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Chirurgie 13. Juni 2008

Von verschluckten Messern und einem menschlichen Versuchskaninchen (Narrenturm 147)

Sieht man einmal von zwei schriftlich dokumentierten, eher tollkühnen „Magenoperationen“ Anfang des 17. Jahrhunderts ab, begann die eigentliche, wissenschaftliche Magen-Darm-Chirurgie erst 250 Jahre später. Die erste offizielle Narkose fand 1846 statt, und endlich konnte ohne Zeitdruck, vorsichtig und genau, operiert werden. 1867 führte dann Joseph Lister (1827–1912) die Antiseptik ein, er versuchte die Keime durch „desinfizierende“ Mittel abzutöten und berieselte das Operationsfeld kontinuierlich mit Karbolspray. Nach und nach wurde so die meist tödlich verlaufende postoperative Sepsis durch Wundinfektionen seltener. Narkose und Antiseptik, um 1890 dann ergänzt durch die Aseptik – hier wird der Zutritt von Keimen zur Operationswunde durch Desinfektion der Hände, Sterilisation der Instrumente und Verbände verhindert – ermöglichten es den Chirurgen, sich schließlich an immer größere Operationen zu wagen.

Die Geschichte der „Magenchirurgie“ begann auf einem Jahrmarkt in Prag. Hier trat im Jahr 1602 ein sogenannter „Messerschlucker“ auf. Irgendwie scheint der Gaukler aber damals nicht recht bei der Sache gewesen zu sein. Das Kunststück misslang. Diesmal aber gründlich. Zum Entsetzen des Publikums verschluckte der Künstler tatsächlich sein Messer. Zum Glück war der Wanderchirurg Florian Mathis – die Wanderchirurgen pflegten meist im Tross mit Zauberkünstlern, Artisten und ande-ren Gauklern durch die Lande zu reisen – auch auf dem Jahrmarkt. Der Wundarzt klebte dem Verunglückten magnetische Pflaster auf den Leib, um das Messer gleich-sam „herauszuziehen“. Tatsächlich konnte er nach sieben Wochen(!) die Messerspitze durch die Bauchdecke ertasten. Mathis setzte ei-nen kühnen Schnitt an dieser Stel-le und beförderte das „ganz verrostete Messer“ – wie in einem zeitgenössischen Bericht beteuert wird – wieder ans Tageslicht.
Die zweite Magenoperation fand am 9. Juli 1635 in Königsberg statt. Ein junger Knecht hatte bei einer Hochzeitsfeier offensichtlich zu viel getrunken und gegessen. Um weiter saufen und essen zu können, wollte er, wie damals üblich, durch Reizen der Rachenhinterwand ein künstliches Erbrechen auslösen. Dazu verwendete er dummerweise sein Taschenmes-ser, es kam, wie es kommen musste – er verschluckte es. Seine Kumpane brachten ihn daraufhin schnellstens zum örtlichen Wundarzt Daniel Schwabe. Der band ihn sofort auf den Operationstisch und schnitt ihm bei vollem Bewusstsein – eine gehörige Menge Alkohol hatte er vermutlich ohnehin in sich – den Bauch auf. Da Schwabe trotz eifrigen Suchens den Magen zunächst nicht fand – er vergaß das Peritoneum zu durchtrennen –, musste er dem vor Schmerzen brüllenden Knecht einen weiteren Schnitt zufügen. Jetzt klappte es. Er fand den Magen und konnte das verschluckte Messer letztlich bergen.
In Moritaten berichteten Bänkelsänger auf Jahrmärkten diese schauerliche Geschichte noch jahrzehntelang. Überraschenderweise – und sicherlich rein zufällig – überlebten beide Patienten. Wie man besonders im zweiten Fall sieht, hatten die Wundärzte – die akademisch ausgebildeten Buchärzte scheuten das Messer ja wie der Teufel das Weihwasser – da-mals fast keine anatomischen Kenntnisse. Sie wussten weder, wo sich der Magen befindet, noch, wie er arbeitet.

Verletzter Trapper half der Medizin zu mehr Kenntnissen

Erst 200 Jahre später gelang es William Beaumont, einem Wundarzt der amerikanischen Armee, das Rätsel der Magenfunktion zu lösen. Er behandelte im Jahr 1822 einen Pelztierjäger, der durch einen Schuss aus einer Schrotflinte im Bereich Brust, Zwerchfell und Magen verletzt worden war. Beaumont gelang es, die Wunden zusammenzuflicken und den jungen Trapper zu retten. Ein Jahr später war er, bis auf eine große Fistel im Magen, durch die alle Speisen und Getränke, die er zu sich nahm, nach außen flossen, gesund. Unerwartet bildete sich aber später aus der Magenwand eine Art Falte, die wie ein Ventil wirkte. Die Nahrung wurde dadurch am Ausflie-ßen gehindert. Die Falte konnte aber mit den Fingern leicht zurückgedrückt werden.
Beaumont erkannte sofort, welch einmalige Gelegenheit zur Erforschung der Verdauung er bei seinem Patienten Alexis St. Martin hatte. Wie durch ein Guckloch konnte er in den Magen hineinsehen und „den Verdauungsvorgang beobachten“. Er beschäftigte seinen Patienten sogar als Diener, um die Schleimhaut des Magens unter verschiedensten Kostformen beobachten zu können. Sechs Jahre lang experimentierte er am Magen seines Angestellten.
Seine minutiös aufgezeichneten Erkenntnisse publizierte Beaumont 1833 in einem Buch über den Magensaft und die Physiologie der Verdauung – damals eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Publikationen aus den Vereinigten Staaten. Am Beispiel seines „Versuchskaninchens“ konnte er auch demonstrieren, dass es möglich ist, einen Menschen über eine Fistel künstlich zu ernähren.
Alexis St. Martin wurde in den USA so etwas wie eine medizinische Berühmtheit. Er überlebte Beaumont um Jahrzehnte. Er wurde trotz seiner Fistel 86 Jahre alt und präsentierte sich und seinen Magen gegen Bezahlung bis ins hohe Alter an medizinischen Universitäten.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 24/2008

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