille 1961 unter dem Namen Anovlar® auf den Markt. 1968 verbot Papst Paul VI. nach vielen Diskussionen, in denen auch der österreichische Gynäkologe und Pillen-Gegner Hermann Knaus – seines Zeichens Erfinder einer der unsichersten aller Verhütungsmethoden – gehört wurde, in der Enzyklika „Humanae vitae“ die Pille. Allerdings verweigerten hier – v.a. in den Industrieländern – auch durchaus gläubige Christen dem Papst und den Hütern der traditionellen Verbotsmoral die Gefolgschaft. Zurzeit gibt es etwa eine Milliarde Frauen im gebärfähigen Alter. Von diesen nehmen weltweit 60 bis 80 Millionen regelmäßig die Pille ein. Vermutlich nicht nur zur Behandlung von Menstruationsbeschwerden. Die Zyklusregulation ist heute eine „Nebenwirkung“ des Präparates.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 25/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben